Einstiges Pfarrhaus in Limlingerode, Geburtshaus von Sarah Kirsch, heute Dichterstätte Sarah Kirsch.
Ingrid Bernstein kam im Pfarrhaus von Limlingerode im damals preußischen Teil von Thüringen zur Welt; ihr Großvater Paul Bernstein taufte seine Enkelin am 19. Mai 1935 in seiner Kirche nebenan. Ihre Mutter Elisabeth Bernstein war Hausfrau, gehörte zur Wandervogelbewegung, las viel und gab ihrer Tochter die Liebe zur Lyrik weiter. Ihr Vater Hermann Bernstein war Fernmeldemechaniker. Sie verbrachte ihre Kindheit und Jugend ab 1937/38 in Halberstadt. Ihr starkes Interesse an der Natur äußerte sich unter anderem darin, dass sie nach dem Abitur eine Forstarbeiterlehre begann, die sie aber bald abbrach. Von 1954 bis 1958 absolvierte sie ein Studium der Biologie an der Martin-Luther-Universität Halle, das sie als Diplom-Biologin abschloss. 1958 lernte sie den Lyriker Rainer Kirsch kennen, mit dem sie von 1960 bis 1968 verheiratet war.
Ab 1960 veröffentlichte Ingrid Kirsch lyrische Texte in Anthologien und Zeitschriften unter dem Vornamen-Pseudonym Sarah, das sie aus Protest gegen die Vernichtung der Juden im Dritten Reich gewählt hatte. In den Jahren 1963 bis 1965 studierte sie gemeinsam mit ihrem Mann am Literaturinstitut Johannes R. Becher in Leipzig. Ab 1965 lebten beide als freischaffende Schriftsteller in Halle (Saale) und Sarah Kirsch wurde Mitglied des Schriftstellerverbandes der DDR. 1965 veröffentlichte sie gemeinsam mit ihrem Mann den Lyrikband Gespräch mit dem Saurier, für den sie beide die Erich-Weinert-Medaille, den Kunstpreis der FDJ, erhielten. Zwei Jahre später, 1967, veröffentlichte sie dann ihren ersten eigenen Gedichtband unter dem Titel Landaufenthalt.
Nach ihrer Scheidung von Rainer Kirsch 1968 zog sie nach Ost-Berlin, wo sie 1969 ihren Sohn Moritz aus einer kurzen Beziehung mit Karl Mickel zur Welt brachte. Dort war sie als Journalistin, Hörfunkmitarbeiterin und Übersetzerin tätig. 1973 veröffentlichte sie den Lyrikband Zaubersprüche sowie die Prosabände Die Pantherfrau und Die ungeheuren bergehohen Wellen auf See. Im gleichen Jahr wurde sie Vorstandsmitglied im Schriftstellerverband der DDR. In Westdeutschland erschien 1969 eine erste Auswahl Gedichte im Verlag Langewiesche-Brandt, 1974 eine weitere unter dem Titel Es war dieser merkwürdige Sommer als bibliophile Ausgabe der Berliner Handpresse. Als Erstunterzeichnerin der Protesterklärung gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns wurde sie 1976 aus der SED und dem Vorstand des Schriftstellerverbandes der DDR ausgeschlossen. Im Jahr darauf verließ Kirsch per Ausreiseantrag die DDR und zog mit ihrem Sohn nach West-Berlin.
Nach ihrem Wegzug aus West-Berlin lebte die Lyrikerin mit ihrem Sohn Moritz von 1981 bis Mai 1983 in Bothel, Landkreis Rotenburg. Dort entstand ihre Gedichtsammlung Katzenleben, erschienen 1984.
Jan Kuhlbrodt bezeichnete Kirsch in seinem Nachruf als eine der bedeutendsten deutschen Lyrikerinnen. Ihre Lyrik ist von der Form her offen, meist ohne Reim und in freiem Versmaß. Dennoch spielt der Rhythmus im Sinne des Atemtempos eine große Rolle, ebenso Zeilenumbrüche und Zeilensprünge, durch die ein Strömen oder eine Atemlosigkeit erzeugt werden. Kirsch kombiniert häufig fachsprachliche oder altmodische Ausdrücke mit einem saloppen Ton.
