Die Pustintcha, auch Pustincha (paschtunisch پوستينچه [postinčá]), ist eine traditionelle Pelzbekleidung in Afghanistan. Sie stellt als Weste eine kürzere Form des afghanischen Pustin dar. Sie wird mit dem Haar nach innen getragen, die Lederseite ist in der Regel bestickt. In den 1960 bis 1970er Jahren wurde sie als Teil der Hippie-Kultur populär, in London und New York war sie ein fester Bestandteil der sogenannten Ethno-Mode. Eigentlich eine Weste, werden mit der Adaption in die westliche Mode gelegentlich auch ähnlich bestickte Lammfelljacken und -mäntel als Pustintcha angeboten.

Ursprünglich ist die Pustintcha als wärmendes, in entsprechender Ausführung auch repräsentatives Männerbekleidungsstück, ein Teil der Kleidung der in den Hochlagen Afghanistans lebenden ethnischen Gruppen, wie Paschtunen, Hazara und Tadschiken.
Bei den afghanischen Velourspelzen werden inzwischen verschiedene Varianten unterschieden:
In ihrer überlieferten Herstellungsweise werden die ansonsten naturbelassenen Felle von männlichen Arbeitskräften mit Granatbaumrinde gegerbt, zugeschnitten und genäht. Frauen und Mädchen bestickten sie mit geometrischen und floralen Mustern, meist aus rotem oder gelbem Baumwollgarn. Die Motive unterschieden sich je nach Region. Die Pelzarten waren vor allem Schaffell, besonders vom Karakulschaf, und Ziegenfell, in geringer Zahl auch Fuchsfell und manchmal Bärenfell. Oft sind die Kanten und Nähte dekorativ betont, mit farbigen Stickereien, Ledersäumen oder Fellbesatz.
Die ärmere Bevölkerung konnte sich eher die kleineren, weniger Fell verbrauchenden Pustintchas oder Pustakis leisten. Zumeist waren jedoch die größeren Pustins einfacher gearbeitet und dadurch ebenfalls preisgünstig. Hohe Regierungsbeamte, wohlhabende Geistliche und Kaufleute kauften sich reich verzierte, ihrem Status entsprechende Pustins, in dieser Ausführung gelten sie auch als Statussymbol. Maynard Owen Williams, Korrespondent der National Geographic Society, bezeichnete 1946 die Pustin als „den Inbegriff maskulinen Chics“. Der archetypische afghanische Mann, schrieb er, sei „in rot besticktes Schaffell gekleidet“.
Der wichtigste Handelsplatz für die Pustintchas lag im südlich von Kabul gelegenen Ghazni. In den frühen 1960er Jahren begann in Afghanistan ein Modernisierungsprogramm, und immer mehr Ausländer kamen ins Land. Bereits 1955 hatte die britische Archäologin Sylvia A. Matheson dort „einen Laden nach dem anderen“ gesehen, „die nichts anderes als Pustin anboten“. 1968 entdeckte die Amerikanerin Ira Serets einige importierte afghanische Fellmäntel. Sie erkannte das kaufmännische Potential und machte die Pelze über Modestrecken in den Zeitschriften Vogue und Life außerhalb Afghanistans bekannt. Das Unternehmen Serets und Sons importierte aus Istalif, einem Dorf hoch in den Bergen nördlich von Kabul, bald immer größere Stückzahlen, nach eigener Aussage „angetrieben von den Beatles und Jimi Hendrix“. Der internationale Erfolg der Pustintcha verstärkte einen Gefühlsumschwung bei der Kabuler Elite zu einer Akzeptanz der afghanischen Kleidung und einem eigenen Brauchtum.
Ghazni wurde durch Kabul als afghanisches Zentrum der Pustintcha-Produktion abgelöst. 1968 beschäftigte der dort größte Betrieb 30 Arbeiter. Als 1970 die Nachfrage nicht nur in den USA und Europa, sondern auch in Japan stark anstieg, arbeiteten in einem der Betriebe 160 Stickerinnen. Deren Tagesproduktion betrug 30 bis 40 Mäntel. Ein anderes Unternehmen baute für seine 250 bis 300 Stickerinnen ein Wohnheim. Hauptsächlich waren die Arbeitskräfte Frauen aus den Provinzen, in denen es bereits zahlreiche qualifizierte Näherinnen gab. In vielen der angrenzenden Länder und darüber hinaus stellte die Pelz- und Lederstickerei einen der wichtigsten Wirtschaftszweige dar. Sehr ähnliche bestickte Schafs- und Lammpelze exportiert beispielsweise der Iran mit seiner alten Gerbertradition.
