

Johannes Brahms (* 7. Mai 1833 in Hamburg; † 3. April 1897 in Wien) war ein deutscher Komponist, Pianist und Dirigent. Seine Kompositionen werden vorwiegend der Hochromantik zugeordnet; durch die Einbeziehung barocker und klassischer Formen gehen sie aber über diese hinaus. Brahms gilt als einer der bedeutendsten Komponisten des 19. Jahrhunderts und hinterließ – abgesehen von der Oper – in allen musikalischen Gattungen exemplarische Werke.
Brahms kam aus einfachen Verhältnissen. Von Otto Friedrich Willibald Cossel und Eduard Marxsen erhielt er Klavierunterricht, trat bereits in jungen Jahren als Pianist an der Seite seines Vaters auf und gab öffentliche Konzerte. 1853 unternahm er mit dem ungarischen Violinisten Eduard Reményi eine Konzertreise, die ihn bis nach Weimar zu Franz Liszt führte. Über Reményi lernte Brahms den Komponisten und Geiger Joseph Joachim kennen, der wiederum die Bekanntschaft mit Clara und Robert Schumann vermittelte. In der Neuen Zeitschrift für Musik setzte sich Schumann enthusiastisch für Brahms ein, dessen Werke noch überwiegend unbekannt waren. Weitere Auftritte und Reisen festigten seinen Ruf. Der selbstkritische Brahms empfand das prominente Lob, mit dem sich die Türen der Musikwelt für ihn öffneten, allerdings auch als belastend.
Spätestens nach der Bremer Uraufführung des Deutschen Requiems im Jahre 1868 genoss Brahms hohes Ansehen in der Musikwelt. Auf der anderen Seite geriet er in einen musikpolitischen Streit zwischen Konservativen und Vertretern der Neudeutschen Schule, die sich an den Musikdramen Richard Wagners und den sinfonischen Dichtungen Franz Liszts orientierten.

Johannes Brahms war das zweite Kind von Johann Jakob (1806–1872) und Johanna Henrika Christiane Brahms, geb. Nissen (1789–1865). Sein Vater war in Heide geboren worden und hatte sich nicht für das Handwerk entschieden, wie es in der Familie üblich war, sondern für die Laufbahn des Musikers. Ob die dadurch ausgelösten Widerstände zu der Übersiedlung nach Hamburg führten, lässt sich nur vermuten. Seine Ausbildung erfolgte bei Stadtpfeifern in Heide, Meldorf und Wesselburen und wurde 1826 mit einem Lehrbrief abgeschlossen.
Er spielte Kontrabass und Horn, verstand das Musizieren in erster Linie als Handwerk zum Broterwerb, indem er mit kleinen Ensembles in Tanzlokalen in Hamburg auftrat. 1830 erwarb er das Hamburger Bürgerrecht und heiratete die 17 Jahre ältere Näherin Johanna Henrika Christiane Nissen, die aus bescheidenen Verhältnissen stammte. Schrittweise arbeitete er sich nach oben, bis er mit seiner Familie das Gängeviertel verlassen konnte, in dem die ärmeren Bevölkerungsschichten wohnten. Ihm gelang der Aufstieg vom Militär- und Tanzmusiker zu einem geachteten Mitglied der Philharmonischen Gesellschaft.
In einer kleinen Wohnung im Specksgang 24 wurde Johannes Brahms am 7. Mai 1833 geboren und am 26. Mai desselben Jahres in der Hauptkirche Sankt Michaelis getauft. Das Geburtshaus im Gängeviertel wurde im Zweiten Weltkrieg bei der Operation Gomorrha zerstört. Seine Geschwister waren Elisabeth Wilhelmine Louise, genannt Elise (1831–1892), und Friedrich, genannt Fritz (1835–1886), der als Musiklehrer tätig war und wie Johannes unverheiratet blieb.
Da die väterliche Familie in Dithmarschen lebte, verbrachte der junge Johannes Brahms in seinen Jugendjahren dort auch viel Zeit auf dem Land. Das Wohnhaus seines Großvaters in Heide ist jetzt ein Museum der Brahms-Gesellschaft Schleswig-Holstein.
Die Eltern konnten das Geld für die Schule aufbringen und ab 1840 den Privatunterricht bei dem renommierten Klavierpädagogen Otto Friedrich Willibald Cossel bezahlen. Bereits als Achtjähriger begeisterte sich Brahms für Johann Sebastian Bach und lernte bei Cossel die cis-Moll-Fuge aus dem Wohltemperierten Klavier. Als Klavierschüler kam er gut voran und konnte bald zum Unterhalt der Familie beitragen. Es ist unklar, ob Brahms bereits als kleiner Junge in Hamburger Kneipen Klavier spielte. Allerdings kann laut Martin Geck kaum ein Zweifel daran bestehen, dass er als Dreizehnjähriger in einem Bergedorfer Ausflugslokal auftrat und jeweils zwei Taler pro Nachmittag erhielt. Cossel stellte den begabten Schüler erstmals bei einem halböffentlichen Konzert im „Alten Raben“ vor, einem Wirtshaus, das in der Nähe des Dammtors lag. Brahms spielte mit seinem Vater Kammermusik von Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven sowie als Bravourstück eine Etüde von Henri Herz.

Nach diesem Debüt soll sich ein Impresario an die Familie gewandt haben, um sie von einer Amerika-Tournee mit dem pianistischen Wunderkind zu überzeugen. Cossel hatte einige Mühe, den Vater davon abzubringen. Da das Kind auch ein Talent zum Komponieren zeigte, wandte er sich im Jahre 1843 an den Hamburger Komponisten und Leiter der Altonaer Liedertafel Eduard Marxsen (1806–1887), der Brahms als Klavier- und Kompositionsschüler annahm. Der Unterricht bei Marxsen, der drei Jahre in Wien studiert hatte, wich von der üblichen Musikausbildung ab, die meist auf einen Besuch des Konservatoriums hinauslief. Brahms lernte das Leipziger Konservatorium erst 1853 als Besucher kennen und befreundete sich in dem universitären Umfeld mit Julius Otto Grimm. Marxsen prägte ihn nicht nur pianistisch, sondern auch kompositorisch im Sinne von Johann Christian Lobe und Ignaz von Seyfried. Obwohl Brahms nach den ersten erfolgreichen Auftritten als Pianist die Virtuosenlaufbahn hätte einschlagen können, entschied er sich für einen anderen Weg.
Brahms veröffentlichte seine frühen Werke häufig unter Pseudonymen (G. W. Marks, Karl Würth) und teilte ihnen höhere Opuszahlen zu. Anfangs schrieb er ausschließlich Klavierwerke; die Möglichkeiten und Grenzen des Orchesters waren ihm zu wenig vertraut. Auch später bat er beim Komponieren seiner ersten Orchesterwerke erfahrene Komponisten aus seinem Freundeskreis um Hilfe.
Im Jahre 1853 vermittelte der mit ihm befreundete ungarische Violinist Eduard Reményi die Bekanntschaft des in Hannover weilenden Geigers Joseph Joachim. Joachim empfahl Brahms, sich an Franz Liszt zu wenden, der damals Hofkapellmeister in Weimar war. Liszt versprach ihm, ihn in einem Brief an den Musikverlag Breitkopf & Härtel zu erwähnen. Brahms erhoffte sich davon nicht viel und bat Joachim, ihn in das künstlerische Leben einzuführen. Daraufhin überredete Joachim ihn, den damals in Düsseldorf wohnenden Komponisten Robert Schumann aufzusuchen.

