Ein Adverbialpartizip (russisch деепричастие) ist eine infinite, von Partizipien abgeleitete Verbform zur Bildung von temporalen Nebensätzen in den slawischen Sprachen. Für die westslawischen Sprachen ist auch der Terminus Transgressiv von lat. transgressivus ‚übergehend‘, ‚überschreitend‘ oder älter auch Modus transgressivus und Transgressivus üblich.
Syntaktisch vergleichbar verwendete Formen sind die in anderen indogermanischen Sprachen vorkommenden, ebenfalls aus Partizipien gebildeten Gerundien, sowie die Konverben in außerindogermanischen Sprachen.
Die modernen slawischen Adverbialpartizipien haben sich aus dem indogermanischen Absolutivum, das sich auch in den indoiranischen Sprachen findet, und dem altkirchenslawischen Dativus absolutus entwickelt.
Adverbialpartizipien bezeichnen einen Nebenvorgang, dessen Hauptvorgang in der Regel durch einen Hauptsatz mit finitem Verb ausgedrückt wird. Der Nebenvorgang kann in Bezug auf den Hauptvorgang vorzeitig, gleichzeitig bzw. auch nachzeitig sein.
In der Regel bezieht sich der Nebenvorgang immer auf das Subjekt des Hauptsatzes (sofern es ein Subjekt im Satz gibt). Im Sorbischen und Mazedonischen, sowie umgangssprachlich im Russischen und Polnischen kann sich der Nebenvorgang jedoch auch auf das direkte Objekt des Hauptsatzes beziehen, s. u.
Es gibt in den slawischen Sprachen meist eine Präsens- und eine Perfektform (tschech. píše, píšíc, píšíce/napsav, napsavši, napsavše „schreibend/geschrieben habend“, poln. pisząc/napisawszy „schreibend/geschrieben habend“, obersorb. pišo, napisawši „schreibend/geschrieben habend“), in einigen slawischen Sprachen oder Dialekten gibt es hingegen nur eine Form, wobei das logische Tempus mit dem Aspekt korreliert (so z. B. in mährischen Dialekten oder im Slowakischen).
Im zu den baltischen Sprachen zählenden Litauischen erfüllt bei Subjektgleichheit eine Halbpartizip genannte Form diese Funktion, wobei es aber auch Formen für die explizite Subjektverschiedenheit zwischen Haupt- und Nebensatz gibt, die als Gerundien bezeichnet werden (s. Gerundien und Halbpartizip im Litauischen).
Im Altkirchenslawischen existieren keine Adverbialpartizipien. Dafür gibt es dort absolute Konstruktionen der Art dativus cum infinitivo und dativus cum participio (vergleichbar mit dem lateinischen ablativus absolutus) zum Ausdruck synthetischer Adverbialsätze. Verwendet wird hierbei ein verkürztes (unbestimmtes) Partizip im Dativ (Präs. -щу, -щи; Prät. -шу, -ши) und auch das Subjekt steht im Dativ.
Diese Bildungsweise ist die historische Grundlage für die Adverbialpartizipien auf -ši (Präteritum), sowie auf -či (Präsens im Ukrainischen) und -ouc usw. (Präsens fem. im Tschechischen). Die neuslawischen Adverbialpartizipien auf -a hingegen hängen mit dem Absolutivum zusammen.
Das Russische kennt zwei Adverbialpartizipien (russ. деепричастие deepričastie):
| Aspekt | Endung |
|---|---|
| imperfektiv | -я, -а |
| perfektiv | -в(ши), -ши, -я, -а |
Dabei ist für die Bedeutung nicht das Suffix entscheidend, sondern der inhärente Aspektwert des Verbalstamms.
