Thomas Kersting (* 8. September 1958 in Bonn) ist ein deutscher Prähistorischer und Neuzeitlicher Archäologe. Schwerpunkte seiner Arbeit sind die Archäologie der Slawenzeit und der Zeitgeschichte, insbesondere der Zwangslager des 20. Jahrhunderts.

Thomas Kersting studierte an den Universitäten Bonn und München Vor- und Frühgeschichte, Mittelalterliche Geschichte und Historische Geographie. Die Magisterprüfung legte er bei Volker Bierbrauer ab mit einer Arbeit zum alamannischen Reihengräberfeld von Zusamaltheim im Kreis Dillingen an der Donau. Die Promotion erfolgte unter Bierbrauer und Helmut Roth mit einer Dissertation zur Besiedlungsgeschichte des Frühen Mittelalters anhand der Reihengräber in Bayerisch-Schwaben.
Die Teilnahme an mehreren Ausgrabungen in Südtirol erfolgte im Rahmen des DFG-Projektes Klosterberg Säben bei Klausen im Eisacktal (unter Volker Bierbrauer in drei Kampagnen), und unter Hans Nothdurfter (Denkmalamt Bozen) fungierte er als örtlicher Grabungsleiter in zwei Kampagnen in und bei der Kirche St. Prokulus in Naturns im Etschtal.
Nach seiner Tätigkeit im Ortsarchiv im LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland in Bonn als Studentische Hilfskraft wurde er 1991 als wissenschaftlicher Referent für die stellvertretende Grabungsleitung bei einer Eisenzeit- und Mittelaltersiedlung in Düsseldorf-Rath angestellt.
Ab 1993 arbeitete er als wissenschaftlicher Grabungsleiter im Referat Großvorhaben unter Bernhard Gramsch beim Brandenburgischen Landesmuseum für Ur- und Frühgeschichte (BLMUF), später Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum (BLDAM), bei der archäologischen Begleitung des Autobahnausbaues im Rahmen der Verkehrsprojekte Deutsche Einheit. Im Jahr 1996 konnte er als Referent in das Gebietsreferat Zauche-Teltow-Fläming wechseln, wo er ab 1998 die Referatsleitung übernahm. 2008 wurde Kersting zum Leiter des landesweiten Dezernates Archäologische Denkmalpflege berufen sowie bis zu seinem Ruhestand 2023 in die Funktion als Stellvertretender Landesarchäologe beim BLDAM.
Durch sein Studium und die einschlägige Dissertation sowie seine Grabungstätigkeit in Südtirol befasste er sich intensiv mit Besiedlungsgeschichte, Reihengräberfeldern und Kirchenarchäologie im Übergang von der Spätantike zum Frühmittelalter, vermittelt auch in Ausstellungsform.
Seit 1998 war er Fachreferent für Archäologie der Slawenzeit beim BLDAM, in Nachfolge seines Kollegen im Gebietsreferat Klaus Grebe, dem langjährigen Ausgräber der Brandenburg in Brandenburg an der Havel. In dieser Funktion war er seit 2000 regelmäßig mit der (Mit-)Organisation der Tagungen der Sektion Slawenzeit im Mittel- und Ostdeutschen Verband für Altertumsforschung betraut. Für die wissenschaftliche Einrichtung und Betreuung der Abteilung zur Slawenzeit-Archäologie im Archäologischen Landesmuseum Brandenburg im Paulikloster, Brandenburg an der Havel, war Kersting verantwortlich. Ihm oblag dienstlich ebenfalls die Betreuung des DFG-Forschungsprojektes „Slawen an der unteren Mittelelbe“, in Kooperation mit der Universität Göttingen und der Landesarchäologie Mecklenburg-Vorpommern.
Seit 2010 befasst er sich zunehmend mit der Archäologie der Zeitgeschichte, also mit den materiellen Resten von Kriegsgefangenenlagern des Ersten und Zweiten Weltkrieges, Zwangslagern der Zeit des Nationalsozialismus, Waldlagern der Roten Armee am Kriegsende 1945 und auch von DDR-Grenzanlagen. Hinzu kam immer wieder die Betreuung von Anträgen auf Nachsuche nach kriegsbedingt verlagertem NS-Raubgut. Zum 50-jährigen Jubiläum des Mauerbaues gelang es ihm, gemeinsam mit Torsten Dressler ein geeignetes Objekt für die Ausgrabung eines Fluchttunnels zu finden.
Für die Ausgrabungen in einem Kriegsgefangenen-Lager des Ersten Weltkrieges in Wünsdorf (mit Moschee, sog. „Halbmondlager“) zum 100-jährigen Jubiläum des Baubeginns 2015 fand er in Reinhard Bernbeck, Susan Pollock und Torsten Dressler geeignete Partner. Forschungen in Waldlagern der Roten Armee von 1945 fanden vor allem mit Hilfe von ehrenamtlichen Beauftragten statt, die Ergebnisse wurden in einer Ausstellung präsentiert, die seit 2016 schon an zahlreichen Stationen zu sehen war und ist. Sie wurde in Kooperation mit dem Museum Berlin-Karlshorst (vormals Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst) erarbeitet.
