Ein Sammlerstempel (auch Sammlermarke genannt) ist ein gestempeltes oder geprägtes Zeichen, mit dem Kunstsammler oder Institutionen (Museen bzw. Graphische Sammlungen) Kunstwerke als Teil ihrer Sammlung kennzeichnen. Sammlerstempel kommen vorwiegend auf grafischen und zeichnerischen Werken vor, sind jedoch auch auf anderen Objektgattungen zu finden. In der modernen Provenienzforschung gelten sie als Quelle zur Rekonstruktion der Besitzergeschichte von Kunstwerken. Sammlerstempel werden in der Regel mithilfe eines Farbmittels auf das Trägermaterial aufgebracht. Daneben gibt es auch Trockenstempel und Blindprägungen ohne Farbe. Ältere Sammlerstempel sind meist rotbraun, braun oder schwarz, neuere hingegen erscheinen in einer breiteren Farbpalette. Im Verlauf der Sammlungsgeschichte wurden einzelne Sammlerstempel auch in verschiedenen Farben verwendet.
Die formalen Ausprägungen von Sammlermarken sind vielfältig. Bekannt sind beispielsweise Monogramme, ausgeschriebene Schriftzüge, Initialen sowie figürliche oder heraldische Darstellungen. In der Regel wird der Stempel auf der Rückseite (Verso) eines Objekts angebracht. Es gibt jedoch auch zahlreiche Beispiele für die Anbringung auf der Vorderseite (Recto). In Ausnahmefällen wurde der Stempel sogar innerhalb der Bildfläche selbst angebracht. Neben dem eigentlichen Besitznachweis kann ein Sammlerstempel je nach Kontext auch als Qualitätsmerkmal wahrgenommen werden. So gilt der Stempel „JF“ des Berliner Sammlers Julius Freund (1869–1941), der über 700 Werke der deutschen Romantik und des Realismus zusammentrug, im Kunsthandel als Gütezeichen für die Qualität der gestempelten Werke.
Terminologie und Abgrenzung
In der Fachliteratur werden die Begriffe „Sammlerstempel“ und „Sammlermarke“ weitgehend synonym verwendet. Davon zu unterscheiden ist der Nachlassstempel, der nach dem Tod eines Künstlers angebracht wird, um die im Nachlass verbliebenen Werke zu kennzeichnen und ihnen eine Art Echtheitsbestätigung zu geben. Nachlassstempel tragen häufig den Zusatz „Nachlass“ und mitunter eine handschriftliche Nummerierung. Sie können als Farbstempel oder als Trockenstempel (Blindstempel) ausgeführt sein. Ebenfalls abzugrenzen sind Signaturstempel, die eine Nachbildung der Künstlersignatur darstellen, sowie Institutionsstempel öffentlicher Sammlungen, Museen und Bibliotheken.
Frits Lugt und die Marques de collections
Das grundlegende wissenschaftliche Referenzwerk zu Sammlerstempeln und verwandten Kennzeichnungsformen ist das von dem niederländischen Kunsthistoriker und Sammler Frits Lugt (1884–1970) begründete Verzeichnis „Les Marques des Collections des Dessins et d'Estampes“, das erstmals 1921 in Amsterdam erschien. Ein Supplement folgte 1956 in Den Haag. Die beiden Bände verzeichnen zusammen 5215 Marken und dokumentieren Sammlerstempel, institutionelle Stempel, Händler-, Montierungs- und Verlagsmarken sowie Nachlassstempel. Seit 2010 ist das Werk als kontinuierlich aktualisierte Online-Datenbank zugänglich. Betreiber der Datenbank sind die Fondation Custodia in Paris, das Département des Arts graphiques des Musée du Louvre und das Rijksbureau voor Kunsthistorische Documentatie (RKD) in Den Haag. Seit der Zusammenführung beider Druckbände mit dem Online-Ergänzungsbestand umfasst die Datenbank rund 9000 Einträge. In der Provenienzforschung und im Kunsthandel ist die Lugt-Nummer (abgekürzt L. oder Lugt) eines Stempels die übliche Referenzangabe, wenn ein Sammlerstempel zitiert wird.
