Transhumanz

Schaftrieb im Rahmen der Wanderweidewirtschaft im Hohen Atlas Marokkos

Transhumanz oder Wanderweidewirtschaft bezeichnet eine Form der Viehhaltung, bei dem Viehherden in regelmäßig wiederkehrenden, meist jahreszeitlich bedingten Wanderungen zwischen zwei oder mehreren räumlich getrennten, saisonal nutzbaren, zumeist nicht eingehegten Weidegebieten wechseln. Diese unterscheiden sich häufig hinsichtlich ihrer Höhenlage, klimatischen Bedingungen und Vegetation und bieten deshalb zu unterschiedlichen Jahreszeiten geeignete Weidemöglichkeiten.

Der Begriff wird von unterschiedlichen Autoren unterschiedlich gefüllt; bisweilen wird genauer differenziert: Die Wanderungen können bei der häufigeren vertikalen Transhumanz zwischen Tiefland und nahegelegenem Gebirge, bei der vor allem im Mittelmeerraum verbreiteten horizontalen Transhumanz über weitere Strecken in einen auf derselben Höhenstufe gelegenen verschiedenen Klimaraum verlaufen. Die menschliche Mobilität unterscheidet sich bei verschiedenen Varianten der Transhumanz: Bei der nomadischen Transhumanz ziehen wesentliche Teile von Siedlungsgemeinschaften oder der Familie mit den Herden, bei nicht-nomadischer Transhumanz können auch nur einzelne Personen ziehen, während der Rest der Gemeinschaft sesshaft bleibt. Die Herden können dabei von ihren Besitzern selbst oder von angestellten Berufshirten betreut werden, die sich um die Tiere mehrerer Familien kümmern.

Da die Wanderweidewirtschaft auf historische Kulturen von Hirtenvölkern zurückgeht und zum Teil auch zur Selbstversorgung (Subsistenzwirtschaft) praktiziert wird, gehört sie zu den traditionellen Wirtschaftsformen. Wenn die eigene Bedarfsproduktion im Vordergrund steht, spricht man auch von „transhumantem Agropastoralismus“.

Weitere Kennzeichen

Ötztaler Schaftrieb auf dem Hochjoch

Sofern die Eigentümer Ackerbau betreiben, wird dieser in aller Regel weitgehend unabhängig von der Viehwirtschaft betrieben; eine tiefgründige Wechselwirkung besteht nicht. Unter Umständen weiden die Tiere auf den abgeernteten Feldern, auf denen jedoch kaum oder gar kein Tierfutter angebaut wird.

Die Wanderungen – bei denen sehr große Distanzen von einigen hundert Kilometern überwunden werden – führen in der Regel aufgrund von sommerlicher Trockenheit in den Niederungen in höhere Lagen und von dort zurück, wenn Schneefall die Beweidung unmöglich macht. Es gibt jedoch auch umgekehrte Formen.

Etymologie

Das Wort „Transhumanz“ bedeutet „auf die Gebirgsweide führen“ und geht auf französisch transhumer bzw. „transhumar“ = „wandern“ bzw. speziell „wandern von Herden“ zurück. Eine andere Deutung bezieht sich auf lateinisch trans- und humus = „Erde“ und wird mit „jenseits der bebauten Erde“ übersetzt.

Untergliederung und Verbreitung der Transhumanz

Klassische Transhumanz

Ursprüngliche Verbreitung der Transhumanz im Mittelmeergebiet anhand der ungefähren Verläufe der Triftwege (vereinfacht nach J. Schultz)

 Gemäßigte Steppen
 Ozeanische Wälder
 Kontinentale Wälder
 Gemäßigte Gebirge
 Subtropische Feuchtwälder
 Subtropische Trockenwälder
 Subtropische Steppen
 Subtropische Gebirge
 Heiße Wüsten

–– Triftwege

Hinweisschild zum Transhumanz-Themenweg Val Bavona im Tessin

Die transhumante Hütehaltung (ursprünglich mit Ziegen und Schafen) ist an Räume gebunden, die eine Wanderung zwischen zwei klimatisch unterschiedlichen und nur saisonal nutzbaren, steppenhaften Gras- oder Strauchgebieten ermöglichen. In aller Regel befindet sich eine Weide in der Ebene und eine im Gebirge. Die klassische Transhumanz ist eine sinnvolle Art der Viehhaltung in der globalen Zone zwischen 50° nördlicher und südlicher Breite, sofern Gebirge und benachbarte trockene Ebenen vorhanden sind.