In Düsseldorf lernte Brahms Clara und Robert Schumann kennen. Am 25. Oktober 1853 veröffentlichte Robert Schumann in der von ihm gegründeten Neuen Zeitschrift für Musik einen enthusiastischen Artikel über Johannes Brahms. Er trug den Titel Neue Bahnen und inthronisierte den jungen Komponisten als einen Nachfolger.
Robert Schumann setzte sich bei dem Verlag Breitkopf & Härtel dafür ein, einige Werke von Brahms zu publizieren. Dieses Engagement machte den zwanzigjährigen Brahms in Deutschland berühmt. Brahms drückte daraufhin in Briefen an Schumann seine Befürchtung aus, den Maßstäben der Öffentlichkeit nicht genügen zu können und verbrannte einige seiner Werke.
Clara Schumann hatte sich als Pianistin europaweiten Ruhm erworben – und ihren Mann überflügelt. Nachdem Robert Schumann im Frühjahr 1854 in die Richarz’sche Heilanstalt in Endenich eingewiesen worden war, intensivierte sich der Kontakt zwischen Clara Schumann und Johannes Brahms. Er lebte zeitweilig im selben Haus in Düsseldorf, in dem Clara Schumann und ihre sechs Kinder lebten. Seine innige seelische Verflechtung mit Clara und Robert Schumann kommt zum Ausdruck in seinen Klaviervariationen op. 9 über ein Thema von Robert Schumann, der das Werk während seines Aufenthaltes in Endenich kennenlernte und wundervoll fand. In den Takten 30–32 der 10. Variation erscheint als Mittelstimme ein Thema Clara Schumanns, das Robert Schumann seinem op. 5 zugrunde gelegt hatte. Zur Gedächtnisfeier für Robert Schumann spielte er am 22. November 1856 in Hamburg dessen Klavierkonzert a-Moll op. 54. Zwischen 1854 und 1858 pflegten Clara Schumann und Brahms einen umfangreichen Briefwechsel; einvernehmlich vernichteten sie diesen später fast vollständig. Brahms verehrte und liebte die 14 Jahre ältere Clara Schumann zeitlebens.
An der Seite von Joseph Joachim betrieb er kontrapunktische Studien. Die Freunde erlegten sich dabei strenge Regeln auf, indem jeder pro Woche eine Arbeitsprobe vorlegen und bei einer Verzögerung sogar eine Geldsumme in die Bücherkasse zahlen musste. In dieser Zeit arbeitete er an der erst später entdeckten Missa canonica WoO 18 und an nahezu allen überlieferten Orgelwerken (WoO 7 bis 10). Im Vergleich zu Schumanns rhythmisch komplexer Missa sacra op. 147 zeichnet sich das Fragment gebliebene Werk durch lange Notenwerte und Parallelbewegungen aus.

1857 übersiedelte Brahms nach Detmold. Er leitete dort einen Chor und gab Klavierunterricht. In der Zeit befasste er sich mit einem neuen großen Projekt: dem ersten Klavierkonzert op. 15 in d-Moll. Hinsichtlich der Orchestrierung stand ihm Joseph Joachim ratgebend zur Seite. Vielfach wird es als Widerschein der vergeblichen Leidenschaft für Clara Schumann interpretiert; die Phase war gerade erst abgeschlossen. Uraufgeführt wurde es am 22. Januar 1859 in Hannover. Seine Wiederholung in Leipzig am 27. desselben Monats fiel bei den Kritikern durch. Breitkopf & Härtel wollte es deshalb nicht veröffentlichen, weshalb ab 1860 der Schweizer Verleger Jakob Melchior Rieter-Biedermann zum Zug kam. Ab 1856 hatte Brahms Kontakt mit Rieter-Biedermann, welcher 22 Werke von Brahms verlegte, als Erstes im Jahr 1858 die Volks-Kinderlieder ohne Urheberangabe. Brahms verbarg seine Enttäuschung hierüber nicht und nahm sich vor, dass ein zweites Werk „ganz anders lauten“ sollte. Sein zweites Klavierkonzert op. 83 in B-Dur – es erschien 22 Jahre nach dem ersten – unterschied sich von dem d-Moll-Konzert: Statt der Anlage auf eine Finalwirkung „ergibt sich im B-Dur-Konzert […] eine quasi transzendierende Abnahme zum Schluß hin“.
In der Detmolder Zeit entstanden neben dem Klavierkonzert zwei Orchesterserenaden (op. 11 und op. 16) und Lieder, unter anderem Unter Blüten des Mai’s spielt’ ich mit ihrer Hand. Brahms ließ hiermit seine Begegnung mit Agathe von Siebold anklingen. Einen Sommer gab er sich seiner Verliebtheit hin (Clara Schumann schrieb gekränkt, er habe sich wohl recht schnell getröstet). Sein zweites Streichsextett spielt im 1. Satz mit einem Thema auf Agathe von Siebold an; es enthält die Tonabfolge: A-G-A-H-E. Kaum waren die Verlobungsringe mit Agathe getauscht, machte Brahms einen Rückzug. Er sah sich außerstande, sich zu binden, tat es auch später nicht und blieb unverheiratet.
Im Mai 1859 kehrte Brahms nach Hamburg zurück. Dort entstanden unter anderem die Magelonen-Gesänge (fertiggestellt 1869), Kammermusik, die Händel-Variationen op. 24 sowie die Variationen Es-Dur für Klavier zu vier Händen über ein Thema von Robert Schumann op. 23. Die Clara Schumann zugeeignete Komposition Thema mit Variationen op. 18/II von 1860 ist eine Klavierfassung des Andantes aus dem Streichsextett Nr. 1 op. 18.
1860 machte Brahms die Bekanntschaft des Verlegers Fritz Simrock. Dieser verhalf Brahms als Verleger seines Werks zu maßgeblicher Bekanntheit; Brahms hatte es in den 1860er Jahren nicht immer leicht gehabt, seine Kompositionen zu publizieren. Die Verleger waren vorsichtig – das erste Klavierkonzert war vor der Verlegung durchgefallen; außerdem galten Brahms’ Klavierstücke als schwer spielbar. Auch Brahms’ Perfektionsdrang führte zu Verzögerungen: Oft vertröstete er seine Verleger bei der Übersendung des Manuskripts, da ihm schien, er könne die Komposition noch verbessern.
Ein Grund, Hamburg den Rücken zu kehren, war Brahms’ Verstimmung darüber, dass es seinem Förderer und väterlichen Freund Theodor Avé-Lallemant 1862/63 weder gelungen war, ihm den Direktorenposten der Philharmonischen Konzerte zu verschaffen, noch ihn als Chormeister der Singakademie durchzusetzen. Obgleich sich Brahms um diese Stellen nie offen beworben hatte, war er tief verletzt, dass Julius Stockhausen ihm vorgezogen wurde. Der Vorgang belastete das freundschaftliche Verhältnis zu Avé-Lallemant jahrelang empfindlich.

Ein erstes Engagement in Wien 1862 brachte Anerkennung und Lob. Brahms spielte bei einer privaten Abendveranstaltung sein 1. Klavierquartett in g-Moll mit Joseph Hellmesberger senior, worauf dieser begeistert ausrief: „Das ist der Erbe Beethovens!“ Mit dem Bonmot tat Brahms sich schwer; forderte es doch zu Vergleichen auf, bei denen er befürchtete, nicht als ebenbürtig betrachtet zu werden.
1863 nahm Brahms das Angebot an, Chormeister der Wiener Singakademie zu werden. 1864 gab er dieses Amt wieder ab, da er sich dessen Belastungen nicht länger gewachsen fühlte.
Zu den in der Folgezeit entstandenen Werken gehört das Deutsche Requiem, das nicht den lateinischen Texten der heiligen Messe folgt, sondern Bibeltexte in deutscher Sprache vertont. Die Uraufführung in Bremen 1868 wurde enthusiastisch gefeiert. Dagegen geriet die Veröffentlichung der Ungarischen Tänze, bei denen Brahms auf zum Allgemeingut gehörende Zigeunerweisen zurückgegriffen hatte, fast zum Skandal: Zwar erreichte Brahms mit ihnen ein deutlich breiteres Publikum als mit seinen anderen Werken, doch meldeten sich plötzlich andere Musiker zu Wort (darunter sein alter Freund Reményi) und reklamierten sich als Urheber der Musik.
Auf einer seiner Konzertreisen in den ersten Eisenbahnen und in der Postkutsche kam Brahms 1864 in die Schweiz. In Winterthur, beim Musikverleger Jakob Melchior Rieter-Biedermann, begegnete er dem jungen Dirigenten Friedrich Hegar, und 1865 hörte ihn hier der junge Schriftsteller Josef Victor Widmann, mit dem er sich später befreundete. Es war im November 1865 in Zürich, als Brahms zwei seiner Werke uraufführte: seine Paganini-Variationen für Klavier op. 35 sowie das Horntrio op. 40, bei dem Friedrich Hegar die Geige und Anton Gläss das Horn spielten.

In Zürich fand Brahms weitere lebenslange Freundschaften. Zu seinen ersten Freunden zählte der musikalisch gebildete Mediziner Theodor Billroth, in dessen Haus er Johann von Mikulicz kennenlernte, mit dem er die vierhändigen Walzer op. 39 zur Erstaufführung brachte. Ein Bindeglied war die Musikalität Billroths, der für die Neue Zürcher Zeitung sowie die Allgemeine musikalische Zeitung Rezensionen verfasste. Dabei sparte er nicht mit scharfer Kritik, die sich auch auf die Musik der Neudeutschen erstreckte. Nachdem er Brahms und Theodor Kirchner an zwei Klavieren mit sinfonischen Dichtungen Franz Liszts gehört hatte, sprach er von „horrible(r) Musik“ und „lauter Höllenmusik“. Während Billroth sich an einigen Fugen aus Beethovens späten Klaviersonaten störte, irritierten ihn die Herbheiten der Tonsprache Brahms’ wenig.
Den Sommer 1866 verbrachte Brahms in Fluntern ob Zürich. Verschiedene Teile seines Deutschen Requiems, begonnen nach dem Tod seiner Mutter (2. Februar 1865), entstanden hier, und der nachkomponierte fünfte Satz «Ihr habt nun Traurigkeit» wurde in Zürich am 7. September 1868 in Anwesenheit des Komponisten und seines Vaters improvisiert geprobt mit Friedrich Hegar, der Altistin Ida Suter-Weber und dem Gemischten Chor Zürich. Von Zürich aus schickte Brahms das Werk nach Winterthur an den Musikverlag Rieter-Biedermann. Zum Freundeskreis von Brahms in Zürich und Winterthur gehörten zu dieser Zeit auch Gottfried Keller, die Wagner-Mäzene Mathilde und Otto Wesendonck und die Komponisten Theodor Kirchner, Hermann Goetz und Johann Carl Eschmann.
Kurz nach den ersten Aufführungen in Bremen und Leipzig wurde das Deutsche Requiem an Karfreitag und Ostersonntag 1869 mit dem Gemischten Chor Zürich und dem Tonhalle-Orchester aufgeführt. Auf das Jahr 1874 plante Hegar ein Musikfest, zu dem Brahms eingeladen wurde. Dieser leitete unter anderem die Aufführung seines Triumphliedes. Damals lernte er auch den Schriftsteller Josef Victor Widmann kennen, und bei einer Schifffahrt auf dem See suchte er sich in Rüschlikon eine Wohnung für die Sommermonate.
Drei weitere Sommer, 1886 bis 1888 verbrachte Brahms in Thun und weilte über die Wochenenden jeweils bei der Familie von Freund Widmann in Bern. Zu Brahms’ 60. Geburtstag im Mai 1893 begaben sich die Freunde Friedrich Hegar, Josef Victor Widmann und der junge Pianist Robert Freund mit ihm auf eine Italienreise, eine von acht Italienreisen Brahms’.
Werke Brahms’ wurden unter Friedrich Hegar oft aufgeführt. So stand sein Name zwischen 1868 und 1878 nicht weniger als 32 Mal auf den Programmen der Tonhalle-Gesellschaft. 1881 veranstaltete die Tonhalle-Gesellschaft ein Extrakonzert: neben anderen Werken wurde unter Brahms’ Leitung sein Werk Nänie uraufgeführt. Zur Eröffnung der neuen Tonhalle Zürich im Oktober 1895 dirigierte er nochmals sein Triumphlied und wurde mit einem Lorbeerkranz gefeiert. Es war sein letztes Dirigat.

Ende 1871 ließ sich Brahms endgültig in Wien nieder und bewohnte zwei (ab 1877 drei) Räume in der Wohnung Nr. 4 im Haus Karlsgasse 4 im Bezirk Wieden. Als Pianist war Brahms in jenen Jahren so erfolgreich, dass er seinen Lebensunterhalt auch ohne feste Anstellung bestreiten konnte. Gleichwohl übernahm er von 1872 bis 1875 die künstlerische Leitung der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Auch verdienten er und seine Verleger mit seinen bereits erschienenen Kompositionen so viel, dass Simrock ihn bestürmte, ihm doch etwas Neues zur Veröffentlichung zu geben.
Freundschaft schloss Brahms in Wien unter anderem mit Heinrich von Herzogenberg, dessen Frau Elisabeth auch später noch in regem Briefwechsel Brahms’ Stücke vorab rezensierte, meist sogar vor Clara Schumann.
Am 4. November 1876 fand die Uraufführung der ersten Sinfonie in c-Moll op. 68 in Karlsruhe statt. Die Arbeit an diesem Werk hatte Brahms schon 1862 begonnen, aber erst 1876 bei einem Aufenthalt in Sassnitz auf Rügen vollendet. Am 30. Dezember 1877 folgte die Uraufführung der zweiten Sinfonie in D-Dur op. 73 in Wien. Im März 1878 erhielt Brahms die Ehrendoktorwürde der Universität Breslau. 1880 arbeitete er an zwei Ouvertüren, der Akademischen Festouvertüre op. 80 als Dank für die Breslauer Ehrendoktorwürde und der Tragischen Ouvertüre op. 81, von denen er sagte: „Die eine weint, die andere lacht.“
1883 war Brahms Gründungsmitglied des Ersten Wiener Hornistenclubs, aus dem später der Wiener Waldhornverein hervorging. Brahms war selbst Hornist und blieb in dem Verein aktiv.
Während eines mehrmonatigen Aufenthalts in Wiesbaden (früher „Geisbergstraße 19“, heute „Schöne Aussicht 7“) im Sommer 1883 komponierte er die dritte Sinfonie in F-Dur op. 90. Dieser Aufenthalt wurde ihm durch seine Freundschaft zu dem Ehepaar Rudolf und Laura von Beckerath ermöglicht, den Eltern des Malers Willy von Beckerath, von dem es viele Bildnisse von Brahms gibt. Die 3. Sinfonie wurde am 2. Dezember 1883 in Wien uraufgeführt. Die vierte Sinfonie in e-Moll op. 98 entstand während der Sommeraufenthalte 1884 und 1885 in Mürzzuschlag (Brahmsmuseum Mürzzuschlag) in der Steiermark. Ihre Uraufführung fand unter der Leitung von Hans von Bülow mit der Meininger Hofkapelle am 25. Oktober 1885 in Meiningen statt. Anschließend gingen Brahms und Bülow gemeinsam mit dem Stück auf eine Rheinland-Holland-Tournee, auf der auch Brahms einige Male die Hofkapelle dirigierte.

In der Folgezeit komponierte Brahms vornehmlich Kammermusik (Violin- und Cellosonaten). 1886 wurde er Ehrenpräsident des Wiener Tonkünstlervereins. In Meiningen, das er insgesamt 15 Mal besuchte, entwickelte er eine enge Freundschaft zum kunstsinnigen Herzogspaar Georg II. und Helene Freifrau von Heldburg, dem Dirigenten Fritz Steinbach und dem bekannten Klarinettisten Richard Mühlfeld, für den persönlich er das Trio für Klarinette, Violoncello und Klavier a-Moll op. 114 und das Klarinettenquintett h-Moll op. 115 schrieb (1891). Zu seinem Freundeskreis in Wien zählte auch der Hofopernsänger Gustav Walter, der mehrere seiner Lieder, begleitet von Brahms selbst, zur Uraufführung brachte.
Die letzten zwei Jahrzehnte seines Lebens war Brahms eine führende Persönlichkeit der internationalen Musikszene und wurde als Pianist, Dirigent und Komponist bewundert und verehrt. Zahlreiche Auszeichnungen und Ehrenmitgliedschaften wurden ihm verliehen, was Brahms mit den Worten kommentierte: „Wenn mir eine hübsche Melodie einfällt, ist mir das lieber als ein Leopoldsorden.“ 1889 wurde ihm die Ehrenbürgerschaft von Hamburg verliehen.
Im selben Jahr entstand ein Zeugnis besonderer Art: Am 2. Dezember 1889 spielte Brahms im Haus seines Freundes Richard Albert Fellinger (1848–1903) und dessen Frau Maria (1849–1925), die als Künstlerin den Komponisten porträtierte und von ihm Skulpturen und Plastiken schuf, einen Teil des Ungarischen Tanzes Nr. 1 auf dem Klavier und wurde dabei mit einem Phonographen aufgenommen. Die Aufnahme bietet trotz ihrer schlechten Qualität das einzige authentische Zeugnis von Brahms’ eigenem Klavierspiel. Zudem könnte die Ansage teilweise von ihm selbst gesprochen worden sein. Johannes Brahms zu Ehren initiierte der Dirigent Fritz Steinbach 1895, 1899 und 1903 unter Anwesenheit und Mitwirkung der internationalen Brahms-Gemeinde die Meininger Landesmusikfeste, wobei beim 1. Landesmusikfest im September 1895 Brahms selbst als Ehrengast zugegen war.
Brahms starb am 3. April 1897 am frühen Vormittag im Alter von 63 Jahren in seiner seit 1872 bewohnten Wohnung Karlsgasse 4 nach Angaben einiger Biografien an Leberkrebs, nach jüngeren Angaben an einem Pankreaskarzinom. Nach der Aufbahrung im Trauerhaus, wo ihm von Carl Kundmann die Totenmaske abgenommen und von Ludwig Michalek ein letztes Pastellbild angefertigt worden war, fand die Einsegnung am 6. April in der Lutherischen Stadtkirche statt. Er wurde in einem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof (Gruppe 32A, Nr. 26) bestattet. Das von der Bildhauerin Ilse Conrat (1880–1942) gestaltete Grabdenkmal wurde am 7. Mai 1903, dem 70. Geburtstag Brahms’, mit großer Feierlichkeit enthüllt.

Abgesehen von der Oper hinterließ Brahms in nahezu allen Musikgattungen exemplarische Werke. Wie andere Komponisten hatte er große Mühe, aus dem Schatten Ludwig van Beethovens zu treten. Seine Skrupel bezüglich der Sinfonie fasst er gegenüber Hermann Levi in der Äußerung zusammen, er „werde nie eine Symphonie komponieren. Du hast keinen Begriff davon, wie unsereinem zu Mute ist, wenn er immer so einen Riesen (Beethoven) hinter sich marschieren hört.“ In seinem sinfonischen Schaffen knüpfte Brahms weniger bei Franz Schubert und Robert Schumann als bei Beethoven an. Die Sinfonie Nr. 1 wurde erst nach einer langen Entstehungszeit am 4. November 1876 unter der Leitung von Felix Otto Dessoff in Karlsruhe uraufgeführt.
Das trifft auch für die anderen Gattungen zu, in denen sich Brahms bewegte, etwa die Lieder und die Kammermusik. So gilt er neben Schumann als Kammermusik-Komponist, war wie sein Förderer aber eher zurückhaltend gegenüber dem Genre des Streichquartetts und pflegte auf Kammermusik mit Klavier auszuweichen. Dass er lediglich drei Streichquartette (Nr. 1 c-Moll, Nr. 2 a-Moll op. 51 und Nr. 3 B-Dur op. 67) hinterließ, zeigt den großen Respekt, den er vor der traditionsreichen Gattung hegte.
Beethovens An die ferne Geliebte gilt als erster Liederzyklus, an dem sich namhafte Komponisten der Romantik von Schubert bis Brahms orientieren. Während Brahms in der Gegenwart vor allem für seine Instrumentalmusik bekannt ist, hatte im Bewusstsein der Zeitgenossen das Vokalwerk ein größeres Gewicht. Die Lieder und Chorwerke machten ihn populär und sorgten auch für kommerzielle Erfolge. Mit knapp 300 Liedern, die über einen Zeitraum von etwa 45 Jahren entstanden, gehört Brahms zu den bedeutendsten Liedkomponisten des 19. Jahrhunderts. Zu seinem Liedschaffen zählen mehrere Zyklen mit Volksliedern, die er sammelte und bearbeitete, sowie zahlreiche Duette. In der Regel fügte er fünf oder sechs Stücke zusammen; einige Opera umfassen allerdings bis zu 15 Nummern. Viele Lieder betitelte er nach den jeweiligen Textanfängen oder versah sie mit einfachen Überschriften wie Mädchenlied, Frühlingslied oder Spanisches Lied.
Bei aller Hochachtung für Schumanns Liedschaffen schlug er einen anderen Weg ein. Sieht man von den 9 Liedern und Gesängen für eine Singstimme und Klavier op. 32, dem Magelonen-Zyklus op. 33 und den Vier ernsten Gesängen op. 121 ab, orientierte er sich am Volkslied. Am 27. Januar 1860 schrieb er Clara Schumann, „das Lied segelt einen so falschen Kurs, daß man sich ein Ideal nicht fest genug einprägen kann. Und das ist mir das Volkslied.“ Mit dem „falschen Kurs“ bezog er sich vermutlich auf die Lieder aus dem Kreis um Franz Liszt. Mit der pointierten Formulierung könnte er sich auch gegen die Abwertung der Kleinform ausgesprochen und gegenüber den Verfechtern des Musikdramas und der sinfonischen Dichtung Stellung bezogen haben. Das kompositorische Modell des Volksliedes zielt auf eine einfache und sangbare Melodik, die bereits einen eigenen Wert hat, was den Vorstellungen der Neudeutschen zuwiderlief. Mit dem Ideal des Volksliedes gab Brahms allerdings nicht den Anspruch auf, Kunstlieder zu schreiben. Bei den Feinheiten der Textinterpretation wich er vom Vorbild der strophischen Vertonung nur selten ab. Laut Martin Geck war er an einer illustrativen und lautmalerischen Umsetzung nur in dem Magelonen-Zyklus interessiert. Brahms war sehr belesen und berücksichtigte neben Gedichten von Johann Wolfgang von Goethe, Joseph von Eichendorff, Eduard Mörike und Theodor Storm auch Werke von Autoren, die in der Gegenwart weitgehend vergessen sind.
Ab etwa 1860 beschäftigte er sich intensiv mit dem Werk Franz Schuberts. Er erwarb Autographe zweier Lieder und bekannte gegenüber Adolf Schubring, seine „Schubertliebe“ sei vor allem deswegen ernsthaft, weil sie keine „flüchtige Hitze“ sei. In Brahms’ eigenem Liedschaffen reichen die Bezüge von konzeptuellen Parallelen wie den Vor-, Zwischen- und Nachspielen bis zu bestimmten Modellen für Vertonungen.
Anders als der mondäne, auf Wirkung bedachte Virtuose Franz Liszt setzte Brahms in seiner Klaviermusik nicht auf äußerliche Effekte. Obwohl ihm das große Podium nicht lag, befasste er sich intensiv mit der pianistischen Technik, wie die 51 Übungen für Klavier WoO 6 sowie die Händel- und Paganini-Variationen zeigen, die wegen ihrer Schwierigkeiten nur professionellen Pianisten zugänglich sind. Skalen, virtuoses Fingerspiel und brillante Figuration finden sich in seinen Stücken nur selten. Brahms’ Klaviermusik ist vom Studium der Werke Johann Sebastian Bachs, Domenico Scarlattis, Georg Friedrich Händels und François Couperins geprägt und zeigt kontrapunktisches Verständnis. Viele seiner Klavierwerke zeichnen sich durch einen dichten Klaviersatz, vollgriffige Akkorde, Sexten und gründliche thematische Arbeit aus. Weitere Merkmale sind eine geschärfte Rhythmik mit Punktierungen und Synkopen sowie eine kräftige Bassbegleitung.

