Microviricetes

Microviricetes

Prokapsid und Virionen der Microviricetes

Systematik
Klassifikation: Viren
Realm: Volvereviria
Reich: Sangervirae
Phylum: Phixviricota
Klasse: Microviricetes
Taxonomische Merkmale
Genom: (+)ssDNA zirkulär
Baltimore: Gruppe 2
Symmetrie: ikosaedrisch
Hülle: keine
Wissenschaftlicher Name
Microviricetes
Links

Die Klasse Microviricetes (früher Malgrandaviricetes, monotypisch in der Familie Microviridae, von griechisch μικρός – mikrós: klein) infizieren als Bakteriophagen verschiedene Bakterien, darunter Vertreter der Enterobacteriaceae und intrazelluläre parasitäre Bakterien sowie Spiroplasmen (Gattung Spiroplasma). Aufgrund ihres Wirtsspektrums sind die Microviricetes ubiquitär in Abwässern, Erde oder Fäkalien präsent. Die erste und am besten charakterisierte Spezies der Familie ist Enterobakteriophage PhiX174 (früher auch als Coliphage φX174 bezeichnet). Die Microviricetes sind derzeit (Stand Januar 2021) die einzige Klasse im Phylum Phixviricota, und dieses das einzige Phylum im Reich Sangervirae (monotypisch).

Morphologie

Die Virionen (Viruspartikel) der Microviricetes bestehen aus einem einfachen, ikosaedrischen Kapsid (T=1), das aus drei oder vier verschiedenen Kapsidproteinen aufgebaut sind. Die unbehüllten Kapside haben einen Durchmesser von 25 bis 27 Nanometer. Die reifen Virionen gehen aus intrazellulären Kapsidvorläufern (Prokapsiden) hervor, bei denen ein oder zwei Strukturproteine (scaffolding proteins, „Gerüst-Proteine“) durch ein grobes, vorläufiges Gerüst die Bindung der DNA und den Zusammenbau der Kapsomere ermöglichen. Diese Gerüstproteine werden bei der Reifung des Kapsides wieder aus dem Verband gelöst, sobald die Hauptkapsidproteine eine ikosaedrische Anordnung eingenommen haben und das Kapsid geschlossen ist. Die Hauptkomponenten der Kapside bestehen aus einem Spike-Protein und einem Kapsidprotein (F oder Vp1), die sich zu großen fünfstrahligen (Pentamere) Kapsomeren zusammenlagern. Die 5,4 nm (bei Enterobakteriophage PhiX174) weit nach außen ragenden Spike-Proteine vermitteln die spezifische Anheftung und Aufnahme in die Bakterienzelle.

Die Kapside der Gattungen Bdellomicrovirus und Chlamydiaduovirus (früher Chlamydiamicrovirus) zeigen eine spezifische Dichte von 1,30 bis 1,31 g/cm³ in der Ultrazentrifugation mit Cäsiumchlorid, während die Vertreter der beiden anderen Gattungen alle eine signifikant höhere Dichte von etwa 1,40 g/cm³ aufweisen. Die Virionen sind sehr umweltstabil bei pH-Werten zwischen 6,0 und 9,0 und können mit Detergenzien, 2-Propanol oder Chloroform nicht inaktiviert werden.

Genom

Genomkarte von PhiX174 (Spezies Sinsheimervirus phiX174)
Genomkarte von phiMH2K, Spezies Bdellomicrovirus MH2K
Genomkarte des Phagen Chp2, Spezies Chlamydiaduovirus Chp2
Genomkarte des Spiro­plasma-Phagen 4 (Spv4), Spezies Spiro­micro­virus SpV4

Die Microviricetes besitzen als Genom ein ringförmig geschlossenes (zirkuläres), einzelsträngiges (englisch single stranded) DNA-Molekül mit positiver Polarität. Es umfasst bei der Unterfamilie Bullavirinae zwischen 5.300 und 6.100 Nukleotide, die anderen Gattungen besitzen deutlich kleinere Genome mit 4.400 bis 4.900 Nukleotiden. Die Anordnung der vier größten offenen Leserahmen (ORF) ist innerhalb der Familie gleichförmig; sie sind meist von kurzen, nichtcodierenden Abschnitten voneinander getrennt. Zusätzlich existieren verschiedene ORFs, die mit anderen Leserastern in die großen Leserahmen eingebettet sind. Die Replikation des Genoms verläuft bei den Microviricetes über eine doppelsträngige DNA-Zwischenstufe, im Detail ist die Replikation zwischen den Gattungen jedoch sehr unterschiedlich. Bei den Microviricetes ist ein Horizontaler Gentransfer beschrieben, der eine größere Variabilität der Genome innerhalb der Virusklasse hervorgebracht hat und der in wesentlich höherem Umfang als bei doppelsträngigen DNA-Bakteriophagen vorkommt. Das Chromosom des Enterobakteriophagen PhiX174 war das erste DNA-Molekül, das man noch vor dem Simian-Virus 40 (SV40 bzw. MmPV1) und dem Plasmid pBR322 vollständig sequenzierte.

