Kompakter Raum

Kompaktheit ist ein zentraler Begriff des mathematischen Teilgebiets der Topologie. Es handelt sich um eine Eigenschaft, die einem topologischen Raum zukommt oder nicht. Sie kommt bei vielen mathematischen Untersuchungen zum Tragen – oft auch in abgeschwächter Form als Lindelöf-Eigenschaft oder Parakompaktheit. Lokalkompaktheit ist im Falle von Hausdorff-Räumen ebenfalls eine abgeschwächte Bedingung.

Ein kompakter topologischer Raum wird – je nach Kontext – einfach kompakter Raum oder auch Kompaktum genannt. Handelt es sich dabei um einen kompakten Unterraum innerhalb eines topologischen Raumes, so spricht man oft nur von einer kompakten (Teil)menge, ohne die Unterraumtopologie eigens zu erwähnen.

Wichtige Beispiele für kompakte Mengen sind abgeschlossene und beschränkte Teilmengen des Euklidischen Raums wie etwa das Einheitsintervall oder die Polyeder oder auch die Einheitssphäre .

Einfache Beispiele für Nicht-Kompaktheit bilden die unendliche Teilmengen der Menge der natürlichen Zahlen (nicht beschränkt!) oder auch jedes halboffene Intervall der Form (nicht abgeschlossen!).

Definition

Kompaktheit im Euklidischen Raum

Eine Teilmenge des euklidischen Raums heißt kompakt, wenn sie abgeschlossen und beschränkt ist. Für diese spezielle Definition gilt der Satz von Heine-Borel:

Eine Teilmenge des ist genau dann kompakt, wenn jede offene Überdeckung der Teilmenge eine endliche Teilüberdeckung enthält.

Der Satz von Heine-Borel motiviert die folgende Verallgemeinerung der Definition der Kompaktheit auf topologische Räume.

Kompaktheit in topologischen Räumen

Ein topologischer Raum heißt kompakt, wenn jede offene Überdeckung

eine endliche Teilüberdeckung

besitzt.

Eine Teilmenge eines topologischen Raums heißt kompakt, wenn jede offene Überdeckung

eine endliche Teilüberdeckung

besitzt. Die beiden Begriffe sind kompatibel. Eine Teilmenge eines topologischen Raumes ist genau dann kompakt, wenn sie als topologischer Raum mit der Teilraumtopologie kompakt ist.

Einige Autoren, wie beispielsweise Nicolas Bourbaki, verwenden für die hier definierte Eigenschaft den Begriff quasikompakt und reservieren den Begriff kompakt für kompakte Hausdorff-Räume. Manche Autoren nennen die Kompaktheit zur klareren Abgrenzung von der Folgenkompaktheit auch Überdeckungskompaktheit.

Kompaktheit metrischer Räume

Metrische Räume sind topologische Räume, für die sich die Eigenschaft der Kompaktheit auf vielfältige Art und Weise charakterisieren lässt. Es gilt nämlich für jeden metrischen Raum die Gleichwertigkeit der folgenden Aussagen:

(1.) ist kompakt.
(2.) ist vollständig und totalbeschränkt.
(3.) Jede in gelegene Folge enthält eine konvergente Teilfolge.
(4.) Jede unendliche Teilmenge von besitzt mindestens einen Häufungspunkt.
(5.) Jede stetige reellwertige Funktion ist beschränkt.
(6.) Jede abgeschlossene diskrete Teilmenge von ist endlich.

Dies bedeutet insbesondere, dass für einen metrischen Raum stets auch die Eigenschaften der Kompaktheit, der Folgenkompaktheit und der Abzählbaren Kompaktheit völlig gleichwertig sind.

Darüber hinaus gilt noch die folgende auf Georg Cantor zurückgehende Charakterisierung, die oft als cantorscher Durchschnittssatz bezeichnet wird:

Ein metrischer Raum ist dann und nur dann kompakt, wenn er die folgende Eigenschaft aufweist:
Jede monoton fallende Mengenfolge
,
die aus lauter nichtleeren abgeschlossenen Teilmengen von besteht, hat nichtleeren Durchschnitt:
.

Geschichte

Um das Jahr 1900 waren die Gleichwertigkeit der folgenden Charakterisierungen kompakter Teilmengen des bekannt:

  1. Die Teilmenge ist beschränkt und abgeschlossen.
  2. Jede Teilmenge von mit unendlich vielen Elementen hat wenigstens einen Häufungspunkt. (Satz von Bolzano-Weierstraß)
  3. Jede Folge in besitzt eine in konvergente Teilfolge. (Satz von Bolzano-Weierstraß)
  4. Jede offene Überdeckung von hat eine endliche Teilüberdeckung. (Satz von Heine-Borel)