Besonders häufig treten diese Bedingungen in den winterfeuchten und sommertrockenen Mittelmeerklimaten und den angrenzenden subtropischen Trockengebieten auf, wo über 300 bis maximal 400 mm Jahresniederschläge fallen. Das Hauptverbreitungsgebiet erstreckte sich bis weit ins 20. Jahrhundert über die Gebirgsländer des Mittelmeerraumes (Atlas-Gebirge in Nordwest-Afrika, Mittel- u. Südspanien, Südfrankreich, Südschweiz (Maggia- und Verzascatal), Italien, Balkan, Karpatenraum, Türkei, Kaukasien und Armenien).

Bei der klassischen Form wurden von den Eigentümern der Herde angestellte Hirten mit dem Viehtrieb und der Beaufsichtigung der Tiere betraut. Die Eigentümer betrieben früher zusätzlich Ackerbau und gehen heute z. T. anderen Berufen nach. Die „nomadisierenden“ Hirten bleiben während der Sommersaison dauerhaft in der Nähe der Tiere. Bisweilen wird diese Form auch als Lohnhirtentum bezeichnet.

Diese ursprüngliche Transhumanz wird heute südlich der Alpen bis Nordafrika sowie im Nahen Osten nur noch selten betrieben, da die klimatischen Bedingungen in den Ebenen bereits ertragreichere landwirtschaftliche Nutzungen zulassen. In marginalen Räumen wird sie jedoch zum Teil als nachhaltige und umweltfreundliche Wirtschaftsform finanziell gefördert. Relativ häufig ist sie noch bei den Berberstämmen des Atlasgebirges in Nordafrika.

Im Zuge der europäischen Kolonisierung hat sie sich auch in anderen Erdteilen etabliert, so etwa im „Wilden Westen“ der USA, in Süd- und Ostafrika, in Nord-Kolumbien und im brasilianischen Bergland oder in Tasmanien. In einigen außereuropäischen Ländern werden zum Teil transhumante Wanderungen mit Rindern durchgeführt. Ebenfalls finden sich dort verschiedene Übergangsformen zur stationären Viehhaltung.

Yaylak-Pastoralismus

Sommerlager von Yaylak-Pastoralisten in Kirgisien

Zur klassischen Form wird häufig auch noch der sogenannte „Yailak- oder Dzhailoo-Pastoralismus“ (russisch/kirgisisch Джайлоо) gerechnet, der von der Türkei bis Mittelasien zu finden ist. Hier wird das Vieh statt von Hirten von einem Teil der lokalen Gemeinschaft selbst auf die Bergweide (Yayla) getrieben, die dort währenddessen nomadisch in Zelten leben. Im Winter wird das Vieh in den Dörfern meist eingestallt. Der Yailak-Pastoralismus ersetzt heute vielfach den Vollnomadismus, so dass er auch zur mobilen Tierhaltung gezählt wird (s. u.).

Weitere Formen

Winterweide mit Wohnstätte der aus den höchsten Lagen des Kaukasus stammenden Karatschaier in der Nähe von Kislowodsk vor 1917. Transhumanz ganzer Dorfgemeinschaften wurde in sowjetischer Zeit als „rückständig“ verboten, weshalb die Winterweidewirtschaft heute im Kaukasus nur noch von Hirten betrieben wird.

In den geografischen Wissenschaften werden weitere Untergliederungen und Kennzeichnungen wie folgt vorgenommen:

  • Normale oder aufsteigende Transhumanz = Ackerbau und Winterweide in der Ebene, Sommerweide im Gebirge. Weit verbreitet im Mittelmeerraum
  • Invertierte oder absteigende Transhumanz = Ackerbau und Sommerweide im Gebirge, Winterweide in der Ebene. Seltene Form, z. B. in Nordwest-Italien, im Kaukasus vorsowjetischer Zeit
  • Hibernale oder tropikale Transhumanz = Ackerbau im Gebirge oder der Ebene, Sommerweide in der Ebene, Winterweide im Gebirge. Vor allem in äquatornahen Gebieten Südamerikas oder Ostafrikas.
  • Kleine Transhumanz = Ackerbau im Gebirge, Sommer- und Winterweide an klimatisch wechselnden Standorten im Gebirge. Selten in den französischen Alpen und Pyrenäen.
  • Komplexe Transhumanz = Mehr als zweimaliger Weidewechsel (zumeist noch Frühjahrs- und Herbstweiden), evtl. Beifütterung und zeitweise Stallhaltung, Sitz der Eigentümer bei einer der Übergangsweiden. Bekannt aus Spanien, vor allem jedoch aus den westlichen USA als Ergänzung zum Ranching (Zentral-Utah, Süd-Idaho).

Gegenwärtige Formen

Sichtbare Überweidungsschäden mit Erosionsgefahr in Südindien

Bereits in den 1960er Jahren nahm die sogenannte „gemischte Transhumanz“ überall zu, die durch winterliche Einstallung und Beifütterung aus Mangel an Weideland gekennzeichnet ist. Der Mangel entstand und entsteht durch die Ausweitung der modernen Landwirtschaft in den Ebenen, so dass der Platz für Weiden zurückgeht. Dennoch wird diese Form weiterhin der klassischen Wanderweidewirtschaft zugerechnet.

Weitaus häufiger als die traditionellen Formen ist heute jedoch eine auf saisonale Wanderungen reduzierte Hütehaltung der ehemals hirtennomadischen Völker; vor allem in der West- und Süd-Sahara, in Ostafrika, Südarabien und Zentralasien. Die Hütehaltung wird hier zumeist halbnomadisch betrieben und gleicht dem schon beschriebenen Yaylak-Pastoralismus. Allerdings wird damit ein Modell angewendet, das nicht an Regionen mit Jahresniederschlägen von maximal 300 mm angepasst ist. Diese Entwicklung hat überall eine deutliche Bodendegradation und die Gefahr der Desertifikation (Wüstenbildung) zur Folge. Vor diesem Hintergrund sprechen einige Autoren lieber von mobiler Tierhaltung, statt von Transhumanz.

In den Alpen wird seit 2011 der Schaftrieb über den Ötztaler Alpenhauptkamm als Transhumanz gefördert. Diese Form wurde 2011 als immaterielles Kulturerbe der UNESCO anerkannt und 2019 auf Antrag von Österreich, Italien und Griechenland in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen. 2023 wurde dieser Titel auf insgesamt zehn Staaten ausgedehnt.

Falsche Zuordnungen

Obwohl die Almwirtschaft der Alpen viele Parallelen aufweist und in der englischen Literatur dort einsortiert wird, ist sie keine Transhumanz: Im Gegensatz zur Wanderweidewirtschaft nutzen die Bauern die Bergweiden zusätzlich und nicht notgedrungen. Eine Stallhaltung im Winter ist hingegen zwingend erforderlich, und es findet ein regelmäßiger Austausch zwischen Berg und Tal statt.

Die skandinavische Seterwirtschaft (norwegisch seter, sæter, schwedisch säter, fäbod) am Fuß der skandinavischen Gebirge und in den borealen Nadelwäldern nimmt eine Zwischenstellung ein: Es findet ein saisonaler Wechsel auf Sommerweiden bzw. Außenweiden statt, Winterweiden sind jedoch in der Regel nicht Teil des Systems; stattdessen überwiegt Winterstallhaltung (vergleichbar der Almwirtschaft).

Auch die isländische Hochweidewirtschaft ist trotz „echter“ saisonaler Beweidung keine Transhumanz, da die Tiere den Sommer ganz ohne Aufsicht verbringen. In Frankreich wird die Wanderung mit Bienenvölkern in besondere Trachtgebiete, z. B. Edelkastanie oder Raps transhumance genannt, weil eine neue Bienenweide angewandert wird.