Die Pustintcha gilt als kunsthandwerkliches Produkt als ein Teil des „textilen Kulturerbes“ Afghanistans und wird wohl weiterhin getragen, unter anderem auch in der Diaspora als Zeichen kultureller Zugehörigkeit. Besondere und beispielhafte Einzelstücke werden gesammelt und in ethnografischen Museen ausgestellt. Alte originale Exemplare sind nur selten gut erhalten, da sie im Gebrauch leicht verschmutzen und empfindlich auf Abrieb und Nässe reagieren.
Besondere Aufmerksamkeit fand die Pustintcha als typisches Bekleidungsstück der Hippies, der in den 1960er Jahren in den USA entstandenen gegenkulturellen Jugendbewegung. In ihrem Auftreten setzte sich die Hippie-Bewegung unter anderem mit Naturverbundenheit, Konsumkritik und Abkehr von der industriell gefertigten Massen-Mode provokativ ab. In dieser Kultur etablierte sich neben einem eigenen Musikstil auch ein eigener Kleidungsstil. Zu den wallenden Batikgewändern mit bunten Farben passte die individuelle Pustintcha offenbar gut als zudem wärmendes Attribut. Getragen wurde sie von Männern und Frauen. Ab der Zeit wurde sie zu einem erfolgreichen Exportartikel Afghanistans.
Auf der als Hippie trail bezeichneten Reiseroute kamen in den 1960er und 1970er Jahren zahlreiche Westeuropäer, Nordamerikaner, Australier und Japaner nach Südasien. Afghanistan war wegen des Angebots leicht erhältlicher und preiswerter Drogen von 1969 bis zur Saurrevolution 1978 eines der begehrtesten Reiseziele der Hippies. Entdeckt wurde die Pustintcha von Hippies und Händlern in der Chicken Street in Shahr-e Naw, einer Touristenmeile mit Antiquitätenläden, Kleider-, Stickerei- und Schmuckgeschäften sowie Teppichhändlern.
Prominente Rock- und Popstars wie Jimi Hendrix, Janis Joplin, die Kinks (1977), Syd Barrett von Pink Floyd oder Pete Townshend von The Who zeigten sich in oder zumindest den afghanischen Originalen ähnlichen Lammpelzen. Der Auftritt der Beatles mit der Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band im Mai 1967 in London wurde als „ein musikalischer und modischer Meilenstein“ bezeichnet. Alle vier Beatles erregten in ihren Aufmachungen Aufmerksamkeit, besonders aber John Lennon mit einem schrillen Outfit, darüber ein Mantel aus afghanischem Schaffell, Fell innen, das Leder gelb gegerbt und vorne und an den Ärmeln mit großen roten Blumen bestickt. Diese Art Lammpelze wurden zu einem Trend. Im Englischen oft „Afghans“ genannt, wurden sie bis in die späten 1960er Jahre von vielen Prominenten getragen. Für fast ein Jahrzehnt wurden sie zur Standardkleidung eines Teils der Jugend, „ein archetypisches Hippie-Kleidungsstück und Symbol der Gegenkultur“. Auf dem Albumcover zu ihrem Film Magical Mystery Tour trugen alle vier Beatles Pustintchas mit dem Haar nach außen. Als die Beatles sich im Einzelhandel versuchten, „waren in ihrer Apple Boutique ganze Regale voll davon“.
In den USA bildeten 1968 alle Hochglanzmagazine Pustintchas oder ihr zumindest nachempfundene Lammpelze ab, es gab sie bei Bloomingdale’s und Macy’s. Die Vogue berichtete, dass afghanische „Mäntel und Westen, wunderschön mit farbigen Seidengarnen bestickt“, von Limbo „weggeschaufelt“ wurden, einer Boutique im New Yorker East Village, die als erste gebrauchte Levi's-Jeans an die lokale Hippie-Kundschaft verkaufte. Das Magazin Life bildete Pustintchas ab, die Ira Seret von Seret & Sons aus Afghanistan an den New Yorker Ausstatter Mallory geschickt hatte. Harper’s Bazaar widmete Mallorys bestickten und geflochtenen Westen zwei Seiten.
Selbst als der Preis sich fast verdoppelt hatte, waren sie für westliche Käufer immer noch billig. Wegen der einfachen Gerbung, die eher einem Beizen entsprach, rochen die Importe, wenn sie nass wurden. Die ersten in Kabul eröffneten chemischen Reinigungen boten daher eine „exklusive geruchsneutrale Behandlung“ der Pelze an.
Zur Pelzmesse 1968 in Frankfurt am Main inserierte ein französischer Großhändler: „Pustintcha – Afghanische Handstickereien auf Karakul-Velours und Lamm-Velours in sportlichen und extravaganten Modellen, remodelliert in Frankreich“.