Die erste Charakterisierung ist abhängig von der gewählten Metrik. Die anderen drei Charakterisierungen hingegen lassen sich auf beliebige topologische Räume übertragen und bieten somit eine Möglichkeit einen Kompaktheitsbegriff für topologische Räume zu definieren. Maurice René Fréchet nannte 1906 Teilmengen metrischer Räume kompakt, die die zweite Eigenschaft erfüllten. Diese Definition wurde später auf topologische Räume übertragen. Man nannte also die im heutigen Sinne abzählbar kompakten Räume damals kompakt. Pawel Sergejewitsch Alexandrow und Pawel Samuilowitsch Urysohn führten 1924 den heutigen Kompaktheitsbegriff im Sinne der vierten Eigenschaft ein. Räume, die diese Eigenschaft erfüllten, nannten sie bikompakt. Diese Kompaktheitsdefinition setzte sich allerdings erst um 1930 durch, als Andrei Nikolajewitsch Tichonow bewies, dass beliebige Produkte bikompakter Räume wieder bikompakte Räume ergeben. Dieses Resultat ist heute als Satz von Tychonoff bekannt. Für abzählbar kompakte und folgenkompakte Räume (Eigenschaft drei) gilt dies nicht.

Von Endlichkeit zu Kompaktheit

Der Punkt wird von getrennt.

Ein wichtiger Grund für die Betrachtung kompakter Räume ist, dass sie in mancher Hinsicht als Verallgemeinerung von endlichen topologischen Räumen gesehen werden können, insbesondere sind auch alle endlichen Räume kompakt. Es gibt viele Ergebnisse, die sich leicht für endliche Mengen beweisen lassen, deren Beweise dann mit kleinen Änderungen auf kompakte Räume zu übertragen sind. Hier ein Beispiel:

Wir setzen voraus, dass ein Hausdorff-Raum ist, ein Punkt aus und eine endliche Teilmenge von , die nicht enthält. Dann können wir und durch Umgebungen trennen: für jedes aus seien und disjunkte Umgebungen, die jeweils bzw. enthalten. Dann sind die Schnittmenge aller und die Vereinigung aller die benötigten Umgebungen von und .

Ist nicht endlich, gilt der Beweis nicht mehr, da der Durchschnitt von unendlich vielen Umgebungen keine Umgebung mehr sein muss. Für den Fall, dass kompakt ist, lässt sich die Beweisidee aber wie folgt übertragen:

Wir setzen wieder voraus, dass ein Hausdorff-Raum ist, ein Punkt aus und eine kompakte Teilmenge von , die nicht enthält. Dann können wir und durch Umgebungen trennen: für jedes aus seien und disjunkte offene Umgebungen, die jeweils bzw. enthalten. Da kompakt ist und von den offenen Mengen überdeckt wird, gibt es endlich viele Punkte mit . Dann sind die Schnittmenge aller und die Vereinigung aller , , die benötigten Umgebungen von und .

Man sieht an diesem Beispiel, wie die Kompaktheit verwendet wird, um von möglicherweise unendlich vielen Umgebungen auf endlich viele zu kommen, mit denen dann der bekannte Beweis für endliche Mengen fortgeführt werden kann. Viele Beweise und Sätze über kompakte Mengen folgen diesem Muster.

Beispiele

Kompakte Räume

Nicht kompakte Räume

Eigenschaften

Andere Formen von Kompaktheit

Es gibt einige topologische Eigenschaften, die äquivalent zur Kompaktheit in metrischen Räumen sind, aber nicht äquivalent in allgemeinen topologischen Räumen:

Während diese Konzepte für metrische Räume äquivalent sind, gibt es im Allgemeinen folgende Beziehungen:

Siehe auch

Literatur

Einzelnachweise

  1. Boto von Querenburg: Mengentheoretische Topologie. 3., neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Springer, Berlin u. a. 2001, ISBN 3-540-67790-9
    1. 1 2 3 105
    2. ↑ 330
  2. ↑ Winfried Kaballo: Grundkurs Funktionalanalysis. 1. Auflage. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2011, ISBN 978-3-8274-2149-4, S. 26.
  3. ↑ Lutz Führer: Allgemeine Topologie mit Anwendungen. Vieweg, Braunschweig 1977, S. 95.
  4. ↑ Horst Schubert: Topologie. Eine Einführung. B. G. Teubner Verlag, Stuttgart 1975, S. 64.
  5. ↑ Lutz Führer: Allgemeine Topologie mit Anwendungen. Vieweg, Braunschweig 1977, S. 102.
  6. ↑ Nicolas Bourbaki: Elements of Mathematics. General Topology. Band 1. Springer, Berlin u. a. 1966, Kapitel II, § 4.3, Proposition 4.
  7. ↑ István Sándor Gál: Uniformizable Spaces with a Unique Structure. In: Pacific Journal of Mathematics. Band 9, Nr. 4, August 1959, ISSN 0030-8730, S. 1053–1060 (online [PDF; 1,2 MB]).

Anmerkungen und Hinweise

  1. ↑ Es ist hier indes Vorsicht geboten. In der englischsprachigen Fachliteratur versteht man nämlich nicht selten unter einem „compactum“ lediglich einen kompakten metrischen Raum. Vgl. etwa Eric W. Weisstein: Compactum. In: MathWorld (englisch).  !