Siehe auch

Film

Literatur

Commons: Transhumanz – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Transhumanz – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. ↑ Roger Blench: Pastoralism in the new millennium. Food and Agriculture Organization of the United Nations, Rom 2001, ISBN 92-5104673-5, Kap. Transhumance (fao.org).
  2. ↑ Burkhard Hofmeister: Wesen und Erscheinungsformen der Transhumance. In: Erdkunde. Band 15, Nr. 2, 1961, S. 121–135, hier 131 (erdkunde.uni-bonn.de).
    M. P. Streck: Transhumanz. In: Reallexikon der Assyriologie und Vorderasiatische Archäologie. De Gruyter, Berlin, Boston 2014, ISBN 978-3-11-034659-6, S. 113.
  3. ↑ Philip C. Salzman: Political Organization among Nomadic Peoples. In: Proceedings of the American Philosophical Society. Band 111, Nr. 2, 1967, S. 115–131, hier 115–118, JSTOR:986038.
    Roger Cribb: Nomads in Archaeology. Cambridge University Press, Cambridge 1991, ISBN 0-521-32881-0, S. 19 (archive.org).
    M. P. Streck: Transhumanz. In: Reallexikon der Assyriologie und Vorderasiatische Archäologie. De Gruyter, Berlin, Boston 2014, ISBN 978-3-11-034659-6, S. 113.
  4. ↑ Roger Blench: Pastoralism in the new millennium. Food and Agriculture Organization of the United Nations, Rom 2001, ISBN 92-5104673-5, Kap. Transhumance (fao.org).
    Paolo Palladino: Transhumance Revisited: On Mobility and Process Between Ethnography and History. In: Historical Sociology. Band 31, Nr. 2, 2018, S. 119–113, hier 121, doi:10.1111/johs.12161.
    Sebastian Wolfrum, Ian Simpson: Transhumance, shielings and soil fertility – land-use legacies in Menstrie Glen, Scotland. In: Landscape History. Band 44, Nr. 2, 2023, S. 37–59, hier 38, doi:10.1080/01433768.2023.2284547.
  5. ↑ M. P. Streck: Transhumanz. In: Reallexikon der Assyriologie und Vorderasiatische Archäologie. De Gruyter, Berlin, Boston 2014, ISBN 978-3-11-034659-6, S. 113.
    Vergleiche auch Burkhard Hofmeister: Wesen und Erscheinungsformen der Transhumance. In: Erdkunde. Band 15, Nr. 2, 1961, S. 121–135, hier 122 f. (erdkunde.uni-bonn.de).
  6. ↑ Pablo Vidal-González, Mohamed Mahdi: Transformations of transhumance in the Aït Arfa Guigou tribe (Morocco’s Middle Atlas): from French colonisation to present times. In: Ager. Revista de Estudios sobre Despoblación y Desarrollo Rural. Band 26, 2018, S. 129–150, hier 144, doi:10.4422/ager.2018.07.
  7. ↑ Ulf Brunnbauer: Gebirgsgesellschaften auf dem Balkan. Wirtschaft und Familienstrukturen im Rhodopengebirge (19./20. Jahrhundert). Böhlau, Wien 2004, S. 198.
  8. 1 2 3 Corina Knipper: Die räumliche Organisation der linearbandkeramischen Rinderhaltung: naturwissenschaftliche und archäologische Untersuchungen. Geowissenschaftliche Fakultät der Eberhard-Karls-Universität Tübingen, 2009. S. 103
  9. 1 2 Tobias Kühr: Traditionelle Ernährungsweisen in Entwicklungsländern. Typische Ernährungsmängel und Ansätze zur Verbesserung der Ernährungssituation am Beispiel Afrikas. Diplomarbeit. Universität Jena, Jena 2007, S. 13–14.
  10. Burkhard Hofmeister: Wesen und Erscheinungsformen der Transhumance. In: Erdkunde. Band 15, Nr. 2, 1961 (erdkunde.uni-bonn.de).
    1. ↑ S. 121–135, hier 131.
    2. ↑ S. 121–135, hier 134.
    3. 1 2 S. 121–135, hier 123–129.
    4. ↑ S. 121–135, hier 122 f.
  11. ↑ Jürgen Schultz: Die Ökozonen der Erde. Ulmer, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-8252-1514-9, S. 281.
  12. ↑ Stiftung Europäisches Naturerbe: Transhumanz - Naturreichtum durch Tradition. In: Euronatur. Nr. 2, 2007, S. 12–13.
  13. ↑ Mirjam Blank: Rückkehr zur subsistenzorientierten Viehhaltung als Existenzsicherungsstrategie. Hochweidewirtschaft in Südkirgistan. In: Occasional Papers Geographie. Zentrum für Entwicklungsländerforschung (ZELF) am Institut für Geographische Wissenschaften, Freie Universität Berlin, Heft 34, 2007, S. 12.
  14. ↑ Wolfgang Utschig: Über die geographische Betrachtung der Fernweidewirtschaft in mediterranen Regionen, besonders in Südosteuropa, vor allem anhand von Beispielen, mit spezifischen Exkursen. (PDF; 421 kB) Lancelot Serien, 2., auf Word 2003 umgearbeitete, inhaltlich wenig veränderte Auflage 2009 der ersten von 2005, Atlas 93 152 Nittendorf-Undorf bei Regensburg 2009, S. 45–46; abgerufen am 24. April 2014.
  15. ↑ Werner Doppler: Landwirtschaftliche Betriebssysteme in den Tropen und Subtropen. Ulmer Verlag, Stuttgart 1991. S. 25
  16. ↑ Tierhaltung und ökologische Landwirtschaft: eine komplizierte Beziehung. (Memento vom 5. März 2016 im Internet Archive) (PDF) S. 89, abgerufen am 26. April 2014.
  17. ↑ Ilse Köhler-Rollefson: Hirtenvölker: Bewahrer der Vielfalt. In: Ökologie & Landbau, 156 4/2010, S. 16–18.
  18. ↑ Transhumance, the seasonal droving of livestock. UNESCO Intangible Cultural Heritage, 2023, abgerufen am 9. Dezember 2023 (englisch).
  19. ↑ Wolfgang Taubmann: Islands Landwirtschaft. In: Erdkunde: archive for scientific geography. Band XXIII, 1969, S. 39.