Das Adverbialpartizip auf -я (nach Zischlauten auf -а) wird hauptsächlich von unvollendeten Verben gebildet, indem man von deren Form der 3. Person Plural Präsens die Personalendung (-ют, -ут, -ят, -ат) entfernt und durch die Endung des Adverbialpartizips ersetzt:
Beispiele:
Folgende vollendeten Verben bilden das Adverbialpartizip auf -я auf dieselbe Weise:
Betont werden die Adverbialpartizipien auf -я/-а auf demselben Vokal wie die Verben in der 1. Sg. Präsens. Bei zwei Verben hingegen kann an der Betonung unterschieden werden, ob es sich um Adverbialpartizipien oder Adverbien handelt:
Das Adverbialpartizip auf -(в)ши, -ши ist eine Verkürzung des Partizips Präteritum Aktiv auf -(в)ший und unterliegt denselben Bildungsregeln vom Präteritalstamm: endet dieser auf -а so steht -в(ши), andernfalls -ши. Die Form -вши klingt etwas umgangssprachlicher als die auf -в.
Doppelformen haben manche Verben auf -ереть und auf -нуть bei denen das -ну- im Präteritum ausfällt:
Unregelmäßig gebildetes Adverbialpartizip:
Keine Adverbialpartizipien können gebildet werden von
Die Adverbialpartizipien drücken verschiedene semantische adverbiale Verhältnisse aus, wobei es sich jedoch nicht um die pertinente Semantik der Form, sondern um durch das Situationsverständnis hervorgerufene parole-Nuancen handelt:
Die vorzeitige oder gleichzeitige Lesart ist dabei vom Aspektwert des Verbs im Nebensatz abhängig.
In nordwest-russischen Dialekten wird mit Adverbialpartizipien in prädikativer Position eine Perfekt- oder Resultativkonstruktion gebildet, z. B.:
Eine analoge Konstruktion findet sich in manchen polnischen Dialekten:
Im Ukrainischen gibt es ein Adverbialpartizip des Präsens und eines des Präteritums.
Das Adverbialpartizip Präsens wird von der 3.Pers.Pl.Präs. gebildet, indem man die Endung -ть durch -чи ersetzt:
Das Adverbialpartizip Präteritum wird gebildet, indem man an die maskuline Singular-Form des Präteritums die Endung -ши anfügt:
Im Tschechischen gehören die in der deutschsprachigen Slawistik Transgressiv genannten Adverbialpartizipien (tschech. Přechodník) der gehobenen Schriftsprache an. Dabei ist der Transgressiv Präteritum im Rückgang begriffen. Umgangssprachlich werden nur noch zu Adverbien erstarrte Transgressive häufig angetroffen.
Im Tschechischen gibt es der Form nach je einen Transgressiv für das Präsens und das Präteritum, die jeweils nach Genus und Numerus kongruieren.
Der Transgressiv des Präsens wird abhängig vom Präsensstamm in der 3.Pers. Plural gebildet:
| Endung 3.Pers.Pl.Präs | m. | f. und n. | pl. |
|---|---|---|---|
| -ou | -a | -ouc | -ouce |
| -í | -e/-ě | -íc | -íce |
| -ejí/-ějí | -eje/-ěje | -ejíc/-ějíc | -ejíce/-ějíce |
| -ají | -aje | -ajíc | -ajíce |
Beispiele:
unregelmäßig:
Gebrauch:
Der Transgressiv des Präteritums wird abhängig vom Auslaut des Infinitivstamms gebildet:
| Auslaut Inf. | m. | f. und n. | pl. |
|---|---|---|---|
| konsonantisch | -Ø | -ši | -še |
| vokalisch | -v | -vši | -vše |
Beispiele:
unregelmäßig:
Gebrauch:
Im Polnischen gibt es zwei Adverbialpartizipien (auch Gerundien genannt, poln. Imiesłów przysłówkowy): das nur von imperfektiven Verben (czasowniki niedokonane) gebildete Adverbialpartizip der Gleichzeitigkeit und das von perfektiven Verben (czasowniki dokonane) gebildete Adverbialpartizip der Vorzeitigkeit. Sie sind unveränderlich und dienen wie die Gerundien in den romanischen Sprachen u. a. der Verkürzung von Nebensätzen. Um Adverbialpartizipien verwenden zu können, müssen sich das Prädikat des Satzes und das Adverbialpartizip auf ein gemeinsames Subjekt beziehen.
Beispiel: Czytając gazetę, słuchałem muzyki. „Während ich Zeitung las, hörte ich Musik.“
Die Adverbialpartizipien werden vor allem in der Schriftsprache benutzt, das Adverbialpartizip der Vorzeitigkeit immer seltener.