Biologische Bedeutung

Viren der Ordnung Bullavirales (früher Unterfamilie Bullavirinae) infizieren Enterobakterien, zu denen auch Escherichia coli und Salmonella enterica gehören, Spezies der Gattung Bdellomicrovirus haben Bakterien der Gattung Bdellovibrio als Wirtszellen. Dieses Wirtsspektrum umfasst also bei beiden Gattungen gramnegative, aerobe Bakterien. Die beiden anderen Gattungen infizieren verschiedene Gruppen von intrazellulär sich vermehrende Bakterien: Vertreter der Gattung Chlamydiaduovirus (früher Chlamydiamicrovirus) parasitieren in Chlamydien, jene der Gattung Spiromicrovirus in der Bakteriengattung Spiroplasma aus der Klasse der zellwandlosen Mycoplasmatota (Klasse Mollicutes; Ordnung Mycoplasmatales alias Entomoplasmatales), die ihrerseits in Kleinsäugern und Insekten parasitieren.

Systematik

Die Klasse Microviricetes wird nach International Committee on Taxonomy of Viruses (ICTV) mit Stand Juni 2021 in sieben Ordnungen unterteilt, wobei sich die Ordnung Bullavirales (hochgestuft zuletzt von Unterfamilie Bullavirinae, zuvor Gattung Microvirus) von der Ordnung Gokushovirales (frühere Unterfamilie Gokushovirinae) in ihren Wirten und ihrer Genomorganisation deutlich unterscheidet. Viren der Ordnung Bullavirales infizieren Enterobakterien, Viren der Ordnung Gokushovirales infizieren dagegen intrazelluläre Parasiten. Der Name Bullavirales kommt vom lateinischen Wort bulla (Chef, Knopf, Stift), der Name Gokushovirales leitet sich aus dem Japanischen für ‚sehr klein‘ ab (Kanji: 極小 Hiragana: ごくしょうの gókushō(no) mikroskopisch, winzig, minimal).

Die Gokushovirales-Familie Pichoviridae wurde ursprünglich als Unterfamilie „Pichovirinae“ vorgeschlagen. Die Mitglieder dieser Gruppe haben eine Genomorganisation, die sich von den der anderen Gokushovirales-Familien Alphagokushoviridae und Betagokushoviridae unterscheidet. Der Name leitet sich vom okzitanischen Wort ‚picho‘ für ‚klein‘ ab. Zu ihnen gehört der Phage Fen418_41.

Ein weiteres Virus der Ordnung Gokushovirales ist der Microphage ΦCA82 (Spezies Gokugallopavovirus exiguus). Dieser Phage wurde aus dem Darm von Truthühnern isoliert und inzwischen in die Nähe von Spiromicrovirus SpV4 verortet.

Eine weitere Ordnung ist Alpavirales (früher vorschlagsgemäß Unterfamilie wurde „Alpavirinae“). Diese Viren infizieren Bakterien der Ordnung Bacteroidales. Die Bezeichnung kommt vom Sanskrit-Wort अल्प (álpa) für klein, mini. Dies ist eine Gruppe von Viren, die bis 2011 nur als Prophagen bekannt waren, was weitere Untersuchungen an diesen Viren nötig machte.

Die Systematik nach ICTV, ergänzt um Kandidaten nach NCBI, ist damit wie folgt (5. April 2024):

Familie Microviricetes (früher Malgrandaviricetes: Petitvirales: Microviridae, monotypisch)

Anmerkungen

  1. ↑ Bdellovibrio virus MAC1 wurde der offizielle Status aberkannt, da kein Genom vorliegt.