Dass Brahms sich an Bach orientierte, belegen die zu Lebzeiten nicht publizierten Suitensätze für Klavier, die als handwerkliche Studien entstanden. Die Freundschaft mit den Schumanns regte Brahms vermutlich zum Studium des Bach’schen Suitenmodells an. So konnte er in Düsseldorf Robert Schumanns Bibliothek nutzen, spielte Clara Schumann am 12. Februar 1855 eigene Giguen und Kanons vor und schrieb eine Kadenz zum dritten Satz von Bachs Cembalokonzert Nr. 1 d-Moll. Seine Bearbeitung der berühmten Chaconne aus der d-Moll-Partita für die linke Hand ist nicht so bekannt wie die Transkription Ferruccio Busonis. Während Brahms sich auf die linke Hand beschränkte und so die Möglichkeiten der Violine nachempfand, nutzte Busoni in dem Eugen d’Albert gewidmeten Werk eine Fülle pianistischer Mittel, um ein orchestrales Klangbild zu erzeugen.
Brahms neigte dazu, die während der Kompositionsarbeit entstandenen Skizzen und Entwürfe gegenüber den Zeitgenossen und der Nachwelt zu verbergen. Im Oktober 1890 schrieb er dem Verleger Fritz Simrock, er habe „viel zerrissenes Notenpapier zum Abschied von Ischl in die Traun geworfen“. So wirkte Brahms selbst an der Vorstellung mit, er gehöre zu den fleißigen Komponisten, die sich vor der Umwelt abschotten und den Schaffensprozess geheim halten. Wie sich aus Aussagen von Freunden sowie der umfangreichen Korrespondenz ergibt, vernichtete er zahlreiche eigene Werke. So muss es in den frühen 1850er Jahren zwei oder womöglich drei Klaviersonaten gegeben haben, die vor der – zunächst als Vierte Sonate betitelten – Klaviersonate Nr. 1 entstanden. Ein Streichquartett in h-Moll sowie viele andere Quartette müssen der Sammlung op. 51 vorangegangen sein.
Die späten Klavierwerke (opp. 116 bis 119) erschienen zwischen 1892 und 1893. Die Titelwahl wirkt stellenweise wie eine Verlegenheitslösung. Bereits bei den vorhergehenden 8. Klavierstücken op. 76 war Brahms unsicher, welche Überschriften er wählen sollte und wandte sich an Fritz Simrock. Im Vergleich zu den vorangegangenen Klavierkompositionen sind die pianistischen Anforderungen geringer.
Abgesehen vom ersten Stück der 3. Intermezzi op. 117 verzichtete er in den späten Klavierwerken meist auf poetische Titel oder Mottos. Dennoch können sie als Charakterstücke mit außermusikalischer Semantik eingestuft werden. Da Brahms sich über einige der Kompositionen äußerte und Notizen hinterließ, sind seine poetisierenden Absichten nachweisbar. Der Musikwissenschaftler Eusebius Mandyczewski, der kürzere Klavierwerke im Rahmen der Gesamtausgabe herausgab, bemerkte, dass Brahms das vierte Intermezzo der ersten Sammlung zunächst als „Notturno“ bezeichnet hatte. Die Zusammenhänge mit dem 1871 veröffentlichten Lied Es träumte mir (op. 57 Nr. 3) nach einem Gedicht von Georg Friedrich Daumer belegen, dass es ursprünglich als „Nachtstück“ konzipiert war. Das volksliedhafte und populäre Es-Dur-Intermezzo op. 117 (Andante moderato) nimmt eine Ausnahmestellung ein, da Brahms ihm die Verse „Schlaf sanft, mein Kind schlaf sanft und schön! / Mich dauert’s sehr, dich weinen sehn“ voranstellte. Sie stammen aus dem von Johann Gottfried Herder übersetzten schottischen Volkslied Wiegenlied einer unglücklichen Mutter. Die Zeilen des Mottos lassen sich den ersten vier Takten unterlegen. In einem Gespräch mit Rudolf von der Leyen bezeichnete er die drei Intermezzi op. 117 als „Wiegenlieder meiner Schmerzen“.
In den vier Sammlungen finden sich viele melancholische Stücke. Der dramatische und balladeske Ton vorhergehender Kompositionen tritt zurück und weicht der Schwermut und Resignation. Eduard Hanslick deutete die Miniaturen als „Monologe am Klavier“, die Brahms „in einsamer Abendstunde mit sich und für sich hält.“ Er habe sie in „trotzig-pessimistischer Auflehnung, in grüblerischem Nachsinnen“ und in „träumerischer Wehmut“ geschrieben. Über die Fantasien op. 116 und die Intermezzi op. 117 schrieb er, sie „klingen entweder wild leidenschaftlich oder schmerzlich resigniert – ein Brevier des Pessimismus.“ Allerdings können nicht alle späten Klavierwerke als resignativ oder introvertiert charakterisiert werden. So findet sich in der letzten Sammlung ein heiteres Stück in C-Dur (Nr. 3.), das motivisch und rhythmisch an eine Barkarole erinnert.
Die Romanze op. 118 Nr. 5 ist das einzige Klavierstück, das er in dieser Gattung schrieb. Während Hanslick in ihrem Mittelteil ein „Wiegenlied“ erblickte, verweist Constantin Floros auf den pastoralen Charakter des Werkes mit seinen rufartigen Dreiklangsmotiven und Bordunbässen. Gegenüber Clara Schumann äußerte sich Brahms zum Stimmungsgehalt eines eigenen „kleinen Clavierstück(s)“, vermutlich des h-Moll-Intermezzos op. 119 Nr. 1 mit den charakteristischen fallenden Terzreihen. „Es wimmelt von Dissonanzen! Das kleine Stück ist ausnehmend melancholisch, und ‚sehr langsam spielen ‘ ist nicht genug gesagt. Jeder Tact und jede Note muß wie ritard. klingen, als ob man Melancholie aus jeder einzelnen saugen wolle, mit Wollust und Behagen aus besagten Dissonanzen!“ Wie Schumann im Mai 1893 in ihrem Tagebuch notierte, erhielt sie das „traurigsüß(e)“ Stück als Gruß „an seinem 60. Geburtstag.“ Es sei voller Dissonanzen, „in die man sich aber mit Wonne hineinlegt.“
In den 1840er Jahren zeichnete sich eine Annäherung des virtuosen Instrumentalkonzerts an sinfonische Formen ab. Ein Merkmal des sinfonischen Konzerts war die Einführung des Scherzos in das traditionell dreisätzige Gebilde (Allegro, langsamer Satz, schnelles Finale). Franz Liszt griff dies in seinem ersten Klavierkonzert ebenso auf wie später Brahms im (viersätzigen) zweiten Klavierkonzert op. 83.
In seinen Instrumentalkonzerten zielte Brahms darauf ab, die Virtuosität des Solisten in das sinfonische Gefüge zu integrieren. Obwohl die Solisten im B-Dur-Konzert und im Doppelkonzert für Violine und Violoncello op. 102 bereits am Anfang zu hören sind, übernahm Brahms in den Kopfsätzen der Instrumentalkonzerte die aus zwei Expositionen bestehende Struktur. Wie in Beethovens fünftem Klavierkonzert op. 73 spielen die Solisten zuerst eine Kadenz, mit der sie das Werk vorstellen. Brahms verkürzte die Exposition durch Auslassungen im Seitensatz und eine einfache tonale Struktur, behandelte den Einsatz der Instrumentalisten aber unterschiedlich. Während der Cellist im Doppelkonzert das erste Thema sogleich vorstellt, wiederholt der Geiger im Violinkonzert und der Pianist im zweiten Klavierkonzert das Hauptthema erst später und nach einer längeren Überleitung. Im Gegensatz zum Klavierkonzert fällt dieser Einsatz im Violinkonzert recht lang aus. Auch Mozart und Beethoven verfuhren auf diese Weise. So erinnert die rezitativische Entwicklung im Violinkonzert an den Anfang des ersten Solos aus Beethovens Violinkonzert.
Demgegenüber beginnt das Orchester im 1. Klavierkonzert op. 15 mit einer zweiten Exposition, woraufhin der Solist mit einem eigenständigen Hauptthema einsetzt. Die Entstehungsgeschichte des d-Moll-Konzerts erstreckte sich über viele Jahre und zeigt, dass Brahms große Schwierigkeiten mit dieser Gattung hatte. Die Entwicklung von einer Sonate für zwei Klaviere über eine Sinfonie bis zum abgeschlossenen Konzert gehört zu den längsten Werkgenesen der Musikgeschichte.
Die frühe Konzertreise mit Eduard Reményi hatte weitreichende Folgen: Brahms lernte „ungarische Melodien“ kennen, von denen er so fasziniert war, dass er sie sich notierte. Etwas später verarbeitete er sie in den Ungarischen Tänzen, die ihn bekannter machten als seine 1. Sinfonie oder das Deutsche Requiem. Auch andere Kompositionen sind von einem „ungarischen Ton“ durchzogen oder lassen den Einfluss bereits mit dem Titel erkennen (Variationen über ein ungarisches Lied op. 21/2). Allerdings handelte es sich bei den Melodien nicht um originale ungarische Volkslieder, wie Brahms dachte, sondern um populäre Unterhaltungsmusik, wie sie auch von Liszt, Schubert und weiteren Komponisten aufgegriffen wurde. Anders als später Béla Bartók und Zoltán Kodály setzte er sich nicht mit ungarischer Volksmusik auseinander. Reményi und er spielten Arrangements bekannter „Zigeunerweisen“, die zum Allgemeingut der Kaffeehäuser gehörten und auch als Militärmusik genutzt wurden. Brahms wollte nicht eingestehen, wo er diese Musik zuerst gehört hatte. So schrieb er Clara Schumann 1856, er freue sich darauf, was sie ihm „von den Ungarn und Zigeunern erzählen“ werde. Von Reményi habe er „über das „besonder(e) Volk“ nicht „das Rechte lernen“ können.
Brahms’ Werk steht in einer gesamteuropäischen Musiktradition. Obwohl Brahms im Wesentlichen tradierte Formen übernahm, schuf er ein unabhängiges und eigenständiges Werk. Die von ihm aufgegriffenen Kompositionstypen wie Sinfonien und Instrumentalkonzerte, Lieder, Chorwerke mit und ohne Orchesterbegleitung, Klavier- und Kammermusik weisen einen deutlichen Bezug zur Vergangenheit auf.
Anders als Franz Liszt und die Neudeutschen hielt Brahms an der Gattung der Sinfonie fest und hinterließ, ebenso wie Robert Schumann, vier exemplarische Werke. Während die Neudeutschen die Sinfonie als geschichtlich überholte Stufe betrachteten und in den sinfonischen Dichtungen eine Synthese aus Musik und Literatur anstrebten, beschränkte sich Brahms auf die traditionelle Form, die nicht programmatisch gestützt war. Ihm war es ein Anliegen, die überkommenen Gattungen zu pflegen und zu entwickeln. Damit lässt sich seine Vorliebe für das strophisch gebaute Lied und die Kammermusik ebenso erklären wie seine Ablehnung szenischer Musik. An die Stelle der Zukunftsmusik traten Werkgerechtigkeit und handwerkliche Fertigkeiten, die er bei Komponisten der Vergangenheit suchte. Zu ihnen gehörten nicht nur Joseph Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart, Ludwig van Beethoven und Franz Schubert, sondern auch François Couperin, Johann Sebastian Bach, Georg Friedrich Händel und Domenico Scarlatti, die den Stil seiner Werke prägten.
Brahms’ Ruhm, der bereits mit Schumanns antizipatorischem Artikel Neue Bahnen begründet wurde, festigte sich in den 1860er Jahren. Spätestens mit der Bremer Uraufführung des Deutschen Requiems am 10. April 1868 machte er sich in der musikalisch interessierten Öffentlichkeit einen Namen. Bis in die Gegenwart gehören seine Sinfonien und das Requiem zum festen Konzertrepertoire.

