




Tadeusz Semadeni (Decknamen Teodor, Witold; * 4. Juni 1902 in Kalisz; † 19. August 1944 in Warschau) war ein polnischer Jurist, Richter, Schwimmsportler, Sportfunktionär und Sportjournalist. Er gilt als Vater des polnischen Schwimmsports. Während der deutschen Besatzung leitete er die Strafvollzugsabteilung im Justizdepartement der Regierungsdelegation für Polen(en, pl) und fiel als Aufständischer im Warschauer Aufstand.
Tadeusz Semadeni entstammte einer Familie von Schweizer Auswanderern aus Poschiavo im Kanton Graubünden, die sich vollständig polonisiert hatte (bis 1928 besass er die Schweizer Staatsbürgerschaft). Er war der Sohn von Władysław Semadeni(pl) (1865–1930), Pfarrer und Superintendent der Evangelisch-Reformierten Kirche in Polen, und dessen Ehefrau Helena, geborene Haberkant (Schwester von Wanda Haberkantówna(pl)). Die Eltern waren in Kalisz Hauslehrer der späteren Schriftstellerin Maria Dąbrowska.
1920 schloss er das Zamoyski-Gymnasium(pl) in Warschau ab und erwarb 1924 an der Fakultät für Rechts- und Verwaltungswissenschaften der Universität Warschau das juristische Diplom (Magister juris). Beruflich war er als Richter am Stadtgericht in Łódź, später am Bezirksgericht (Sąd Okręgowy) in Warschau und ab 1939 als stellvertretender Staatsanwalt am Warschauer Appellationsgericht tätig. 1938 veröffentlichte er das juristische Fachbuch Prawo o ustroju adwokatury (Das Gesetz über die Verfassung der Anwaltschaft).
Semadeni zählte zu den Pionieren des organisierten Schwimmsports in Polen. 1922 gründete und leitete er den Polnischen Schwimmverband(pl), dessen Sportkapitän er war. Er vertrat Polen im Weltverband FINA bei den Olympischen Sommerspielen 1928 in Amsterdam und fungierte als Mannschaftsleiter der polnischen Schwimmer bei den Olympischen Sommerspielen 1936 in Berlin. 1923 stellte er den ersten offiziellen polnischen Rekord über 100 Meter Freistil auf. Zudem setzte er sich intensiv für die Verbreitung des Wasserballspiels ein. Er startete für die Schwimmsektion des AZS Warszawa(pl) und arbeitete journalistisch; ab April 1924 war er zweiter Redaktionssekretär der Sportwochenzeitschrift Stadjon(pl). Zusammen mit A. Zaleski verfasste er 1928 das Lehrbuch Pływanie. Podręcznik techniki (Schwimmen. Technik-Lehrbuch).
Während der deutschen Besetzung Polens lebte er in Warschau in der Stanisława-Noakowskiego-Strasse 20. Im Untergrund führte er die Decknamen Teodor und Witold. Er war Vizepräsident des Programmrates der Untergrundorganisation Znak(pl), beriet in juristischen Belangen und gehörte dem Hauptstab der Konfederacja Zbrojna(pl) an. Ab Sommer 1940 amtierte er als Richter des geheimen Schnellgerichts (Sąd Kapturowy) im Bezirk Warschau-Woiwodschaft des Związek Walki Zbrojnej (ZWZ) und anschliessend als Richter am Militärischen Sondergericht (Wojskowy Sąd Specjalny, WSS)(en, pl) des Bereichs Warschau der Armia Krajowa (AK). Im Dezember 1943 reiste er freiwillig nach Lemberg, um Zofia Rapp-Kochańska(pl) (Deckname Marie Springer), eine Agentin des AK-Nachrichtendienstes, nach ihrer Flucht aus der Haft der Gestapo sicher nach Warschau zu überführen. Im März 1944 wurde er zum Vizepräsidenten des Programmrates der christdemokratischen Partei Stronnictwo Pracy ernannt.
Während des Warschauer Aufstandes 1944 leitete er das Militärische Sondergericht des Unterbezirks Śródmieście Południowe (Süd-Stadtmitte), das unter anderem Urteile wegen Kollaboration und Eintragung in die Deutsche Volksliste fällte. Zugleich kämpfte er in den Reihen des 3. Panzerbataillons „Golski“(pl). Er fiel am 19. August 1944 bei der Verteidigung des Geländes der Technischen Universität Warschau. Am selben Tag fiel auch sein 16-jähriger Sohn Allan Andrzej Semadeni, Zugführer bei den Szare Szeregi.
Tadeusz Semadenis Leichnam wurde nicht geborgen; auf dem Evangelisch-Reformierten Friedhof an der Żytnia-Strasse in Warschau (Grabfeld L-1-3) befindet sich ein symbolisches Gedenken an ihn.
Tadeusz Semadeni gehörte der evangelisch-reformierten Konfession an. Seine Ehefrau Irena Konopacka-Semadeni(en, pl) (Deckname Doktor Konstancja, bekannt als „Tante der Cichociemni“) leitete während der Kämpfe und der Niederschlagung im Stadtteil Czerniaków ein Aufstandslazarett und überlebte den Krieg. Sie begründete und leitete später die Klinik für Kieferchirurgie an der Pommerschen Medizinischen Akademie in Stettin. Ihr zweiter Sohn, Zbigniew Semadeni(en, pl) (1934–2024), war Professor für Mathematik an der Universität Warschau.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Semadeni, Tadeusz |
| ALTERNATIVNAMEN | Teodor, Tadeusz; Witold, Tadeusz |
| KURZBESCHREIBUNG | polnischer Jurist, Richter, Schwimmsportler, Sportfunktionär und Sportjournalist |
| GEBURTSDATUM | 4. Juni 1902 |
| GEBURTSORT | Kalisz |
| STERBEDATUM | 19. August 1944 |
| STERBEORT | Warschau |