Das einprägsamste Ereignis des Jahres 1755 ist das Erdbeben von Lissabon und der darauf folgende Tsunami am 1. November, die die Stadt beinahe zur Gänze zerstören. Das Beben wird in ganz Europa bis nach Finnland registriert und verursacht zum Teil schwere Schäden in England, der Schweiz, im Heiligen Römischen Reich und bis nach Schweden. Mit 30.000 bis 100.000 Toten alleine in Lissabon handelt sich um eine der verheerendsten Naturkatastrophen der europäischen Geschichte. Auf viele Denker der Aufklärung macht das Erdbeben einen großen Eindruck.
9. Juli: Eine vor allem aus mit den Franzosen verbündeten Indianern bestehende Truppe fügt einem auf das französische Fort Duquesne, das heutige Pittsburgh, vorrückenden britischen Heer in der Schlacht am Monongahela eine vernichtende Niederlage zu und beenden damit vorläufig die britischen Versuche, sich im Tal des Ohio River festzusetzen. Sowohl der britische Kommandant Edward Braddock als auch der französische Kommandeur Daniel Liénard de Beaujeu kommen bei der Schlacht ums Leben, die als klassisches Beispiel für Führungsversagen gilt. Wesentlicher Grund für die schwere Niederlage der Briten ist die dilettantische Vorbereitung und Durchführung der Expedition, der Einsatz unerfahrener Soldaten sowie das sture Festhalten an der vom Reglement vorgeschriebenen, aber für den Kolonialkrieg völlig ungeeigneten linearen Gefechtsordnung.
8. September: In der Schlacht am Lake George besiegen ein britisches Milizheer unter William Johnson verbündete französische und indianische Einheiten und setzt sich damit im Bereich der Großen Seen fest.
Iyasu II., negus von Äthiopien aus der Solomonischen Dynastie, stirbt am 26. Juni unter ungeklärten Umständen, möglicherweise an einer Vergiftung. Nachfolger wird sein Sohn Joas I. Da er zu diesem Zeitpunkt erst wenige Monate alt ist, führt seine Großmutter Mentewab die Regentschaft über das Kaiserreich, das Iyasu finanziell ruiniert zurückgelassen hat, und das überdies unter regionalen Konflikten leidet.
Titelblatt der Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels
Immanuel Kant verfasst die Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels, die er anonym veröffentlicht. Nach Kants Vorstellung ist unser Sonnensystem eine Miniaturausgabe der beobachtbaren Fixsternsysteme, wie zum Beispiel unser Milchstraßensystem und andere Galaxien. So entstehen und vergehen Sonnensysteme und Galaxien periodisch aus einem Urnebel, dabei verdichten sich die einzelnen Planeten unabhängig. Im dritten Teil der Schrift, Von den Bewohnern der Gestirne, entwickelt Kant eine Theorie des außerirdischen Lebens. Danach ist die Existenz von Lebewesen auf anderen Planeten unseres Sonnensystems sehr wahrscheinlich. Zudem formuliert Kant ein Sonnenabstandsgesetz, nach dem die geistigen Fähigkeiten von Lebewesen zunehmen, je weiter sie von der Sonne entfernt leben. Demnach seien Lebewesen auf dem Jupiter den Menschen geistig weit überlegen, während Merkurbewohner den Erdbewohnern intellektuell deutlich unterlegen seien. Aus einer geistigen Überlegenheit folge zudem eine moralische Überlegenheit, weswegen der Mensch aus geistiger und moralischer Perspektive nicht mehr als „Krone der Schöpfung“ zu betrachten sei.
Das Erstlingswerk von Johann Joachim Winckelmann, die Gedanken über die Nachahmung der Griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst erscheint in Dresden in einer Auflage von knapp 50 Exemplaren.
Philosophie
Rousseau: Discours; Titelblatt der Ausgabe Amsterdam 1755
20. Januar: Am Königlichen Hoftheater in Dresden erfolgt die Uraufführung der Oper Ezio von Johann Adolph Hasse. Es ist bereits Hasses zweite Oper dieses Namens auf das Libretto von Pietro Metastasio und ist eine der spektakulärsten und aufwändigsten Inszenierungen am Dresdner Hof und jener Zeit insgesamt. Im gleichen Jahr vertont auch Carl Heinrich Graun Metastasios Libretto. Sein Werk wird am 16. März in Berlin uraufgeführt.
Die Bühne der Ópera do Tejo in Lissabon am Tag ihrer Eröffnung
Hinrichtung von Plünderern im ruinierten Lissabon, zeitgenössischer deutscher Kupferstich
Am 1. November wird Lissabon von einem Erdbeben und einem darauf folgenden Tsunami größtenteils zerstört. 30.000 bis 100.000 Menschen kommen dabei allein in Lissabon um, die ganze südliche Iberische Halbinsel und Nord-West-Afrika sind davon betroffen, ebenso die Azoren, Madeira, die Kapverdischen Inseln und die Karibik. Das Beben wird in ganz Europa bis nach Finnland registriert und verursacht zum Teil schwere Schäden in England, der Schweiz, dem Heiligen Römischen Reich bis hinauf nach Schweden. Es handelt sich damit um eine der verheerendsten Naturkatastrophen der europäischen Geschichte. Der portugiesische König Joseph I. entwickelt als Folge des Bebens eine unkontrollierbare Angst davor, innerhalb von vier festen Wänden zu leben, und lässt für seinen Hofstaat eine Zeltstadt in den Hügeln von Ajuda vor den Toren Lissabons errichten, in der er bis zu seinem Tod residiert.
Auf viele Denker der Aufklärung macht das Erdbeben einen großen Eindruck. Es wirft für Philosophen und Theologen das alte Theodizee-Problem neu auf: Wie kann ein allmächtiger und gütiger Gott ein so gewaltiges Unglück wie das Erdbeben von Lissabon zulassen – überdies am Festtag Allerheiligen? Gelehrte wie Voltaire, Kant und Lessing diskutieren diese Fragen.
Der Wiederaufbau Lissabons wird von Sebastião José de Carvalho e Melo, dem späteren Marquês de Pombal, organisiert. Mit seiner kompetenten Aufarbeitung der Katastrophe etabliert er sich als führender Staatsmann und setzt sich in den folgenden Jahren im seit langem schwelenden Machtkampf gegen den alteingesessenen Adel und die katholische Kirche durch.