
Adelaide Maraini-Pandiani (* 30. Juni 1836 in Mailand als Adelaide Pandiani; † 24. März 1917 in Rom; heimatberechtigt ab 1862 in Lugano) war eine italienisch-schweizerische Bildhauerin.
Sie wurde 1836 als Tochter des bekannten Bildhauers Giovanni Pandiani und der Marianna de Gasperis in Mailand geboren. Ihre erste Ausbildung erhielt sie beim Vater; später besuchte sie Kurse an der Accademia di Brera. Im Jahr 1862 heiratete sie den Luganer Geschäftsmann und Politiker Clemente Maraini (1838–1905) und nahm die Schweizer Staatsbürgerschaft an, lebte aber nie dauerhaft in der Schweiz. Nach der Heirat zog sie mit ihrem Mann nach Rom, wo sie einen der lebendigsten Solons der Hauptstadt führte, in dem auch der befreundete Schriftsteller Carlo Dossi verkehrte. Auf der Weltausstellung 1867 in Paris präsentierte sie das Werk Die Engel des Gebets und die Engel der Auferstehung. 1864 gebar sie den Sohn Clemente, 1868 die Tochter Adelaide. Zwischen 1875 und 1880 liess ihr Gatte in Lugano die klassizistische Villa Maraini erbauen, in der sie oft die Sommermonate verbrachte. Sie nahm regen Anteil am kulturellen Leben Luganos und des Tessins.

1877 präsentierte Maraini auf der Nationalen Kunstausstellung in Neapel eine Marmorstatue der Sappho. Der Schriftsteller Mario Pratesi war zutiefst beeindruckt und verglich sie mit der Laokoon-Gruppe und dem Sterbenden Gallier:
«In ihrem Gesicht ist das Unglück so sichtbar, der Wahnsinn einer düsteren fixen Idee, die sie sich selbst entreisst und sie verzehrt. Es ist das Gesicht eines Menschen, der nur noch wenige Stunden zu leben hat und viel geweint hat; es ist eine Agonie. So offenkundig habe ich die Agonie nur in zwei antiken Meisterwerken hohen Genies gesehen: im Laokoon und im Gladiator.»
Die Statue wurde auch auf der Weltausstellung 1878 in Paris präsentiert und dort von Baron Alphonse de Rothschild erworben. Der Verbleib dieses Originals ist heute unklar. Die einzige von Maraini selbst hergestellte Replik gelangte in den Besitz des Schweizer Generalkonsuls in Turin Ulrich Geiser, der sie bei seinem Tod 1894 dem Kunstverein St. Gallen vermachte. Sie stand lange im Vestibül des Kunstmuseums St. Gallen. 1974 schlugen Vandalen ihre Nase ab und sie galt in der Folge als nicht restaurierbar. Der Kunstverein verbrachte sie in den Park der Villa am Berg und löschte sie aus dem Museumskatalog. 2010 wurde sie gereinigt.

Maraini fertigte auch ein Fragment der toten Sappho, wie sie nach dem Suizid mit aufgelöstem Haar im Meer treibt. Es handelt sich dabei um ihr eigentliches Hauptwerk. Eine erste Version in Marmor zeigte sie 1881 in Mailand, eine 1882 vollendete Bronzeversion 1883 in Rom. Das Werk weist Einflüsse der Romantik und der späten Scapigliatura auf. Die Rückbesinnung auf die Antike mit gelehrtem und archäologischem Interesse ist zudem typisch für die damalige römisch-neapolitanische Schule. 1890 wurde Maraini für das Fragment auf der Beatrice-Kunstausstellung in Florenz mit einer Goldmedaille geehrt. Es war auch auf der Schweizerischen Kunstausstellung 1891 in Lugano zu sehen.
1881 präsentierte Maraini auf der Italienischen Ausstellung (Esposizione Italiana) in Mailand ein allegorisches Grabmal. Es stellt eine Frau in weitem Gewande dar, die einen Säulenstumpf, ein Symbol der den Tod überdauernden Erinnerung, umschlingt und hoffnungsvoll zum Himmel aufblickt.

Um 1882 schuf Maraini die Statue Die Braut des Hohelieds (La sposa dei cantici). Ippolito Pederzolli lobpries das Werk 1883 im Gedicht Drei Statuen (Tre statue) neben Vincenzo Velas Skulpturen Spartakus (Spartaco) und La Desolazione. Die letzten vier Verse lauten:
„Del sangue i flutti, donna gentil,
Chi nelle arterie non sente scorrere
D’inanzi al fremito della tua nivea
Sposa dei Cantici, fiore d’April?“
„Die Wogen des Blutes, edle Frau,
Wer fühlt sie nicht in den Adern strömen
Angesichts des Bebens deiner schneeweissen
Braut des Hohelieds, Blume des Aprils?“
1883 stellte Maraini in Rom die Skulptur Te precor (lateinisch für «Ich bete dich an») aus, den Akt einer jungen Frau (vermutlich die Göttin der Baumfrüchte Pomona), die zärtlich eine mit Efeu und Akanthus umwachsene Herme mit Frauenkopf umarmt. Das Werk fiel durch seine elegante Modellierung akademischer Prägung auf.
1894 zeigte Maraini auf einer Ausstellung in Mailand die Bronzebüste Die Schmerzensmutter (Mater dolorosa), die 1896 auch auf der Schweizerischen Landesausstellung in Genf zu sehen war. Die Eidgenossenschaft kaufte sie 1896 an und hinterlegte sie im Januar 1897 im Musée cantonal in Freiburg. Derzeit befindet sich das Werk als Leihgabe im Museo Vincenzo Vela in Ligornetto.
Auf dem Ersten nationalen Kongress italienischer Frauen hielt sie am 28. April 1908 eine Rede zum Thema Die Frau in der Bildhauerei (La donna nella scultura).
Auf der ersten Kunstausstellung der Italienischen Schweiz, die 1913 in der Villa Ciani in Lugano abgehalten wurde, präsentierte Maraini eine Büste Carlo Cattaneos.
Sie behielt auch nach dem Tod ihres Gatten 1905 ihren Hauptwohnsitz in Rom bei, wo sie 1917 im Alter von 80 Jahren starb.
Bei ihrem Tod vermachte sie der Stadt Lugano ihre Marmorstatue Die Braut des Hohelieds, die 1928 am oberen Ende der Haupttreppe im Rathaus platziert wurde. Ferner hinterliess sie der Stadt Mark Antokolskis Skulptur Der sterbende Sokrates (1876). Bis 1998 stand das Original im Parco Ciani. Aufgrund wiederholten Vandalismus wurde es schliesslich entfernt und 2007 durch eine Replik aus Glasfaserkunststoff ersetzt.
Die Villa Maraini und der dazugehörige Park (Parco Maraini) in Lugano wurden im Mai 1929 von Marainis Sohn Clemente verkauft. Er hatte die Immobilie zunächst erfolglos der Stadt angeboten. Die Villa, der obere Teil des Gartens und der Reitstall wurden vom Bundesrichter Agostino Soldati erworben, das «Chalet» und der Rest des Gartens von der Banca Popolare di Lugano. Das «ägyptische Museum», das in einem Saal der Villa untergebracht war, ging an einen Amerikaner. Anlässlich der Veräusserung schenkte Clemente Maraini der Stadt Lugano die beiden Marmorbüsten von Romeo und Julia, die Adelaide Maraini in den Jahren 1879 und 1880 gefertigt hatte. Bis auf den kleinen Aussichtsturm «Belvedere» wurden später alle Gebäude abgerissen. In einem Teich vor dem Turm steht Marainis Skulptur Te precor.
Auch wenn sie den Grossteil ihres Lebens in Italien verbrachte, wurde Maraini im Schweizer Geistesleben als Tessiner Künstlerin betrachtet und akzeptiert. Zu ihren Lebzeiten, insbesondere in den 1880er Jahren, war sie hochangesehen und wurde den zeitgenössischen Tessiner Bildhauern Raimondo Pereda, Pietro Bernasconi und Alessandro Rossi gleichgestellt, stand in der Bewertung aber unter Vincenzo Vela.
Neben Adèle d’Affry («Marcello») gilt Maraini als bedeutendste Schweizer Bildhauerin des 19. Jahrhunderts.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Maraini-Pandiani, Adelaide |
| ALTERNATIVNAMEN | Pandiani, Adelaide (Geburtsname) |
| KURZBESCHREIBUNG | italienisch-schweizerische Bildhauerin |
| GEBURTSDATUM | 30. Juni 1836 |
| GEBURTSORT | Mailand |
| STERBEDATUM | 24. März 1917 |
| STERBEORT | Rom |