Zum 70-jährigen Jubiläum des Kriegsendes 2015 initiierte er die Tagung „Archäologie und Gedächtnis“, die in Kooperation mit der Topographie des Terrors Berlin und der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten organisiert wurde, und von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ gefördert wurde. Kersting initiierte und erarbeitete die Grundlagen der großen Sonder- und Wanderausstellung des BLDAM „Ausgeschlossen – Archäologie der NS-Zwangslager“, und kuratierte sie gemeinsam mit Juliane Haubold-Stolle und Lena Sommerfeld. Eine Förderung erfolgte wiederum durch die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“. Eröffnet wurde sie 2020 zum 75. Jubiläum des Kriegsendes, in Kooperation mit dem Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit, Berlin-Schöneweide und dem Landesdenkmalamt Berlin. Seitdem war die Ausstellung an mehreren Stationen in Berlin, Brandenburg und Westdeutschland zu sehen, letzte Station 2024: Archäologisches Museum Frankfurt am Main. Zur Ausstellung gehört ein Film eines eigens mit dem Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit veranstalteten Jugendprojektes, der bei der Absuche des Zwangsarbeitslagers Sebaldushof einer Munitionsfabrik bei Treuenbrietzen entstand. Die Daten der dabei gefundenen über 1000 ADREMA-Matrizen (die von sog. Adressiermaschinen stammen) wurden den Arolsen Archives überlassen, auf deren Homepage das Projekt samt Film auch zu sehen ist.
Für das Laténium in Neuchatel, Schweiz, erarbeitete er Teile der Sonderausstellung „Dans les camps. Archéologie de lénfermement“ (Eingesperrt. Archäologische Zeugnisse des Lageralltags; 29. März 2024 – Verlängerung bis zum 27. April 2025).
Im Jahr 2023 übernahm Kersting als Mitglied im Scientific Board die inhaltliche Vorbereitung der internationalen Konferenz „New Challenges: Archaeological Heritage Management and the Archaeology of the 18. to 20. Centuries“ des Europae Archaeologiae Consilium (EAC) in Bonn (für den Verband der Landesarchäologen in der Bundesrepublik Deutschland, gemeinsam mit Alex Hale, Erich Claßen und Regina Smolnik), inklusive des zugehörigen Tagungsbandes als Buch und als ausführliche Internetpublikation. Mit Claßen und Smolnik kuratierte er in Heft 6/2023 den Themenschwerpunkt „Jüngste Zeiten – Graben im Gestern“ der Zeitschrift Archäologie in Deutschland.
Kerstings Interesse gilt Arbeitsweisen und Strategien der archäologischen Denkmalpflege unter modernen gesetzlichen Bedingungen (Brandenburgisches Denkmalschutzgesetz) mit Verursacherprinzip, ohne Altersbegrenzung von Bodendenkmalen und dem Primat des Denkmalerhalts. Dabei legt er den Schwerpunkt auf Öffentlichkeitsarbeit, Partizipation und Transparenz, auch mit Blick auf ethische Aspekte und Politische Bildung. Seit 2008 oblag ihm die inhaltliche Vorbereitung und Organisation der jährlichen Forschungskonferenz der Landesarchäologie. Im Jahr 2016 organisierte er die Tagung „Erinnerungsorte und Erinnerungskultur“ des Verbandes für Landesarchäologien der Bundesrepublik Deutschland (VLA), die er auch inhaltlich vorbereitete, inklusive Tagungsresüme.
Seit 2003 ist Kersting zuständig für die Ausbildung der ehrenamtlich Beauftragten des Denkmalamtes, auf seine Initiative erfolgte die Öffnung des Lehrganges für Detektorgänger. In der Folge organisierte er in Kooperation mit Felix Biermann regelmäßige systematische Absuchen metallführender (slawischer und mittelalterlicher) Fundplätze mit dem Ergebnis einer Flut von Metallfunden, die im Ganzen den Blick auf die brandenburgische Archäologie veränderten.
Seit 1994 wirkt er als Mitglied in der Archäologischen Gesellschaft in Berlin und Brandenburg e.V. (AGiBB) mit, dabei leistete er 15 Jahre Vorstandsarbeit als stellvertretender Vorsitzender und Geschäftsführer bis Mai 2023. 2008 wurde er als Mitglied für die Landesarchäologie Brandenburg in den Verband der Landesarchäologen der Bundesrepublik Deutschland (VLA) berufen, wo er u. a. die Verbandstagung in Wittenberge 2016 (Erinnerungsorte) verantwortete. Seit 2020 ist er Mitglied im Förderverein (seit 2023 im Vorstand) für die Gedenkstätte Bonn und NS-Dokumentationszentrum e.V. im Stadtmuseum Bonn.
Kontinuierlich verfasste Kersting seit 1994 zahlreiche Beiträge im Jahrbuch „Archäologie in Berlin und Brandenburg“, zu verschiedenen Themen der Landesarchäologie, Slawenzeit und Zeitgeschichte sowie anderen Perioden, ebenso wie in der Zeitschrift „Archäologie in Deutschland“ (bei Themenschwerpunkten und Aktuelles aus der Landesarchäologie).
Gemeinsam mit Felix Biermann und Anne Klammt wirkte Kersting jahrelang als Mit-Herausgeber der Tagungsbände der Sektion zur slawischen Frühgeschichte bei den Tagungen des Mittel- und Ostdeutschen Verbandes für Altertumsforschung, es erschienen
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Kersting, Thomas |
| ALTERNATIVNAMEN | Kersting, Thomas R. |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Prähistoriker |
| GEBURTSDATUM | 8. September 1958 |
| GEBURTSORT | Bonn |