Eduard Reményi hatte einen starken Einfluss auf den jungen Brahms. In dieser Beziehung wurde er häufig schlecht dargestellt. So rückte Max Kalbeck das Bild des Geigers ins Negative, indem er ihn als „Vollblut-Magyar, der, nebenbei bemerkt, ein deutsch-ungarischer Jude war und Hoffmann hieß“ beschrieb, eine antisemitische Bewertung, die sich lange hielt. Siegried Kross wiederum charakterisierte ihn als „jüdischen Geiger“ und „Paradiesvogel, der das Klappern […] wohl besser verstand als das“ musikalische Handwerk selbst. In den Beschreibungen sind abwertende Motive von vermeintlicher Heimatlosigkeit und erspielter, unechter Existenz zu erkennen. Matthias Kornemann zufolge wurde Reményi als eitle und oberflächliche Gegenfigur zu Brahms aufgebaut und verkörperte so den Typus des kosmopolitischen Darstellers. In den kulturphilosophischen Debatten der Jahrhundertwende war „Kosmopolitismus“ ein abwertendes Schlagwort, das auch in Thomas Manns konservativen Betrachtungen eines Unpolitischen und anderen Schriften aufgegriffen wurde. Häufig wurde er mit dem negativ besetzen Begriff „Zivilisation“ verbunden und der bodenständigen „Kultur“ gegenübergestellt. In seiner Biografie stilisierte Kalbeck den Komponisten Brahms zum nordisch-niederdeutschen Typus und orientierte sich dabei an Julius Langbehns populärphilosophischem Buch Rembrandt als Erzieher. Brahms selbst äußerte sich gegenüber Reményi nicht antisemitisch.