Sammlerstempel in der Provenienzforschung
In der Praxis der Provenienzforschung werden Sammlerstempel bei der physischen Untersuchung von Kunstobjekten systematisch erfasst. Dabei werden Vorder- und Rückseite jedes Werkes geprüft und alle erkennbaren Provenienzmerkmale – darunter Sammlerstempel, Beschriftungen und Auktionslosnummern – dokumentiert. Der Fund eines Sammlerstempels liefert jedoch nicht automatisch eine vollständige Provenienzgeschichte, sondern eröffnet lediglich Ansatzpunkte für weiterführende Archivrecherchen. Die Bedeutung des Sammlerstempels für die Rekonstruktion von Besitzketten wurde durch die Folgen des nationalsozialistischenKunstraubs besonders deutlich. Da Grafiken und Zeichnungen häufig nicht einzeln inventarisiert oder in der Fachliteratur mit Besitzangaben publiziert wurden, ist ohne Sammlerstempel die Ermittlung früherer Eigentümer oft nicht möglich. Dies zeigte sich exemplarisch bei der Aufarbeitung der Sammlung Gurlitt: Das Fehlen von Sammlerstempeln auf Druckgraphiken erschwerte die Provenienzrecherche erheblich. Im institutionellen Kontext erfassen Museen und Sammlungen Sammlerstempel als Teil ihrer Provenienzmerkmale und gleichen sie mit der Lugt-Datenbank sowie weiteren Ressourcen wie der Datenbank Proveana des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste ab.
Bedeutende Sammler und ihre Stempel
In der folgenden Übersicht sind ausschließlich Sammler und Stempel aufgeführt, die in der Lugt-Datenbank (Les Marques de Collections) mit einer verifizierten Lugt-Nummer registriert sind. Die Lugt-Nummer ist in der Provenienzforschung und im Kunsthandel die international verbindliche Referenz zur Zitierung eines Sammlerstempels.
Eberhard Jabach (1618–1695) – Lugt 2959. Eberhard bzw. Everhard Jabach war ein Kölner Bankier und Finanzier am französischen Hof sowie einer der bedeutendsten Kunstsammler des 17. Jahrhunderts. Er besaß eine der größten Privatsammlungen Europas. Im Jahr 1671 verkaufte er 5542 Zeichnungen an König Ludwig XIV., die den Grundstock des Zeichnungsbestands des Musée du Louvre bildeten. Einen Teil seiner Zeichnungen behielt Jabach für sich zurück; diese gingen nach seinem Tod in andere Sammlungen, darunter die von Pierre Crozat, über. Die für die an den König verkauften Blätter charakteristischen Montierungen mit breiter Goldrandlinie werden in der Fachliteratur als „Jabach-Montierungen“ bezeichnet. Jabachs Stempel (Lugt 2959), ein handschriftliches Paraphe in brauner Tinte, findet sich auf der Rückseite dieser Montierungen. Ein weiterer Stempel, der des Récolement-Beamten Jean Prioult (Lugt 2953), wurde 1690 anlässlich der Inventarisierung des königlichen Bestands nachträglich hinzugefügt.
Pierre-Jean Mariette (1694–1774) – Lugt 1852 (und Lugt 2098) – war ein Pariser Kunsthändler, Kupferstecher, Sammler und Kunstkritiker. Er gilt als einer der bedeutendsten Connaisseure des 18. Jahrhunderts. Er stammte aus einer Druckerfamilie und brachte im Laufe seines Lebens mehr als 9000 Zeichnungsblätter zusammen, die er in charakteristischen blauen Passepartouts präsentierte, und auf denen er Kartuschen mit Künstlernamen und Provenienzangaben anbrachte. Sein Sammlerstempel (Lugt 1852) besteht aus den in einem Kreis verschlungenen lateinischen Initialen „P(etrus) I(oannes) M(ariette)“ und wurde in schwarzer Tinte auf der Vorderseite der Blätter aufgebracht. Mariette war einer der ersten Sammler, der systematisch frühere Besitzangaben auf seinen Montierungen vermerkte. Seine Sammlung wurde 1775 in Paris versteigert. Die Krone erwarb dabei 1266 Blätter, die heute Teil der Bibliothèque nationale de France sind.
Peter Lely (Pieter van der Faes, 1618–1680) – Lugt 2092. Sir Peter Lely, ein niederländisch-britischer Maler und Hofmaler Karls II. von England, trug eine bedeutende Sammlung von Zeichnungen und Druckgraphiken zusammen. Sein Stempel (Lugt 2092) erscheint häufig auf Blättern, die später in die bedeutendsten Zeichnungssammlungen Englands übergingen. Er ist auf zahlreichen Werken belegt, die sich heute in Museen wie dem Metropolitan Museum of Art in New York City befinden.