Das Adverbialpartizip der Gleichzeitigkeit (Imiesłów współczesny przysłówkowy, Gerundium der Gleichzeitigkeit):
Bildung: An die 3. Person Plural Präsens (czas teraźniejszy, Gegenwart) eines imperfektiven Verbes wird die Endung -c gehängt.
Beispiele:
Das Adverbialpartizip der Vorzeitigkeit (Imiesłów uprzedni przysłówkowy, Gerundium der Vorzeitigkeit):
Bildung:
Die Form wird von der 3. Person Singular maskulinum des Präteritums (czas przeszły, Vergangenheit) abgeleitet. Es sind zwei Fälle zu unterscheiden.
1. Fall: Vor dem -ł [w] des Präteritums steht ein Vokal: -ł wird ersetzt durch die Endung -wszy [fʃ].
2. Fall: Vor dem -ł des Präteritums steht ein Konsonant: an -ł wird die Endung -szy gehängt.
Beispiele:
Im Niedersorbischen konkurriert diese Form mit dem kongruenten Partizip, z. B.:
Im nahe verwandten Obersorbischen ist dies hingegen meistens nicht der Fall, denn hier endet der Transgressiv des Präsens meistens auf -o, so dass eine Unterscheidung nach dem Genus nicht möglich ist. z. B.:
Im Serbischen und Kroatischen existieren je ein Adverbialpartizip (kr. Glagolski prilog) für das Präsens (-ći) und das Präteritum (-v(ši)).
Das Adverbialpartizip des Präsens wird von der 3.Pers.Pl.Präsens gebildet, indem das personale -t durch die Endung -ći ersetzt wird.
Beispiele (Kroatisch):
unregelmäßig:
Das Adverbialpartizip des Präteritums wird durch Anhängen des Suffix -v(ši) an den Infinitivstamm eines vollendeten Verbes gebildet. Endet dieser konsonantisch, folgt die Endung -avši.
Beispiele (Kroatisch):
unregelmäßig:
Im Bulgarischen existiert ein Adverbialpartizip auf -йки, das an den Präsensstamm angefügt wird. Dabei lautet der Vokal и der II. Verbklasse zu е um.
Beispiele:
Die Bedeutung ist identisch mit der Formulierung durch die Konjunktion като + Präsens oder Imperfekt.
Im Sanskrit können mit den Suffixen -tvā (Absolutivum I, bei Verben ohne Präfix), -ya (Absolutivum II, bei Verben mit Präfix) und -am ... -am (Absolutivum III) indeklinable adverbiale Partizipien gebildet werden, die den slawischen Adverbialpartizipien entsprechen und eine abgeschlossene Handlung bei gleichem Subjekt mit dem Hauptsatz bezeichnen.
Beispiele:
Manche Absolutiva haben sich zu Präpositionen entwickelt:
In der Beschreibung des Ungarischen wird der Terminus Adverbialpartizip aus der Slawistik für den ungarischen Terminus határoszói igenév verwendet, welcher mit „abgrenzungswörtliches Mittelwort“ übersetzt werden kann, also sinngemäß „adverbiales Partizip“. Dieses wird mit den Suffixen -va / -ve gebildet, die entsprechend dem Vokalismus dem Verbstamm angefügt werden. Es wird in der ungarischen Schulgrammatik neben den drei adjektivischen Partizipien (meléknévi igenév) zu den vier Partizipien der ungarischen Sprache gerechnet. Während die drei adjektivischen Partizipien ihre jeweils eigene Zeitform (Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft) bedingen und nur auf Substantive beziehen können, kann sich das Adverbialpartizip nur auf Verben und andere Adverbien beziehen und ist an keine feste Zeitform gebunden.
Da es sich beim Ungarischen um keine indogermanische Sprache handelt (die Form also keinen sprachgeschichtlichen Zusammenhang mit den slawischen Bildungen aufweist), teilt sie wesentliche morphologische und syntaktische Eigenschaften mit diesen nicht. Der Terminus Adverbialpartizip wurde hier aufgrund der geographischen Lage Ungarns in Osteuropa aus der Slawistik übernommen. Sprachtypologisch wäre es dagegen korrekter, für das Ungarische von Konverben zu sprechen.