Siegfried Handloser

Generaloberstabsarzt Siegfried Handloser (August 1942).

Siegfried Handloser (* 25. März 1885 in Konstanz; † 3. Juli 1954 in München) war ein deutscher Sanitätsoffizier und zuletzt Chef des Wehrmachtsanitätswesens im Rang eines Generaloberstabsarztes. Im Nürnberger Ärzteprozess wurde er wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt.

Leben

Siegfried Handloser wuchs als Sohn des städtischen Musikdirektors Konstantin Handloser (1846–1905) und dessen Ehefrau Anna Maria, geborene Reiser (* 1859), in Konstanz auf. Nachdem er im Frühjahr 1904 am Konstanzer Gymnasium die Reifeprüfung bestanden hatte, trat er im Herbst desselben Jahres als Zögling in die Kaiser Wilhelms-Akademie für das militärärztliche Bildungswesen ein, erhielt seine militärische Grundausbildung beim Garde-Füsilier-Regiment und begann sein Medizinstudium an der Universität Berlin. Als Student war er im Pépinière-Corps Franconia Berlin aktiv. Nachdem er 1910 das medizinische Staatsexamen abgelegt hatte, wurde er 1911 zum Dr. med. promoviert (Dissertationsthema: Spezifische Behandlung des Typhus abdominalis) und begann seine Laufbahn als Berufssanitätsoffizier bei der Preußischen Armee. Seit 1910 war er als Assistenzarzt am Straßburger Garnisonslazarett tätig und dem im Festungsgürtel Straßburg stationierten Badischen Fußartillerie-Regiment Nr. 14 zugeteilt; 1912 wurde er als leitender Arzt zu den in Berlin-Tegel stationierten Luftschiffereinheiten versetzt, wo er Forschungsarbeiten zur Beobachtung des Hämoglobinspiegels beim Aufstieg in größere Höhen durchführte und das Patent als Freiballonführer erwarb. 1914 wurde er zum Oberarzt befördert und dem Sanitätsamt des Gardekorps in Berlin zugewiesen. Nach der Mobilmachung beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs nahm er im August 1914 als Truppenarzt eines Garde-Regiments am Vormarsch durch Belgien und Frankreich teil und wurde im gleichen Jahr in den Sanitätsstab des Generalkommandos des Gardekorps versetzt. Im Kriegsverlauf wurde er 1916 zum Stabsarzt befördert und als Führer von Divisions-Sanitätstruppen weiterhin an der Westfront eingesetzt, wo er unter anderem eine Sanitätskompanie befehligte.

In der Umbruchszeit nach Kriegsende war er 1919 und 1920 als Regiments- und Divisionsarzt der Vorläufigen Reichswehr am Kampf gegen linksgerichtete Arbeiter und Revolutionäre beteiligt. Von 1920 bis 1923 folgte eine Zeit am Universitätsklinikum Gießen, wo er eine Facharztausbildung zum Internisten absolvierte. Anschließend kam er als Abteilungsarzt an das Ulmer Standortlazarett im Wehrkreis V, wo er zum Oberstabsarzt befördert und zuletzt Chefarzt des Krankenhauses wurde. Von 1928 bis 1932 war er Referent in der Heeres-Sanitäts-Inspektion des Reichswehrministeriums, danach Korps- und Wehrkreisarzt V in Stuttgart und ab 1935 Generalstabs- und Heeresgruppenarzt 3 in Dresden. An der Besetzung Österreichs im März 1938 wirkte er als leitender Arzt der neugebildeten 8. Armee mit und blieb danach als Heeresgruppenarzt 5 in Wien. Zum 1. April 1938 wurde er zum Generalstabsarzt befördert. 1939 wurde Handloser Honorarprofessor für Militärmedizin in Wien, 1943 in Berlin. Im Frühjahr 1941 wurde er zum Generaloberstabsarzt und Heeres-Sanitätsinspekteur ernannt.

Mit Führererlass vom 28. Juli 1942 wurde der Heeres-Sanitätsinspekteur – und damit Siegfried Handloser – im Oberkommando der Wehrmacht (OKW) „unter Beibehaltung seiner bisherigen Aufgaben“ zum Chef des Wehrmachtsanitätswesens ernannt. In dieser Funktion vertrat er „die Wehrmacht in allen gemeinsamen sanitätsdienstlichen Angelegenheiten der Wehrmachtteile, der Waffen-SS und der der Wehrmacht unterstellten oder angeschlossenen Organisationen und Verbände gegenüber den zivilen Behörden und wahrt die Belange der Wehrmacht bei den gesundheitlichen Maßnahmen der Zivilverwaltungsbehörden“. Damit wurde er Hauptverantwortlicher für das gesamte Sanitätswesen der Wehrmacht und mithin auch für alle medizinischen Verbrechen, die im Rahmen des Wehrmachtsanitätswesens besonders an Kriegsgefangenen begangen wurden.

Weiterhin war Handloser der Initiator zahlreicher Maßnahmen zur Zwangsprostitution für Frauen in den besetzten Ländern. Er plante in Berlin eine Prostitutionssteuerung auf europäischer Ebene, die zuerst im besetzten Frankreich bis ins Detail verwirklicht wurde. Im Januar 1943 wurden ihre Eckpunkte für die ganze Wehrmacht festgeschrieben. Die Untersuchung von Insa Meinen belegt diese Tätigkeit und ihre Verwirklichung durch Heinrich Löhe im Einzelnen (siehe Wehrmachtsbordell).

Nach 1945

Siegfried Handloser als Angeklagter im Nürnberger Ärzteprozess (November 1946)

Nach Kriegsgefangenschaft stand er vom 9. Dezember 1946 bis zum 19. August 1947 im Nürnberger Ärzteprozess unter Anklage und wurde wegen Kriegsverbrechen und des Verbrechens gegen die Menschlichkeit schuldig gesprochen und zu lebenslänglicher Haft verurteilt.

Otto Nelte, der Verteidiger Handlosers, versuchte eine Urteilsbestätigung mit der Begründung zu verhindern, dass die im Prozess behandelten Menschenversuche (Erfrierungs-, Sulfonamidgabe- sowie Fleckfieber-Infektions-Experimente) ausschließlich in Konzentrationslagern und nicht von Angehörigen der Wehrmacht durchgeführt worden seien. Das Urteil hatte aber Bestand, weil Handloser als Chef des Wehrmachtsanitätswesens nicht nur die Chefs des Sanitätswesens von Heer, Luftwaffe und Kriegsmarine, sondern auch der Reichsarzt SS und Polizei Ernst-Robert Grawitz unterstanden und somit Handloser die Aufsicht über alle von SS-Ärzten zu verantwortenden Menschenversuche innehatte.

Nach einer Anhörung vor dem Clemency Board, wiederum mit Otto Nelte als Pflichtverteidiger, wurde das Urteil am 31. Januar 1951 durch den US-Hochkommissar John J. McCloy in 20 Jahre Haft umgewandelt. Später wurde Handloser aus Gesundheitsgründen und wegen einer notwendig gewordenen komplizierten Operation vorzeitig aus dem Kriegsverbrechergefängnis Landsberg entlassen. Handloser starb schließlich an Krebs am 3. Juli 1954 in der Universitätsklinik von München.

Auszeichnungen

Literatur

Commons: Siegfried Handloser – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ Gestorben. In: Österreichische Apotheker-Zeitung, 31. Juli 1954, S. 498 (online bei ANNO).
  2. ↑ Handloser Konstantin – Biografische Kurzinformation. In: LEO-BW, Landesarchiv Baden-Württemberg.
  3. ↑ Kösener Corpslisten 1960, 60/399.
  4. 1 2 Bund Deutscher Offiziere (Hrsg.): Ehren-Rangliste des ehemaligen Deutschen Heeres auf Grund der Ranglisten von 1914 mit den inzwischen eingetretenen Veränderungen. 1926. E. S. Mittler & Sohn, Berlin 1926, S. 29 („OA Dr Handloser – OStA im RH (5. SA)“).
  5. 1 2 3 Transcript for NMT 1: Medical Case (10. Dezember 1946). In: Harvard Law School: HLS Nuremberg Trials Project (Lebenslauf Handlosers in den Nürnberger Prozessakten).
  6. ↑ Personalveränderungen in der Wehrmacht. In: Österreichische Wehrzeitung, Folge 16, 22. April 1938, S. 3 (online bei ANNO).
  7. ↑ Nachrichten. In: Scientia Pharmaceutica. Pharmazeutische Monatshefte. Beilage der Wiener Pharmazeutischen Wochenschrift, Heft 5/1941, S. 20 (online bei ANNO).
  8. ↑ Erlaß des Führers über das Sanitäts- und Gesundheitswesen. In: Wiener Pharmazeutische Wochenschrift, 29. August 1942, S. 249 (online bei ANNO).
  9. ↑ 19 Ärzte in Nürnberg schuldig gesprochen. In: Neue Zeit. Organ der Sozialistischen Partei Steiermarks, 20. August 1947, S. 2 (online bei ANNO).
  10. ↑ Karsten Linne (Hrsg.): Der Nürnberger Ärzteprozeß 1946/47: Erschließungsband zur Mikrofiche-Edition: Mit einer Einleitung von Angelika Ebbinghaus zur Geschichte des Prozesses und Kurzbiographien der Prozeßbeteiligten. Walter de Gruyter, 2000, ISBN 3-11-096299-3, S. 65.
  11. 1 2 3 4 5 6 7 Rangliste des Deutschen Reichsheeres. Mittler & Sohn, Berlin 1930, S. 100
  12. ↑ Handloser, Siegfried. In: tracesofwar.com. Abgerufen am 17. Juli 2023 (englisch).