Literatur

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 ICTV: ICTV Taxonomy history: Escherichia virus phiX174, EC 51, Berlin, Germany, July 2019; Email ratification March 2020 (MSL #35)
  2. ↑ ICTV: ICTV Master Species List 2020.v1, New MSL including all taxa updates since the 2019 release, March 2021 (MSL #36)
  3. ↑ Viral Zone. ExPASy, abgerufen am 15. Dezember 2018 (englisch).
  4. ↑ ICTV: Virus Taxonomy. Abgerufen am 15. Dezember 2018 (englisch).
  5. ↑ T. Dokland et al.: Structure of a viral procapsid with molecular scaffolding. Nature (1997) 389(6648): S. 308–313 PMID 9305849
  6. ↑ D. R. Rokyta, C. L. Burch, S. B. Caudle, H. A. Wichman: Horizontal Gene Transfer and the Evolution of Microvirid Coliphage Genomes. In: Journal of Bacteriology, Band 188, Nr. 3, 2006, S. 1134–1142; PMID 16428417, PMC 1347346 (freier Volltext) (englisch).
  7. ↑ F. Sanger, G. M. Air, B. G. Barrell, N. L. Brown, A. R. Coulson, C. A. Fiddes, C. A. Hutchison, P. M. Slocombe, M. Smith: Nucleotide sequence of bacteriophage phi X174 DNA. In: Nature. Band 265, Nummer 5596, Februar 1977, S. 687–695; PMID 870828 (englisch).
  8. ↑ Approved Proposals > Bacterial and Archaeal Viruses: Bullavirinae, ICTV online 2015.026a-rB.A.v3
  9. 1 2 3 4 Simon Roux, Mart Krupovic, A. Poulet, D. Debroas, F. Enault: Evolution and diversity of the Microviridae viral family through a collection of 81 new complete genomes assembled from virome reads. In: PLoS ONE. 7. Jahrgang, Nr. 7, 2012, S. e40418, doi:10.1371/journal.pone.0040418, PMID 22808158, PMC 3394797 (freier Volltext) – (englisch). Siehe insbes. Fig. 1 und Fig. 3.
  10. ↑ NCBI Taxonomy Browser: Microviridae phi-CA82, alias Microvirus CA82 (species)
  11. 1 2 L. Zsak, J. M. Day, B. B. Oakley, B. S. Seal: The complete genome sequence and genetic analysis of ΦCA82 a novel uncultured microphage from the turkey gastrointestinal system. In: Virol J, Band 8, 2011, S. 331; doi:10.1186/1743-422X-8-331, PMID 21714899 (englisch).
  12. 1 2 Lianghua Guo, Xiuguo Hua, Wen Zhang, Shixing Yang, Quan Shen, Haibing Hu, Jingjiao Li, Zhijian Liu, Xiaochun Wang, Hua Wang, Chenglin Zhou, Li Cui: Viral metagenomics analysis of feces from coronary heart disease patients reveals the genetic diversity of the “Microviridae”. In: Virologica Sinica, 17. April 2017; doi:10.1007/s12250-016-3896-0 (englisch).
  13. 1 2 Mart Krupovic, Patrick Forterre: Microviridae goes temperate: microvirus-related proviruses reside in the genomes of Bacteroidetes. In: PLoS ONE. 6. Jahrgang, Nr. 5, 2011, S. e19893, doi:10.1371/journal.pone.0019893, PMID 21572966, PMC 3091885 (freier Volltext) – (englisch).
  14. ↑ ICTV: Taxonomy Browser.
  15. ↑ ICTV: Virus Metadata Resource (VMR).
  16. 1 2 Dann Turner, Andrew M. Kropinski, Evelien M. Adriaenssens: A Roadmap for Genome-Based Phage Taxonomy. In: MDPI Viruses, Band 13, Nr. 3, Section Bacterial Viruses, 18. März 2021, S. 506; doi:10.3390/v13030506 (englisch).
  17. 1 2 3 Simon J. Labrie, Marie-Ève Dupuis, Denise M. Tremblay, Pier-Luc Plante, Jacques Corbeil, Sylvain Moineau: A New Microviridae Phage Isolated from a Failed Biotechnological Process Driven by Escherichia coli (PDF) in: Journals ASM: Applied and Environmental Microbiology (AEM) Band 80, Nr. 22, November 2014, S. 6992–7000
  18. ↑ NCBI Nucleotide: Coliphage phi-X174, complete genome, Accession: NC_001422.1.
  19. ↑ NCBI Taxonomy Browser: Enterobacteria phage MED1 (no rank)
  20. ↑ Karyna Rosario, Anisha Dayaram, Milen Marinov, Jessica Ware, Simona Kraberger, Daisy Stainton, Mya Breitbart, Arvind Varsani: Diverse circular ssDNA viruses discovered in dragonflies (Odonata: Epiprocta), in: Journal of General Virology Band 93, Nr. 12, 1. Dezember 2012, doi:10.1099/vir.0.045948-0
  21. ↑ Roger G. Rank, Anne K. Bowlin, Stefania Cané, Huizhong Shou, Zhi Liu, Uma M. Nagarajan, Patrik M. Bavoil: Effect of Chlamydiaphage φCPG1 on the Course of Conjunctival Infection with Chlamydia caviae in Guinea Pigs. (PDF) In: Infection And Immunity, März 2009, S. 1216–1221
  22. ↑ NCBI Taxonomy Browser: