Verdursten

Klassifikation nach ICD-10
T73.1 Verdursten durch Wassermangel
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ICD-10 online (WHO-Version 2019)

Das Verdursten bezeichnet den Tod durch mangelnde Aufnahme von Trinkwasser. Der Tod tritt in der Regel durch Herzstillstand infolge von Nierenversagen ein. Die Gefahr des Verdurstens ist ein wesentliches Problem in Trockenzonen (siehe Wasserkrise), wenn kein Trinkwasser verfügbar ist; so auch nach (Natur-)Katastrophen wie Überschwemmung, Erdbeben, Verschüttung (z. B. nach Explosion in einem Bergwerk).

Hintergrund, Ursachen und Symptomatik

Hilfe gegen den Durst (William Adolphe Bouguereau)

Der Körper benötigt Wasser sowohl im Blutplasma als auch in den Zellen zur Aufrechterhaltung des Stoffwechsels und zur Thermoregulation.

Der tägliche Wasserbedarf eines Menschen liegt – unter anderem je nach Lebensalter, Körpergewicht, Gesundheitszustand, Umgebungstemperatur und körperlicher Aktivität – zwischen 680 und 2250 Milliliter.

Durch Urin- und Stuhlausscheidung, Atmung und Transpiration findet ein regelmäßiger physiologischer Flüssigkeitsverlust statt. Daneben können dem Körper durch Blutungen, Erbrechen, Fieber, starkes Schwitzen oder Stillen größere Mengen Flüssigkeit verlorengehen. Wenn in diesen Fällen die verlorengegangene Flüssigkeitsmenge nicht ersetzt, das heißt zu wenig oder gar nicht getrunken bzw. wasserhaltige Nahrung aufgenommen wird, nimmt die Gewebsflüssigkeit im Körper stetig ab. Durch diese hypertone Dehydratation kommt es zur Exsikkose (Austrocknung).

Ab einem Wasserverlust des menschlichen Körpers von 0,5 bis 3 Prozent verspürt der Betroffene in der Regel Durst. Ab 10 Prozent kommt es zu Sprachstörungen und unsicherem Gang. Im weiteren Verlauf kommt es zu Lethargie, der Blutdruck sinkt, die Nieren vermindern die Urinausscheidung. Dadurch sammeln sich harnpflichtige Substanzen im Blut an, die eine schädliche Wirkung auf die Organe und Organsysteme ausüben und so zu einer inneren Vergiftung führen. Innerhalb von zwei bis sechs Tagen tritt in der Regel der Tod ein, da die Nieren ihre Arbeit vollständig einstellen (Nierenversagen) und der daraus resultierende Kaliumüberschuss im Blut zum Herzstillstand führt. Im Extremfall ist ein Überleben bis zu zwölf Tagen möglich. Die Zeitspanne ist unter anderem abhängig von der Außen- und Körpertemperatur und dem körperlichen Zustand des Menschen; beispielsweise können Wassereinlagerungen im Gewebe (Ödeme) die Überlebenszeit verlängern.

Pathophysiologie

Beim Verdursten kommt es zum Multiorganversagen. Diese multiple Organdysfunktion betrifft alle lebenswichtigen Organe, aber zuletzt die Nieren. Bis zuletzt versuchen die Nieren den Tod zu verhindern.

Der Flüssigkeitsmangel reduziert das Blutvolumen und damit das Herzzeitvolumen, die Nierendurchblutung und die glomeruläre Filtration. Zur Kompensation vergrößern die Nieren die tubuläre Rückresorption des Primärharns mit dem Ergebnis einer Oligurie oder Anurie. Die fehlende Urinproduktion (Harnbereitung, Uropoese) ist also das Zeichen einer guten Nierenfunktion und nicht einer Nierenkrankheit. So wird eine nutzlose Ausscheidung des kostbaren Wassers verhindert. Bei der Oligoanurie kommt es zur Niereninsuffizienz ohne Nierenkrankheit (Kardiorenalsyndrom nach Wilhelm Nonnenbruch) mit Anstieg der harnpflichtigen Stoffe im Blut bis hin zum oft tödlichen urämischen Koma.

Man spricht auch vom hyperosmolaren Koma „mit Hirndruckerscheinungen und vielfach tödlichem Ausgang. [Es kommt zu] Stoffwechselstörungen und zu funktionellen Störungen sowie zur Hypovolämie und zur Viskositätserrhöhung des Blutes mit Herzinsuffizienz.“ Das ist der hypovolämische Schock.

Nebenbedeutung

„Sehr großen, unerträglichen Durst haben.“ „Sehr starken Durst haben. »Wenn ich nicht sofort eine Cola bekomme, verdurste ich!«“ „Ich verdurste (bin verdurstet), komme vor Durst um.“

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. ↑ Günter Thiele, Heinz Walter (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete. Loseblattsammlung 1966–1977, 6. Ordner (S–Zz). Urban & Schwarzenberg, München / Berlin / Wien 1974, ISBN 3-541-84006-4, S. V 37.
  2. ↑ Willibald Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch, 270. Auflage, Verlag Walter de Gruyter, Berlin 2026, ISBN 978-3-11-131898-1, S. 1891 f.
  3. ↑ Dagmar Wiederhold: PflegeFakten. Entscheidungshilfen, Übersichten, Normwerte. Urban & Fischer Verlag/Elsevier, München 2009, S. 214. ISBN 978-3-437-31905-1. Referenzwerte der D-A-CH-Gesellschaften für Ernährung bzw. Ernährungsforschung (2000).
  4. ↑ Roche Lexikon Medizin. 5. Auflage, Urban & Fischer, München / Jena 2003, ISBN 978-3-437-15156-9, S. 1930.
  5. 1 2 Ursula Schersch: Wie lange überlebt ein Mensch ohne Wasser? Auf derstandard.at vom 7. September 2011.
  6. ↑ Johanna Bayer: Richtig trinken! Was macht Wasser im Körper? Stand: 13.06.2014; auf www.daserste.de.
  7. ↑ Edward Frederick Adolph, Allan H. Brown, David Rockwell Goddard, Robert E. Gosselin, J. J. Kelly, George W. Molnar, Herman Rahn, Aser Rothstein, Eugene J. Towbin, J. H. Wills, A. V. Wolf: Physiology of Man in the Desert. Monographs in the Physiological Sciences. Interscience Publishers, New York 1947.
  8. ↑ Maxim Zetkin, Herbert Schaldach: Wörterbuch der Medizin, 15. Auflage, Ullstein Mosby, Berlin 1992, ISBN 3-86126-015-8, S. 2126.
  9. ↑ Gerhard Wahrig: Deutsches Wörterbuch. Jubiläumsausgabe, Bertelsmann Lexikon-Verlag, Gütersloh / München 1991, ISBN 3-570-03648-0, S. 1356.
  10. ↑ Karl-Dieter Bünting, Ramona Karatas (Hrsg.): Deutsches Wörterbuch. Mit der neuen Rechtschreibung. Isis Verlag, Chur (Schweiz) 1996, ISBN 3-8299-0197-6, S. 1252.
  11. ↑ Der Sprach-Brockhaus. Copyright 1935 by F. A. Brockhaus, Leipzig, Eberhard Brockhaus Verlag, Wiesbaden 1949, S. 695.