Im Musikzimmer seiner Wiener Wohnung hing eine Bronzetafel mit dem Porträt Otto von Bismarcks, während sich im Schlafzimmer ein Stich vom Friedensschluss von Münster befand. Damit gab Brahms sich in Österreich als preußischer Patriot zu erkennen. Er war Anhänger der großdeutschen Lösung und vertrat Ansichten, die im Bildungsbürgertum verbreitet waren und häufig mit antifranzösischen Ressentiments einhergingen. Er bedauerte, den ersten Sedantag „nur aus der Ferne beobachtet zu haben“ und hielt eine Deutschlandreise im folgenden Jahr für angebracht. So schrieb er im April 1871 an Hermann Levi, er müsse „eben durchaus nach Deutschland“, um seinen eigenen Teil „vom Jubel“ zu haben. „Es lebe Bismarck, darin gipfle sich, was uns außer uns bewegt.“ In einem Brief an Arthur Faber ist von „massenhaft französische(m) Gesindel und prächtige(n) deutsche(n) Soldaten auf dem Weg nach Frankreich“ die Rede. Brahms’ patriotische Haltung spiegelt sich im Triumphlied wider, einem politischen Bekenntnis. Wie er im März 1871 in einem Brief an Carl Martin Reinthaler formulierte, könnte man „im Notfall […] etwas Schwindel“ treiben und den „Chor singen“ lassen, „was er will, Du spielst auf der Orgel dazu, so laut, als es nur Bismarck verdient, und ich schlage den Takt dazu auf die Melodie: [Hoch soll er leben]“. Brahms reagierte mit Befremden, als Hans von Bülow 1892 in Hamburg ein Heine-Denkmal anregen wollte. Auch andere Kompositionen zeigen einen patriotischen Ansatz, etwa die Fest- und Gedenksprüche für achtstimmigen Chor a cappella op. 109, ein dreiteiliger Zyklus von Motetten, den er Carl Friedrich Petersen zueignete, dem Bürgermeister Hamburgs. Wie er gegenüber Hans von Bülow betonte, sei das Werk für nationale Fest- und Gedenktage bestimmt. Brahms empfahl, es bei Jahrestagen von Schlachten aufzuführen, die für das nationale Selbstverständnis des Kaiserreichs wichtig waren.
Die Begeisterung war allerdings nicht bruchlos. So komponierte er in zeitlicher Nachbarschaft zum Triumphlied, das er Kaiser Wilhelm I. widmete, sein Schicksalslied, das mit Versen aus Friedrich Hölderlins Gedicht Hyperions Schicksalslied nicht als patriotisch angesehen werden kann. Brahms hielt zudem an seinem Wohnort Wien fest und gehörte dem ersten deutschen Nationalstaat somit physisch nicht an. Als er 1887 mit Giuseppe Verdi in den preußischen Orden Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste aufgenommen wurde, reiste er nicht nach Berlin und ließ damit die Gelegenheit verstreichen, sich zum Deutschen Kaiserreich zu bekennen.
Neben seiner Tätigkeit als Komponist trat Brahms auch als Dirigent und Pianist in Erscheinung. Anders als etwa Franz Liszt suchte er nicht das große Podium und strebte keine Virtuosenkarriere an. Sein Unterricht bei Cossel basierte auf Traditionen der Wiener Klassik. Cossel legte Wert auf eine gute Körperhaltung und vermittelte Brahms eine solide Technik, um „mit den Fingern“ das spielen zu können, „was man mit dem Herzen empfindet.“ Bereits 1843 konnte er vor einem geladenen Publikum mit anspruchsvollen Werken auftreten. So spielte er neben einer Etüde von Henri Herz den Klavierpart in Beethovens Bläser-Klavierquintett op. 16 sowie in einem der zwei Klavierquartette Mozarts. 1847 trat er mit Sigismund Thalbergs Grande Fantaisie et Variations sur des motifs de l’opéra Norma de Bellini bei einem öffentlichen Konzert auf, das von der Presse sehr gelobt wurde.
Ein weiteres Konzert im April 1849 wurde begeistert aufgenommen. Brahms spielte Beethovens Waldsteinsonate, virtuose Stücke von Charles Mayer und Thalberg sowie mit der Phantasie über einen beliebten Walzer bereits eine eigene Komposition. Die Presse sprach von einer „bedeutende(n) technische(n) Fertigkeit“ und einer „ästhetische(n) Auffassung“, die für sein junges Alter ungewöhnlich sei. Er habe Mayers Air Italien besser gespielt als der Komponist selbst und in Beethovens Klaviersonate eine hohe Anschlagskunst bewiesen.

Mit dem ungarischen Violinisten Eduard Reményi unternahm er 1853 eine Konzertreise ins Königreich Hannover. In der Landeshauptstadt traf er den Komponisten und Geiger Joseph Joachim, von dem sich Reményi Empfehlungen erhoffte. Brahms spielte überwiegend Stücke von Felix Mendelssohn Bartholdy, Frédéric Chopin und Thalberg und begleitete die unterschiedlichen Violinwerke. Nach weiteren Stationen in Celle, Lüneburg und Hildesheim reisten sie bis nach Weimar zu Franz Liszt, wo sich die ungleichen Partner trennten und Brahms zu Joachim zurückkehrte. Joseph Joachim war von Brahms’ Spiel fasziniert und charakterisierte es als „göttlich schön“. Mit Ausnahme von Liszt habe ihn noch kein Pianist so beeindruckt. Sein Vortrag sei klar und „gleichgültig gegen die Leidenschaft“. Er sei eine Ausnahme-Begabung, habe allerdings „aus Nichtachtung des Publikums und aus Bequemlichkeit“ wenig Neigung, öffentlich zu spielen.

