
Stephen Shore (* 8. Oktober 1947 in New York City, USA) ist ein amerikanischer Fotograf. Er spielte in den 1970er Jahren eine wichtige Rolle bei der Etablierung der Farbfotografie als künstlerisches Medium. Seine bekanntesten Werkserien sind American Surfaces und Uncommon Places. Er hat seit 1982 eine Lehrtätigkeit am Bard College inne und erhielt 2010 erhielt den Kulturpreis der Deutschen Gesellschaft für Photographie (DGPh).
Shore wurde als einziges Kind einer jüdischen Familie 1947 in New York City geboren worden. Shore setzte sich schon in seiner Kindheit mit der Fotografie auseinander. Mit sechs Jahren bekam er von einem Onkel eine Kodak Junior Dunkelkammer geschenkt, mit neun Jahren die erste eigene 35-mm-Kamera; mit zehn erhält er von einem Nachbar ein Exemplar des Fotobuchs American Photographs von Walker Evans, dessen „streng-elegante Geometrik“ ihn beeindruckte. Als 14-Jähriger nahm er einen Kurs bei Lisette Model und hatte eine erste kleine Ausstellung im Donnell Library Center. Im Jahr darauf präsentierte er dem damaligen Chefkurator für Fotografie am New Yorker Museum of Modern Art, Edward Steichen, eigene Fotografien. Dieser erwarb, offenbar beeindruckt von dem Jungen, drei Werke.
Im Juni 1963 erschien ein erster Artikel über den 15-Jährigen in US Camera. Sein Portraitfoto der Schriftstellerin Jane Kramer wurde für ein Cover des Book Buyer's Guide verwendet, und aus einer regulären Arbeit als Fotograf für das Festival Orchestra of New York resultierten Portraits, die ebenfalls veröffentlicht wurden. Er tauschte mit John Szarkowski, dem Nachfolger Steichens am MoMA und baldigen Doyen der neuen Tendenzen in der Fotografie, zwei neue Fotografien mit zwei von den dreien, die Steichen gekauft hatte. Später zeigte Shore Szarkowski regelmäßig seine neuen Arbeiten, „...more than anyone, he was my teacher“.
Schon im Januar 1964 hatte er mit 16 mm-Film einen vergitterten Lastenaufzug in Betrieb gefilmt (Elevator), was am 22. März 1965 in Jonas Mekas’ Film-Makers’ Cinematheque gezeigt wurde, neben The Life of Juanita Castro von Andy Warhol, den er dort kennenlernte. Mit 18 verließ er ohne Abschluss die Schule. Über drei Jahre frequentierte er zunächst täglich, dann unregelmäßig die Factory und dokumentierte in Schwarzweißfotos das Treiben in Warhols Studio. Er half Warhol auch praktisch und leuchtete die Bühne für die Velvet Underground und Warhols Disco Exploding Plastic Inevitable aus. Rückblickend, meinte Shore, habe er von Warhol die Arbeitsethik mitgenommen, ständig ästhetische Entscheidungen zu treffen, und auch das verwandte Interesse am Banalen und Vulgären („the vernacular“).
Als Kurator Kasper König im Moderna Museet in Stockholm die erste monografische Museumsausstellung Warhols in Europa mit einrichtete, wurde dort ein Gutteil von Shores Aufnahmen aus der Factory neben denen des ‚offiziellen‘ Fotografen Warhols, Billy Name, zur Dokumentation gezeigt. Gleichzeitig war es jedoch für Shore die erste Ausstellung überhaupt (mit Ausnahme einer kleinen Ausstellung 1962, als er 15 war) und auch der Katalog zur Ausstellung war die erste größere Publikation mit seinen Bildern. Mit König, der den Katalog verantwortete, sequenzierte Shore seine am Ende insgesamt 165 Fotografien.
Erneute Aufmerksamkeit erhielt der Werkblock seit einer Ausstellung 1990 in der Pariser Fondation Cartier und 1996 mit der Wanderausstellung The Velvet Years 1965–1967: Warhol's Factory, die neben mehreren Stationen in den USA auch im australischen Melbourne, in London und im Museum Abteiberg in Mönchengladbach gezeigt wurde. Das begleitende Buch zur Ausstellung wurde 2016 durch eine neue, erweiterte Ausgabe bei Phaidon überholt (das auch deutschsprachig erschien).