Charakteristisch für ihre Metaphorik sind Bilder, die in Alltags-, Natur- oder Landschaftsbetrachtung ihren Ausgangspunkt nehmen, aber verfremdet werden oder eine überraschende Wendung erfahren. Sarah Kirsch kontrastiert dabei oft präzise Naturbeobachtung mit dem Gefühlsleben des lyrischen Ichs oder politischer Reflexion. Während in frühen Gedichten die Auseinandersetzung mit Krieg und Nationalsozialismus vorherrschte, dominieren später das Landschaftsgedicht und die Reflexion auf die zivilisatorische Weltkrise. Kirsch gehört zu keiner Schule, wird aber manchmal der Neuen Subjektivität zugeordnet. Als literarisches Vorbild nannte Kirsch Annette von Droste-Hülshoff; daneben ist ihr Werk durch Johannes Bobrowski und Wladimir Majakowski beeinflusst.
Aufsehen erregte die Veröffentlichung des langjährigen Briefwechsels von Sarah Kirsch mit Christa Wolf, wo beide Schriftstellerinnen jenseits des DDR-Alltags offenherzig professionelle und private Themen ausleuchten.
Mit den Porträterzählungen Die Pantherfrau begründete Sarah Kirsch die Interviewliteratur in der DDR. Die fünf Erzählungen resultierten aus einer vom Aufbau Verlag initiierten Auftragsarbeit mit dem Arbeitstitel 12 Berliner Frauen, für die Sarah Kirsch „interessante Persönlichkeiten mit interessanten Berufen“ porträtieren sollte. Der Band erschien wie in der DDR üblich ohne offizielle Buchpremiere und war dennoch sofort vergriffen.
Darstellung Sarah Kirschs in der bildenden Kunst der DDR
Ronald Paris:Porträt Sarah und Rainer Kirsch (1964, Öl, 150 × 90 cm)
Werke
(gemeinsam mit Thomas Billhardt und Rainer Kirsch): Berlin – Sonnenseite. Deutschlandtreffen der Jugend in der Hauptstadt der DDR. Verlag Neues Leben, Berlin 1964.
(gemeinsam mit Rainer Kirsch): Gespräch mit dem Saurier. Gedichte. Verlag Neues Leben, Berlin 1965.
Die betrunkene Sonne. Mit Illustrationen von Erich Gürtzig. Dr. H. Schulze, Leipzig 1966.
Hans mein Igel (1980), Kinderbuch nach den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, mit Illustrationen von Paula Schmidt
Papiersterne (1981), vertont von Wolfgang von Schweinitz
Erdreich (1982), Gedichte
Zwischen Herbst und Winter (1983), mit Illustrationen von Kurt Mühlenhaupt. Gertraud Middelhauve Verlag, Köln, 1.–8. Tausend, ISBN 3-7876-9154-5
Katzenleben. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1984.
Landwege. Eine Auswahl 1980–1985 (1985), mit einem Nachwort von Günter Kunert
Hundert Gedichte und ein Gespräch über ihre Gedichte. (1985) (eine Auswahl aus den Büchern Landaufenthalt, Zaubersprüche, Rückenwind, Drachensteigen), Ebenhausen
Reisezehrung (1986), Prosa
Irrstern (1987), Prosaband
Buch mit Gedichten von Sarah Kirsch und Zeichnungen von A. R. Penck in der Berliner „Edition Malerbücher“ (1987)
Allerlei-Rauh. Eine Chronik (1988), Prosaband
Luft und Wasser. Neue Gedichte und Bilder, mit Bildern von Ingo Kühl, Edition Lutz Arnold im Steidl Verlag, Göttingen 1988, Vorzugsausgabe zu ISBN 3-88243-096-6
Luft und Wasser. Gedichte und Bilder, mit Bildern von Ingo Kühl, Edition Lutz Arnold im Steidl Verlag, Göttingen 1988, ISBN 3-88243-096-6
Schneewärme. Gedichte (1989). Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1989.