Jonathan Richardson sen. (1665–1745) – Lugt 2183. Jonathan Richardson der Ältere war ein englischer Porträtmaler und einflussreicher Kunsttheoretiker. Er war einer der bedeutendsten britischen Zeichnungssammler seiner Zeit. Er verfasste grundlegende Abhandlungen über Zeichnungskunst und Connoisseurship. Sein Sammlerstempel (Lugt 2183) findet sich auf zahlreichen Altmeisterzeichnungen, die später in bedeutende britische und amerikanische Museumssammlungen gelangten.
Joshua Reynolds (1723–1792) – Lugt 2364. Sir Joshua Reynolds, der erste Präsident der Royal Academy of Arts, war ein eifriger Sammler von Altmeisterzeichnungen. Sein Sammlerstempel (Lugt 2364) – ein Quadrat mit den Initialen „SRIR“ (Sir Joshua Reynolds) – wurde nicht von Reynolds selbst, sondern posthum von seinen Testamentsvollstreckern vor der Versteigerung seiner Sammlung aufgebracht. Dabei wurden die als qualitativ hochwertiger eingeschätzten Blätter auf der Vorderseite gestempelt (1163 Blätter ab einem Schätzwert von 10 Schilling und 6 Pence) und die weniger bedeutenden auf der Rückseite (748 Blätter). Der Stempel erscheint häufig gemeinsam mit anderen renommierten Sammlerstempeln, beispielsweise denen von Sir Peter Lely (Lugt 2092) und Jonathan Richardson sen. (Lugt 2183) und Sir Thomas Lawrence (Lugt 2445). Dadurch lässt sich die Besitzgeschichte eines Blattes durch mehrere berühmte englische Sammlerhände nachvollziehen.
Thomas Lawrence (1769–1830, Lugt 2445). Sir Thomas Lawrence war Präsident der Royal Academy und der bedeutendste britische Porträtmaler des frühen 19. Jahrhunderts. Er trug eine der umfangreichsten und hochrangigsten Privatsammlungen von Altmeisterzeichnungen zusammen, die im 19. Jahrhundert bekannt waren. Sein Sammlerstempel (Lugt 2445) ist ein Blindstempel (Trockenstempel). Gemeinsam mit dem Reynolds-Stempel (Lugt 2364) und dem Lely-Stempel (Lugt 2092) gehört der Lawrence-Stempel zu den am häufigsten auf qualitätsvollen Altmeisterzeichnungen anzutreffenden britischen Sammlermarken.
Der Louvre in Paris verfügt über mehrere institutionelle Stempel verschiedener Perioden (Lugt 1899 und Lugt 2207). Der Stempel Lugt 2207 (schwarze Tinte, Recto oder Verso) ist der am häufigsten angetroffene Louvre-Stempel. Der Aufbau der grafischen Sammlung des Louvre begann im Jahr 1671 mit dem Erwerb der Jabach-Sammlung unter Ludwig XIV.
Pierre Crozat (1661 oder 1665–1740) verfügte über keine eindeutige gestempelte Marke. Er war ein wohlhabender Pariser Finanzmann und Mäzen und baute die bedeutendste Zeichnungssammlung Frankreichs des frühen 18. Jahrhunderts auf. Er beherbergte Künstler wie Antoine Watteau und stand im engen Austausch mit dem Kunstkritiker Pierre-Jean Mariette. Crozat kennzeichnete seine Blätter nicht mit einem gestempelten Sammlerstempel im eigentlichen Sinne, sondern durch handschriftliche Inventarnummern. Nach seinem Tod wurde seine Sammlung von Mariette katalogisiert und 1741 in Paris versteigert – ein Ereignis, das als Meilenstein in der Geschichte des Pariser Kunstmarktes gilt, da es sich um eine der ersten großen öffentlichen Zeichnungsauktionen handelte. Die dem frühen Crozat zugeschriebene Marke Lugt 474 gilt als nicht sicher identifiziert und wird in der Fachliteratur als „Pseudo-Crozat-Stempel“ bezeichnet.
Sammlerstempel von Pierre-Jean Mariette, Lugt 2098
Sammlerstempel wurden und werden mitunter gefälscht, um Kunstwerken eine renommierte Provenienz zuzuschreiben oder ihren Marktwert zu erhöhen. Auch bei Signaturen auf Altmeisterzeichnungen kommt es vor, dass handschriftliche Zuschreibungen, die Sammler auf anonymen Blättern notierten, irrtümlich oder absichtlich als Künstlersignaturen gelesen werden. Die Identifizierung und Echtheitsprüfung von Sammlerstempeln erfordert daher spezialisiertes Fachwissen und den Abgleich mit dokumentierten Vergleichsbeispielen.