Shores Hinwendung zur konzeptuellen Serie kam weniger von Warhol, als das es von John Coplans einflussreichen Essay im Begleitbuch zur Ausstellung Serial Imagery (in Pasadena 1968) inspiriert war. Kasper König zeigte ihm 1968 Ed Ruschas Every Building on the Sunset Strip, 1970 auch die Anonyme[n] Skulpturen von Bernd und Hilla Becher, (die er später auch kennenlernte). Er ging regelmäßig zur John Gibson Gallery, die zeitgenössische Künstler der konzeptuellen Minimal und Land Art vertrat. Christo, Richard Long, Dennis Oppenheim, Peter Hutchinson und Dan Graham, von denen manche Freunde wurden, benutzten Fotografie entweder nur zur Dokumentation oder als Mittel zum Zweck, nicht im eigentlichen Sinne künstlerisch. Seine nun folgenden fotografischen Serien waren streng konzeptuell und versuchten auf unterschiedliche Weise alles Subjektive aus der Bildfindung und dessen Ausdruck zu entfernen: einen Freund fotografierte er 24 Stunden lang alle 30 Minuten (was ein Bildgitter von 49 Fotos mit jeweiliger Zeitangabe ergab. July 22, 1969), acht Bilder in einer Landschaft, die distanziert um einen stehenden Menschen kreisen (Circle No. 1, 1969), oder alle 60 Fotografien, die er an einem Tag aus einem Auto heraus wie absichtslos machte, was einer Art „stream of consciousness“ gleichkommen sollte (Los Angeles, CA, February 4, 1969).
Teile dieser Werke fanden Eingang in Shores erste Soloshow, die kurz vor seinem 24. Geburtstag im New Yorker Metropolitan Museum of Art eröffnet wurde. Fifteen Photographs by Stephen Shore war gleichzeitig die erste Einzelausstellung eines lebenden Fotografen in der Geschichte des Museums.
Über Warhols Factory hatte Shore sich mit einem Texaner aus Amarillo angefreundet, der zu einer Gruppe von New Yorkern aus Amarillo gehörte, die regelmäßig nach Hause fuhren. Shore, der eingeladen wurde mit nach Texas zu fliegen, war sogleich vom Lebensstil, der Landschaft mit wolkenfreiem Himmel und vor allem von dem harten, klaren Licht. Das kräftige Blau des Himmels wurde beim Fotografieren in Farbe wie die tiefen Schatten wesentlich für die Bildkomposition. Shore war zwar häufig in Europa gewesen (und auch New York war in diesem Sinne europäisch), er sah aber, dass er die USA bisher überhaupt nicht kannte.
In Amarillo, das auf all seinen späteren Reisen durch die Staaten ein beständiger Anlaufpunkt wurde, fotografierte er zum ersten Mal eine Serie in Farbe. (Greetings from) Amarillo, "Tall in Texas" (1971) bestand aus einer Reihe von ausdruckslosen Stadtansichten, die er in einem spezialisierten Verlag als reguläre Postkarten drucken ließ. Die Beschriftung auf der Rückseite gab die Straße und die Bezeichnung des abgebildeten Gebäudes an, ließ aber bewusst den Ortsnamen aus und machte die Aufnahmen so zu generischen, typisch amerikanischen Stadtansichten. Die Serie, die im Februar 1972 auch einmal in einer Galerie präsentiert wurde, erhielt keine (gute) Resonanz.

In den 1970er Jahren unternahm Shore mehrere Reisen quer durch die Vereinigten Staaten und fotografierte in technisch und ästhetisch anspruchslosen Bildern mit einer kleinen Rollei-35-mm-Kamera banale Details wie sein Essen, ein Klo, geöffnete Kühlschränke, Menschen mit frontalem Blitzlicht, Ansichten von Siedlungen, Straßenkreuzungen, Gewerbegebieten und Tankstellen. Stilistisch imitierte er unseren Blick, der Menschen und Dinge frontal ansieht, was dem intuitiven Schnappschuss gleichkam. Mit diesen Aufnahmen wurde er insbesondere neben William Eggleston und Joel Meyerowitz in der Rückschau zu einem der amerikanischen Pioniere der künstlerischen Farbfotografie jenseits von Reportage- und Produktfotografie. Denn die Serie, die 1973 in der jungen Light Gallery gezeigt wurde, 127 ungerahmte kleine Abzüge gleichförmig in drei Reihen über drei Wände des Ausstellungsraums gepinnt, wurde als banal und langweilig abgetan. Erst 1999 wurde die Serie erneut ausgestellt, und zwar in Köln. Seitdem ist auch eine erweiterte Publikation erschienen, die die ganze Zeitspanne umfasst, in der er die kleine Rollei-Kamera benutzte, die fast das gesamte Jahr 1973 einschloss, bevor er sich dann größeren Formaten zuwendete.
Im Jahr 2010 erhielt Stephen Shore den Kulturpreis der Deutschen Gesellschaft für Photographie (DGPh) in Düsseldorf. Zeitgleich wurde dort auch die Ausstellung „Der Rote Bulli – Stephen Shore und die Neue Düsseldorfer Fotografie“ im NRW-Forum eröffnet.


Mit sechs Jahren schon hatte er 1953 eine einfache Dunkelkammerausrüstung von Kodak, mit der er die Negative bestehender Familienfotografien abzog. Seine erste Kleinbildkamera, eine Ricoh, erhielt er 1956 als Neunjähriger, die er 1960 durch eine Nikon F ersetzte. Neben dieser machte er ab 1963 erste Aufnahmen mit einer Leica M2, die er bis 1971 neben anderen verwendete und 1975 noch sporadisch auf Reisen quer durch die Staaten neben der Fachkamera und durch Italien und Frankreich, sowie vereinzelt für Auftragsarbeiten nutzte. Die Nikon war bis 1969 in Gebrauch, wonach Shore zunächst eine Hasselblad 6 × 6-Mittelformat (1969–70, danach vereinzelt) erwirbt, um größere Negative mit höherer Auflösung zu erhalten. Daraufhin probierte er für ein knappes Jahr das kleinste Großformat 4 × 5-Zoll (ca. 10 × 12 cm) aus (Crown Graphic und Cambo, ab Juni 1973), bevor er sich eine Calumet 8 × 10-Zoll-Kamera bei seinem Freund Weston Naef auslieh. 8 × 10-Zoll (etwa 20 × 25-cm) war ab Mitte 1974 bis Ende der 1990er Jahre sein bevorzugtes Format (eine Arca-Swiss und ab Anfang 1976 eine Deardorff).
Wie er die Leica noch zeitweilig hernahm, benutzte er für seine Exkursionen, aus denen American Surfaces resultieren sollte, von März 1972 bis Mai 1973 eine noch handlichere Rollei 35 (bei der der Blitzschuh auf der Unterseite montiert ist, was zu einem Schattenrand über den Silhouetten der Portraitierten und Gegenständen führte). Zuvor hatte er schon mit ausgesprochenen „Consumer“-Kameras für den Massenmarkt fotografiert, wie er auch Kodacolor-Film verwendete. Mit einer Kodak Instamatic machte er 1969 beispielsweise Portraits und 1971 war die Mickey-Mouse-Kamera für Kinder ein häufiger Begleiter.
Bis 1998 fotografierte Shore nahezu ausschließlich mit der 8 × 10-Zoll. In diesem Jahr bekam er einen Auftrag der National Millenium Survey, für die er eine Pentax 6×7 verwendete, die er danach sporadisch (für Aufträge) zur Hand nahm. Die digitale Fotografie schließlich begann er ab 2003 zu erforschen. Unterschiedlichste Modelle verschiedener Firmen probierte er aus, wechselte zunächst zwischen Olympus E-20, Casio EX-S2, bevor er ab Ende Oktober 2005 dann eine Canon PowerShot SD450 bevorzugt verwendete. Auch mit digitalen Spiegelreflexkameras fotografierte er, wie einer Canon EOS-1Ds Mark III und der Nikon D3X, mit der er unter anderem im Nahen Osten (2009/10) neben der Deardorff arbeitet. 2013/14 nutzt er über ein Jahr fast ausschließlich eine Nikon D800. Am 21. Mai 2014 folgt dann der erste Post auf Instagram und das iPhone5s wird zu einem Fokus seiner Arbeit.