Wintermusik (1989)
Die Flut (1990), Auswahl, zusammengestellt von Gerhard Wolf. Aufbau-Verlag, Berlin 1989.
Schwingrasen (1991), Prosa. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1991.
Erlkönigs Tochter. Gedichte. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1992.
Das simple Leben (1994), Prosaminiaturen und Gedichte. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1994.
Bodenlos (1996). Deutsche Verlags-Anstalt (DVA), Stuttgart/München 1996.
Gesamtausgabe, 5 Bände im Schuber. (1999), gleichzeitig in der Deutschen Verlags-Anstalt München/Stuttgart (DVA) und im Deutschen Taschenbuch Verlag (dtv)
Katzen sprangen am Rande und lachten, Gedichte und Prosa, Auswahl von Franz-Heinrich Hackel, Manesse Verlag, Zürich 2000, ISBN 3-7175-8270-4
Sarah Kirsch und Christoph W. Aigner: Beim Malen bin ich weggetreten (2000), Kunstband
Ænglisch. Prosa; mit einem Nachwort von Frank Trende. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2015, ISBN 978-3-421-04649-9
Freie Verse: 99 Gedichte – Mit 19 bislang unveröffentlichten Gedichten, Manesse Verlag, Zürich 2020, ISBN 978-3-7175-2506-6
Ich will nicht mehr höflich sein – Tagebuch aus der Wendezeit 1989/90, Nachwort von Moritz Kirsch, Essay von Frank Trende, Edition Eichthal 2022, ISBN 978-3-9817066-7-3
Der Sommer fängt doch so an! Tagebuch 1990. Herausgegeben von Moritz Kirsch, Steidl, Göttingen 2023, ISBN 978-3-96999-261-6
Christa Wolf erzählt in Sommerstück –wie Sarah Kirsch in der Chronik Allerlei-Rauh– von einem Sommerurlaub in Mecklenburg in den 1970er Jahren, gemeinsamen mit Freunden, die sich alte Bauernhäuser hergerichtet haben. Obwohl auf den fiktiven Charakter des Sommerstück[s] hingewiesen wird, ist z.B. „Bella“ in der Wolfschen Charakterisierung und Bewertung als Sarah Kirsch gut erkennbar.
Mit ihrem kleinen Sohn Jonas wohnt Bella bei einer Freundin und pflegt dort ihren Hass auf den untreuen Geliebten (Hinweis auf Der Meropsvogel), der sie vom Schreiben abhält, weil er seit Wochen aus Frankreich kein Zeichen sendet, während sie ihre Briefe an ihn wieder zerreißt und die Schnipsel in den Wind streut. In einem Gespräch kündigt sie plötzlich, was einige bereits ahnen, ihren Abschied an. (Eines Tages spring ich da ab.) Spürbar ist in diesem Kontext, im Unterschied zur milderen Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung der Allerlei-Rauh-Ich-Erzählerin, die Zeit des Umbruchs mit den sich ankündigenden, die Ferienatmosphäre überschattenden Spannungen: 1976 werden beide Schriftstellerinnen aus ihrem Verband ausgeschlossen, nachdem sie einen offenen Brief gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns unterzeichnet hatten.
Christa Wolf reagiert darauf anders als Kirsch und reflektiert dies in Sommerstück selbstkritisch: „Etwas würde sich verändern, heute sagen wir alle, wir hätten gewusst, dass es so nicht bleiben konnte. […] Der Schrei, der uns in der Kehle saß, ist nicht ausgestoßen worden. Aus unserer Haut sind wir nicht herausgekommen“.
