Als Moral wird der Teil der Handlungskonventionen bzw. -regeln bezeichnet, deren Befolgung im zwischenmenschlichen Miteinander als „gut“/„richtig“ und deren Nichtbefolgung als „böse“/„falsch“ bewertet wird. Dies hängt von der jeweiligen Kultur ab. Eine auf moralischen Prinzipien fußende Ideologie wird als Moralismus bezeichnet. Das Gegenteil der Moral ist der Amoralismus, der verneint, dass es so etwas wie „gut“ und „böse“ überhaupt gibt.
Der deutsche Ausdruck „Moral“ geht über das französische morale auf das lateinische moralis (die Sitte betreffend; lateinisch: mos, mores: Sitte, Sitten) zurück, das im von Cicero neugeprägten Ausdruck philosophia moralis als Übersetzung von êthikê (Ethik) verwendet wird.
Moral beschrieb ursprünglich vor allem, wie Menschen faktisch handeln und welches Handeln in bestimmten Situationen erwartet bzw. für richtig gehalten wird. Dieser deskriptive Bedeutungsaspekt einer Moral wird auch als Sittlichkeit oder Ethos bezeichnet und umfasst „regulierende Urteile und geregelte Verhaltensweisen“, ohne dass die rationale oder moraltheoretische Rechtfertigung derselben beurteilt oder bewertet wird. Eine solche Beurteilung wird als „Reflexionstheorie der Moral“ oder „Ethik“ bezeichnet.
Moral ist Gegenstand diverser Wissenschaften:
Bereits Charles Darwin führte den moralischen Sinn auf soziale Instinkte wie Mitgefühl und elterliche Fürsorge zurück, die der Mensch mit anderen sozialen Tieren teile. Die heutige Evolutionsbiologie erklärt uneigennütziges Verhalten bei Menschen wie bei anderen Tieren unter anderem mit der Verwandtenselektion und mit Gegenseitigkeit (reziprokem Altruismus).
Die Verhaltensforschung hat bei vielen Tierarten Verhalten beschrieben, das menschlichem moralischem Handeln ähnelt. Ratten befreiten in Versuchen eingesperrte Artgenossen, auch wenn sie danach keinen Kontakt zu ihnen hatten. Die Mehrheit der Rhesusaffen nahm in einem Versuch lieber Hunger in Kauf, als sich Futter um den Preis eines Stromschlags für einen Artgenossen zu verschaffen. Tröstendes Verhalten gegenüber gestressten Artgenossen ist unter anderem bei Menschenaffen, Rabenvögeln, Hunden, Elefanten und Präriewühlmäusen beschrieben. Kapuzineraffen und Hunde reagieren ablehnend, wenn ein Artgenosse für dieselbe Leistung besser oder überhaupt belohnt wird (Ungleichheitsaversion).
Ob es sich dabei um Moral handelt, ist umstritten. Die Philosophin Christine Korsgaard hält Moral für eine Besonderheit des Menschen, weil sie voraussetze, die eigenen Beweggründe bewerten zu können. Der Primatologe Frans de Waal sieht in Empathie und Gegenseitigkeit dagegen Bausteine der Moral und widerspricht der Ansicht, der Mensch sei im Kern egoistisch und werde erst durch die Kultur moralisch. Der Verhaltensforscher Marc Bekoff und die Bioethikerin Jessica Pierce sprechen von einer eigenen Moral sozial lebender Tiere, die sich in Kooperation, Empathie und Fairness zeige, etwa beim Spiel von Hunden und Wölfen.
Für die Entstehung der spezifisch menschlichen Moral gibt es verschiedene Erklärungen. Nach dem Anthropologen Christopher Boehm bestraften frühe Gruppen von Jägern und Sammlern gemeinsam diejenigen, die andere beherrschen wollten; aus dieser sozialen Kontrolle seien Scham und Gewissen hervorgegangen. Der Entwicklungspsychologe Michael Tomasello sieht den Ursprung in der Notwendigkeit enger Zusammenarbeit: Zunächst sei eine Moral zwischen zwei Partnern entstanden, später eine Gruppenmoral mit Normen, die für alle Mitglieder gelten.
Die konkreten Moralvorstellungen eines Menschen sind jedoch kulturell geprägt: Sie äußern sich etwa in der „goldenen Regel“, in religiösen Handlungsvorschriften (etwa die Zehn Gebote im Judentum und Christentum, die Fünf Silas im Buddhismus oder die Traumzeit-Mythologie der australischen Aborigines) oder in den Rechtsnormen der modernen Staaten. Trotz der moralischen Veranlagung können Erziehung und ideologische Manipulation selbst destruktive Verhaltensweisen zum angeblich „Guten“ erheben, die Mitgefühl und Fürsorge komplett widersprechen.
Aus der evolutionären Herkunft moralischer Anlagen folgt nach verbreiteter Auffassung nicht, welche Normen gelten sollen (Humes Gesetz). Der Biologe Hans Mohr verstand die evolutionäre Ethik ausdrücklich als erklärende, nicht als normative Theorie; die Begründung von Normen bleibe Aufgabe der philosophischen Ethik.
Es ist eine der Grundfragen der Rechtsphilosophie, in welchem Verhältnis Recht und Moral zueinander stehen. In vielerlei Hinsicht stimmen Moral und Recht (z. B. das Tötungsverbot) überein. Die Frage, wie es z. B. um moralisch verwerfliche Gesetze steht, wurde seit der Antike (siehe Naturrecht) und in der jüngeren Geschichte besonders intensiv in der deutschen Nachkriegszeit diskutiert. Nennenswert sind hierbei insbesondere die Radbruchsche Formel zum Verhältnis von Recht und Ungerechtigkeit, die Gehorsamsverweigerung und die Frage, ob Deserteure amnestiert werden sollten (siehe Gesetz zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile in der Strafrechtspflege).
In deskriptiver Verwendung beschreibt „Moral“ eine Handlungsregelung, die für eine Gesellschaft, soziale Gruppe oder ein Individuum leitend ist oder „die in einer konkreten Gemeinschaft eingelebten oder von einer Person internalisierten Verhaltensregeln“. Dies wird je nach Theorieansatz unterschiedlich präzisiert, etwa als „Gesamtheit der sozial repräsentierten und im Persönlichkeitssystem der Individuen verankerten regelbezogenen Handlungsorientierungen und wechselseitigen Verhaltenserwartungen oder als eine näher bestimmte Teilklasse“ derselben. Luhmann definiert, „rein empirisch gemeint“: „Eine Kommunikation nimmt moralische Qualität an, wenn und soweit sie menschliche Achtung oder Missachtung zum Ausdruck bringt“. In diesem deskriptiven Sinne werden auch „moralisch“ oder „sittlich“ schlicht deskriptiv im Sinne von „zur Moral gehörig“, nicht normativ im Sinne von „moralisch gut“ gebraucht. „Moral“ bezeichnet dann etwa „ein Unternehmen der Gesellschaft“ zur „Lenkung des einzelnen und kleinerer Gruppen“. Derartigen deskriptiven Redeweisen entsprechen alltagssprachliche Formeln wie „herrschende Moral“, „bürgerliche Moral“ oder „sozialistische Moral“. Der Psychologe Jonathan Haidt hat folgende Definition vorgeschlagen: „Moralische Systeme sind ineinandergreifende Zusammenstellungen von Werten, Tugenden, Normen, Gebräuchen, Identitäten, Institutionen, Technologien und entwickelten psychischen Mechanismen, die zusammenwirken, um Selbstsucht zu unterdrücken oder zu regulieren und soziales Zusammenleben zu ermöglichen.“
Die Überwindung der Orientierung moralischer Urteile an den jeweils herrschenden Konventionen oder durch positives Recht gesetzten Normen einerseits, an rein subjektiven Gewissensentscheidungen andererseits strebt die postkonventionelle Moral an, die moralische Urteile insbesondere im Fall ethischer Dilemmata auf rationale Diskurse gründen will.
Die Ethik sieht es als eine zentrale Aufgabe, Moral begründen und damit auf eine wissenschaftliche Grundlage stellen zu können. Damit könnten in der Vorstellung der Philosophen fehlerhafte oder schlechte Moralvorstellungen zugunsten wünschenswerter Moralbegriffe abgewehrt werden. Lange galt der Kategorische Imperativ von Immanuel Kant als Standardbegründung von Moral und gleichzeitig als Grundlage der deontologischen Ethik.
Arthur Schopenhauer kritisierte diese Begründung in seiner Preisschrift über die Grundlage der Moral. Er reichte sie auf eine Preisfrage der Königlich Dänischen Societät der Wissenschaften in Kopenhagen ein, die ihm im Januar 1840 den Preis verweigerte, obwohl er der einzige Bewerber war: Er habe die eigentliche Frage nach dem Verhältnis von Metaphysik und Ethik verfehlt, seine Begründung nicht überzeugend dargelegt und bedeutende zeitgenössische Philosophen ungebührlich angegriffen. Die Königlich Norwegische Societät hatte dagegen ein Jahr zuvor seine Schrift über die Freiheit des Willens ausgezeichnet. Als einzige echte moralische Triebfeder ließ Schopenhauer das Mitleid gelten, die unmittelbare Teilnahme am Leiden eines anderen. Ausdrücklich bezog er es auch auf Tiere: Wer gegen Tiere grausam sei, könne kein guter Mensch sein. Kants Annahme eines Sittengesetzes, dem das Handeln unterworfen sein soll, hielt er für unbegründet: „Wer sagt euch, daß es Gesetze giebt, denen unser Handeln sich unterwerfen soll?“
In seinem 1969 veröffentlichten Werk Moral und Hypermoral hat der Philosoph Arnold Gehlen eine pluralistische Ethik entworfen und zeitkritisch Tendenzen der Gesellschaft beschrieben, die er als hypermoralisch bezeichnet. Er kritisierte, dass Hypermoral sich ungebührlich an Privatem und Innerlichem (im Extremfall: an Gedankenverbrechen) festbeiße, während Missstände gleichzeitig vernachlässigt werden, die auch außerhalb des Persönlichen und Gedanklichen existieren, wo ihnen gesellschaftliche Institutionen wie Politik oder Rechtssystem entgegenwirken könnten. Odo Marquard hat Gehlens Gedanken 1986 in seinem Aufsatz Entlastungen weitergeführt und schrieb von „Übertribunalisierung“.
Im politischen Diskurs der Gegenwart wird über „Hypermoral“ erneut nachgedacht, etwa im Hinblick auf Debatten um „Mikroaggression“, die 2016 an Hochschulen in den Vereinigten Staaten geführt wurden, aber auch in Deutschland, etwa im Streit um die politisch korrekte Mediendarstellung von Straftaten Angehöriger ethnischer oder religiöser Minderheiten. Im gesellschaftspolitischen Diskurs wird gesteigertes moralisierendes Agieren als „Moralismus“ bezeichnet und negativ konnotiert. Der Philosoph Alexander Grau erkennt 2018 überdies einen „Moralismus mit totalitären Zügen“ und nennt einen solchen: „Hypermoralismus“: „Der Hypermoralismus ist ja nicht politisch neutral, sondern wir kennen ihn vor allem eigentlich aus dem linken oder linksliberalen Lager. Er ist der Versuch, die Gesellschaft anhand linker Ordnungsvorstellungen und eines weitestgehend links konnotierten Menschenbildes auszurichten und hat seine Wurzeln in der 68er-Bewegung und in der kulturellen Hegemonie, die in einigen Teilen der Gesellschaft zumindest dieser Linksliberalismus inzwischen erlangt hat.“
Der Begriff der Hypermoral wird als zugehörig zum Vokabular der Neuen Rechten gezählt. Die FAZ beschreibt, dass der Begriff der Aushebelung des Universalitätsanspruchs „nicht nur“ der Menschenrechte dient. Der Begriff wird häufig dazu verwendet, progressive und linke, aber auch viele ethische Positionen zu diskreditieren. Darunter fallen Aspekte wie Klimaschutz, Tierwohl, Flüchtlingshilfe, Antirassismus, Antifaschismus, LGBTQIA-Rechte und Feminismus.
Viele Menschen glauben, die Moral ihrer Mitmenschen nehme ab. Die Psychologen Adam Mastroianni und Daniel Gilbert stießen in Umfragen aus 60 Ländern, die bis 1949 zurückreichen, durchweg auf diese Überzeugung. Fragen nach dem gegenwärtigen Verhalten der Mitmenschen, etwa ob man respektvoll behandelt worden sei, ergaben zwischen 1965 und 2020 dagegen kaum Veränderungen. Die Autoren halten den Niedergang deshalb für eine Täuschung, räumen aber ein, dass sie Einschätzungen und nicht das Verhalten selbst gemessen haben. Eine Metaanalyse von 511 Studien fand für die Vereinigten Staaten zwischen 1956 und 2017 sogar eine leicht zunehmende Kooperation unter Fremden.
Peter Singer beschreibt die Geschichte der Moral als Erweiterung des Kreises derer, die moralisch berücksichtigt werden: von der eigenen Gruppe auf alle Menschen und schließlich auf alle empfindungsfähigen Wesen. Nach Allen Buchanan und Russell Powell ist diese Erweiterung jedoch nicht gesichert: Fühlen sich Menschen bedroht, kann sich ihre Moral wieder auf die eigene Gruppe verengen. Wer den Kreis weit zieht, ist nach psychologischen Studien eher bereit, eigene Interessen für Tiere oder die Umwelt zurückzustellen.
Sklaverei gab es in den meisten Gesellschaften der Menschheitsgeschichte; schon Platon und Aristoteles nahmen sie als gegeben hin. Im Lauf des 19. Jahrhunderts wurde sie in ganz Amerika abgeschafft, zuletzt 1888 in Brasilien. Heute verbietet die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte Sklaverei „in allen ihren Formen“. Ähnlich grundlegend änderte sich die Haltung gegenüber Frauen. In Deutschland und Österreich dürfen sie erst seit 1918 wählen. In der Schweiz lehnten die damals nur männlichen Stimmberechtigten das Frauenstimmrecht 1959 noch mit zwei Dritteln ab; zwölf Jahre später nahmen sie es mit fast zwei Dritteln an.
Gegenüber Tieren wuchs in England zwischen 1500 und 1800 die Empfindsamkeit für ihr Leiden. Jeremy Bentham, Arthur Schopenhauer und später Peter Singer forderten, dieses Leiden moralisch zu berücksichtigen. Deutschland (2002) und Österreich (2013) haben den Tierschutz in den Verfassungsrang erhoben, das Schweizer Tierschutzgesetz schützt seit 2008 die Würde des Tieres.
Auch die Ansprüche an den Umgang mit Nutztieren sind gestiegen. In der EU hielten 2006 77 Prozent der Befragten einen besseren Schutz von Nutztieren in ihrem Land für nötig. Seither traten strengere EU-Vorschriften in Kraft, etwa 2012 das Verbot herkömmlicher Legehennenkäfige. Dennoch wünschten sich 2016 82 und 2023 84 Prozent einen besseren Schutz als den jeweils bestehenden.
Deutlich sind die Unterschiede zwischen den Generationen: Von den 14- bis 29-Jährigen ernähren sich in Deutschland 20 Prozent vegetarisch oder vegan, von den Befragten ab 45 Jahren 6 Prozent; insgesamt sind es 9 Prozent, von denen 86 Prozent den Schutz der Tiere als Grund nennen. Nach einer Studie von 2021 entsteht der Vorrang des Menschen vor Tieren erst spät in der Entwicklung und wird vermutlich sozial erlernt: Vor die Wahl gestellt, einen Menschen oder einen Hund zu retten, wählten 85 Prozent der Erwachsenen, aber nur 35 Prozent der fünf- bis neunjährigen Kinder den Menschen.
Brock Bastian und Steve Loughnan sprechen vom „Fleischparadox“: Die meisten Menschen essen Fleisch, obwohl ihnen der Gedanke an den Tod der Tiere unangenehm ist. Immer mehr Menschen wollen die Interessen von Tieren geschützt wissen und gleichzeitig leben immer mehr Tiere in Massentierhaltung. Weltweit wurden 1961 pro Kopf etwa zwei Hühner im Jahr geschlachtet, 2022 neun. Auch bei Wassertieren nimmt die Haltung zu: 2022 stammten erstmals mehr als die Hälfte von ihnen aus Aquakultur, nämlich 94,4 Millionen Tonnen.
Offen ist, ob der Kreis künftig auch digitale Wesen einschließen wird, falls diese ein künstliches Bewusstsein entwickeln. In einer repräsentativen Befragung in den Vereinigten Staaten hielten 2023 20 Prozent der Erwachsenen einige KI-Systeme bereits für empfindungsfähig; 38 Prozent befürworteten Rechte für empfindungsfähige KI, 69 Prozent ein Verbot, solche KI zu entwickeln. Die moralische Sorge um das Wohl von KI war gegenüber 2021 gestiegen.