Sein erster Versuch mit Bewegtbildern zu arbeiten, war im Januar 1964 das (Ab-)Filmen eines Fahrstuhls in 16 mm. Bei dessen Aufführung im folgenden Jahr traf er auch Warhol. Nach der programmatischen Ausstellung All the Meat You Can Eat im November 1971 experimentierte er kurzzeitig mit 8 mm-Film. Vom 19. November bis zum 30. Dezember 1971 entstanden die Intersections. Erst Anfang der 2010er Jahre beschäftigte er sich erneut mit bewegten Bildern: in New York nahm er digitale Kurzfilme auf, die 2013 als The New York Minute auch erstmals nur digital (über den Apple iTunes Store) veröffentlicht wurden, was auch für den Verlag Phaidon ein Novum war. Das „multi-touch digital book“ besteht aus 16 Kurzfilmen, die Shore selbst bezeichnete als „still photographs flowing in time“.
Shore wurde schnell über die USA hinaus bekannt. Durch seinen Freund Weston Naef, Kurator am MET-Museum, lernte er Hilla und Bernd Becher kennen, die 1975 auch an der Ausstellung New Topographics beteiligt waren. Sie brachten sein Werk mit an die Düsseldorfer Akademie und halfen sein Werk in Deutschland bekannt zu machen. Auf der Photokina in Köln wurden 1972 erstmals Arbeiten Shores in Deutschland gezeigt. 1975 folgte eine Einzelausstellung in der jungen Fotogalerie Lichttropfen in Aachen, der ersten von Rudolf Kicken mit Wilhelm Schürmann gegründeten Galerie, einer der ersten Fotogalerien überhaupt. Auf der documenta 6 im Jahre 1977 war er zu sehen und noch im gleichen Jahr in der Kunsthalle Düsseldorf. 1980 lud Michael Schmidt ihn nach Westberlin ein, in seiner Werkstatt für Photographie auszustellen.
Laut Quentin Bajac, der die bisher größte Retrospektive des Werks von Stephen Shore 2017/18 am Museum of Modern Art in New York ausrichtete, waren es die ihm gewidmeten Ausstellungen in Deutschland, die die Aufmerksamkeit erneut auf Shore lenkten und ihn in der Fotografiegeschichte fest verankerten. Heinz Liesbrock und Thomas Weski stellten erstmals 1995 umfassend seine großformatigen Fotografien der letzten 20 Jahre an ihren Häusern in Münster und Hannover aus, sowie in Stuttgart und Berlin. Von dort wanderte sie nach New York und später noch durch ganz Italien. 1999 war es die sich gerade etablierende SK Stiftung Kultur in Köln, die zum ersten Mal seit 1973 Shores American Surfaces erneut vorstellte. Liesbrock und Weski waren es wiederum, die Shore in ihrer großen Fotoausstellung im Sprengel Museum (How You Look at It, 2000) und dann Weski 2003 zusammen mit Emma Baxter von der Londoner Tate Modern innerhalb der Ausstellung Cruel and Tender im Museum Ludwig Köln in die Fotogeschichte des 20. Jahrhunderts einschrieb. Ein weiterer wesentlicher Beitrag zur Gewichtung von Shores Werk, war schließlich Der rote Bulli, der 2010 (mit von Köln aus) in Düsseldorf präsentierten Show, die seine Beziehung zur sogenannten „Becher-Schule“ auslotete.
Die Auswahl in der Liste konzentriert sich weitgehend auf Einzelausstellungen Shores in Institutionen und lässt die vielen Erstpräsentationen seiner Serien in Galerien aus (deutschsprachiger Raum ausgenommen). Die ersten Einträge mögen einen Eindruck der Verbreitung seiner Arbeit in den Staaten und international geben.
Erneute Publikationen eines Werks werden der Übersicht wegen unter der Erstausgabe eingerückt gelistet, auch wenn sie sich in Umfang, Format und Umschlag unterscheiden. Einzige Ausnahme bildet Uncommon Places.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Shore, Stephen |
| KURZBESCHREIBUNG | US-amerikanischer Fotograf |
| GEBURTSDATUM | 8. Oktober 1947 |
| GEBURTSORT | New York |