Sommerstück beginnt mit zwei Kirsch-Zitaten: Als erster Satz dient die Überschrift des Gedichtes Es war dieser merkwürdige Sommer. Ein zweites Gedicht, dessen Motiv im Handlungsverlauf als über der Freundesgruppe kreisender Raubvogel aufgegriffen wird, ist der Erzählung vorangestellt: Raubvogel süß ist die Luft So kreiste ich nie über Menschen und Bäumen […] und flieg davon durch den Sommer!
Dichterstätte Sarah Kirsch
Fassadenschild „Dichterstätte Sarah Kirsch“ am einstigen Pfarrhaus von Limlingerode – dort kam die Dichterin 1935 zur Welt
In ihrem Heimatort Limlingerode, heute Ortsteil von Hohenstein, gründete sich 1998 der Förderverein „Dichterstätte Sarah Kirsch e.V.“, der seit 2000 Kirschs Geburtshaus, das ehemalige Pfarrhaus neben der Kirche, mit Mitteln des Landes Thüringen, der Deutschen Denkmalstiftung Bonn und des Denkmalvereins Thüringen rekonstruiert hat und 2002 als „Dichterstätte Sarah Kirsch“ eröffnete. Sarah Kirsch war seit 1997 mehrmals zu Lesungen anwesend.
Dokumentation und Literatur
Kirsch, Sarah. In: Kurt Böttcher (Gesamtredaktion): Lexikon deutschsprachiger Schriftsteller von den Anfängen bis zur Gegenwart. VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1974; Band 1, S. 462/463
Barbara Mabee: Die Poetik von Sarah Kirsch: Erinnerungsarbeit und Geschichtsbewußtsein, Amsterdam 1989 (Amsterdamer Publikationen zu Sprache und Literatur; Band 83).
Herlinde Koelbl: Sarah Kirsch. In: Im Schreiben zu Haus– Wie Schriftsteller zu Werke gehen– Fotografien und Gespräche. Knesebeck Verlag, München 1998, ISBN 3-89660-041-9, S. 22–27 (Fotodokumentation Kirschs an ihrem Arbeitsplatz und im persönlichen Umfeld mit Interview zu Arbeitsweise und literarischem Selbstverständnis).
Theo Rommerskirchen: Sarah Kirsch. In: viva signatur si! Remagen-Rolandseck 2005, ISBN 3-926943-85-8.
Sarah Kirsch, Christa Wolf: „Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt.“ Der Briefwechsel. Hrsg. von Sabine Wolf unter Mitarbeit von Heiner Wolf, Suhrkamp, Berlin 2019, ISBN 978-3-518-42886-3.
Kunstkopf: Schön und unnütz. Lieder zu zeitgenössischer Lyrik. Aulos-Schallplattenverlag, Viersen-Dülken 1987, AUL 53599. Das Album des Herdecker Trios Heidrun Reymann (Gesang), Siegfried Hiltmann (Saxophon, Flöte, Klarinette) und Ulrich Heimann (Gitarre) enthält unter anderem Schlehen, Ruf- und Fluchformel, Raubvogel und Immer aus Hundert Gedichte.
↑Sarah Kirsch, Christa Wolf:„Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt“: Der Briefwechsel. Hrsg.: Sabine Wolf, Heiner Wolf. Suhrkamp, Berlin 2019, ISBN 978-3-518-42886-3, Zeittafeln.
↑Ulrich Greiner: Offenbarung der schönsten Art. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. Januar 2026, S. 18.
12Lucy Fricke:Eine andere Art der Einsamkeit. In: die tageszeitung. 19.Oktober 2013, S.24–25.
↑Iris Radisch:Sarah Kirsch: "Was lügt sie sich da zentnerweise in die Tasche!!!" In: Die Zeit. 8.Juli 2024, ISSN0044-2070 (zeit.de[abgerufen am 25.März 2025]).
↑Christa Wolf: Sommerstück. Frankfurt am Main 1989.
↑Sarah Kirsch: Allerlei-Rauh. Stuttgart 1988, S. 45–77.