Brahms’ eigentliches Ziel war das Komponieren, so dass er Ablenkungen als störend betrachtete und vermeiden wollte. Aus finanziellen Gründen blieb ihm allerdings keine andere Möglichkeit, als mit den Konzerten seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. In einem Brief an Julius Otto Grimm schrieb er im September 1855, er werde „diesen Winter öffentlich spielen“, bemerke aber „mit Schrecken“, dass seine Angst, vor einem Publikum aufzutreten, „überhand genommen“ habe. Er übe intensiv, müsse aber auch viel unterrichten. Im November 1855 begab sich Brahms mit Clara Schumann und Joseph Joachim auf eine Tournee. Bis zum Februar 1857 wirkte er in 14 Konzerten mit. Erst Anfang 1859 trat er erneut als Interpret auf und stellte mit dem ersten Klavierkonzert in d-Moll auch ein eigenes Werk vor.
Bereits früh stellte die Kritik fest, dass es Brahms eher um geistige Durchdringung der Werke als um technische Makellosigkeit gehe. Er konzentriere sich darauf, den Willen der Komponisten zu vermitteln und beeindrucke durch die „gemütvolle Innigkeit“ des Vortrags. Eduard Hanslick charakterisierte seine Interpretation nach dem Wiener Debüt im November 1862 folgendermaßen: Brahms habe sich „besonders gut“ disponiert, wenn auch nicht „jede Passage spiegelhell blinkte und jeder Sprung haarscharf traf.“ Seine Technik sei „wie ein kräftiger, hochgewachsener Mann“, der etwas „schlendernd und nachlässig gekleidet“ umhergehe. Er habe eben wichtigere „Dinge im Kopf und Herzen, als daß er“ ständig auf das Äußere „achten könnte.“
Brahms’ pianistisches Repertoire umfasste vor allem Kompositionen Johann Sebastian Bachs, Ludwig van Beethovens und Robert Schumanns. Zu den Klavierwerken Bachs gehörten die Chromatische Fantasie und Fuge, die Toccata und Fuge F-Dur BWV 540, die er für das Klavier arrangierte, sowie weitere Fantasien und Fugen. Brahms hatte eine Vorliebe dafür, Orgelmusik zu transkribieren, um ungewöhnliche Wirkungen auf dem Klavier zu erzielen. Mit Schumanns Werken kam Brahms erstmals im September 1853 in Berührung. Ein Jahr später lernte er die Klavier- und Kammermusikwerke des Komponisten näher kennen. Zwischen August und September 1854 arrangierte er Schumanns Quintett op. 44 für Klavier zu vier Händen. Brahms frühe Klaviervariationen op. 9 über ein Thema Schumanns sind das Ergebnis seiner Studien und zeigen den Einfluss im Bereich des Technischen und Geistigen.
Johannes Brahms spielte hauptsächlich auf deutschen und Wiener Klavieren. In seinen frühen Jahren bespielte er ein Klavier der Hamburger Firma „Baumgarten & Heins“. 1856 schenkte ihm Clara Schumann einen Hammerflügel von Graf, den Brahms bis 1873 für seine Arbeit verwendete. Anschließend spendete er ihn der Gesellschaft der Musikfreunde; heute ist er im „Kunsthistorischen Museum“ in Wien ausgestellt. Später, 1864 schrieb er an Clara Schumann über die Anziehungskraft, die Streicher auf ihn ausübte. 1873 erhielt er das Streicher-Klavier op. 6713, das er bis zu seinem Tod in seinem Haus behielt. An Clara schrieb Brahms: „Dort [auf meinem Streicher] weiß ich immer genau, was ich schreibe und warum ich es auf die ein oder andere Art schreibe.“
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich der Musikalienmarkt expansiv und führte zu unterschiedlichen Ausgabenformen, die sich preislich und vom editorischen Anspruch her deutlich voneinander unterschieden. Während es in einigen Ausgaben vor allem um die zuverlässige Wiedergabe des Notentextes nach den originalen Handschriften ging, waren andere eher für die Praxis vorgesehen. Die Bedingungen der Publikationen waren daher nicht nur von philologischen, sondern auch pragmatischen Grundsätzen bestimmt. Trotz dieser Unterschiede orientierten sich die Herausgeber zunehmend an Primärquellen wie etwa Skizzen und Handschriften. Dies spiegelt sich in den ersten Klassiker- und Gesamtausgaben des Verlags Breitkopf & Härtel wider. Die Ausgaben wurden nicht nur von Gelehrten wie Friedrich Chrysander, Philipp Spitta und Gustav Nottebohm, sondern auch von bekannten Komponisten betreut. Zu ihnen gehörte Johannes Brahms, der sich sehr für zuverlässige Notentexte interessierte. Er verfügte über eine große Bibliothek, erwarb Autographe und war Subskribent bedeutender Gesamtausgaben der Werke Johann Sebastian Bachs und Georg Friedrich Händels.
Die von ihm herausgegebenen Kompositionen sind sehr vielfältig, lassen aber einen Schwerpunkt im Bereich der Tasteninstrumente erkennen. Am Anfang seiner editorischen Arbeit für Breitkopf & Härtel stand das Requiem Mozarts, mit dessen Werk er ohnehin vertraut war. Er besaß das Autograph der g-Moll-Sinfonie KV 550 und hatte zuvor bereits anonym das Offertorium de Venerabili Sacramento („Venite populi“) KV 260 für den Wiener Verleger Johann Peter Gotthard herausgegeben.
Brahms bearbeitete zahlreiche fremde Kompositionen. Zwar haben diese Arbeiten in seinem Schaffen nur eine vergleichsweise geringe Bedeutung, zeigen aber, wie sehr er sich für die Musik anderer Komponisten interessierte. So arrangierte er Werke von Johann Sebastian Bach, Christoph Willibald Gluck, Carl Maria von Weber, Franz Schubert, Robert Schumann und Frédéric Chopin. Einige der Bearbeitungen gehen auf seine Beziehung zu Clara Schumann zurück, der er mit den Stücken eine Freude bereiten wollte, während andere auf Anfragen von Verlegern geschrieben wurden.
Um die Jahreswende 1871/72 erschien das Arrangement „Gavotte von C. W. Gluck. Für das Pianoforte gesetzt und Frau Clara Schumann zugeeignet von Johannes Brahms.“ Wie er dem Musikschriftsteller Bartholf Senff schrieb, habe er „so manches lustige Experiment auf dem Klavier gemacht“ und sei „doch immer glücklich dem Corps der Arrangeure fern geblieben“. Die Wendung „lustiges Experiment“ und weitere selbstkritische Einschätzungen zeigen, dass er den Stücken keinen hohen Stellenwert zumaß. So bezeichnete er zwei andere Bearbeitungen abwertend als „Klavier-Witze“ und verzichtete zudem auf eigene Opuszahlen. Für Clara Schumann bearbeitete er auch den bekannten Rákóczi-Marsch.
Brahms’ früheste Bearbeitung geht auf den Unterricht bei Eduard Marxsen zurück. Er wählte das Schluss-Rondo aus Webers erster Klaviersonate in C-Dur, das später als „Perpetuum Mobile“ bekannt wurde, und arrangierte es für die linke Hand. Nach einem Bericht Marxsens hatte der junge Brahms in einer Unterrichtsstunde „die Stimme der rechten Hand mit der Linken“ gespielt. Durch Oktavversetzungen und weitere Besonderheiten machte er aus dem ohnehin brillanten Stück eine vertrackte Studie, mit der die Geläufigkeit und Dehnbarkeit der linken Hand geübt werden kann. Die Bearbeitung wurde erst 1869 als zweite der Studien für das Pianoforte veröffentlicht.

Robert Schumanns kurzer und verheißungsvoller Artikel Neue Bahnen war für die zeitgenössische Brahms-Rezeption von großer Bedeutung. Der Komponist wurde zum Tagesgespräch, obwohl seine Werke überwiegend unbekannt waren. Die Sensation war nicht die Musik des Künstlers, sondern der Artikel Schumanns. Er bildete den Ausgangspunkt der Rezeption und beeinflusste die weitere Auseinandersetzung, in der es um gesellschaftspolitische Fragen ging. Die mit dem Essay verbundenen hohen Erwartungen erwiesen sich für Brahms auch als Hypothek und Ursache für Spott und Argwohn. Auf den ersten Blick wirkt der Artikel unpolitisch, indem er Brahms die Eigenschaften eines Genies zuschreibt und so der Zeit enthebt. Auf der anderen Seite argumentierte Schumann nicht ahistorisch. So behauptete er, Brahms sei berufen, „den höchsten Ausdruck der Zeit in idealer Weise auszusprechen“, und wich so von den Maßstäben einer normativen Ästhetik ab. Die Sprache, die Schumann in seiner poetischen Musikkritik verwendete („wunderbare Regionen“, „verschleierte Sinfonien“ und „zauberischere Kreise“), wurde nach der Märzrevolution auch politisch verstanden und von Junghegelianern kritisiert.
Dass Brahms von Historikern häufig als Komponist von Kammermusik charakterisiert wurde, hing auch mit dem Parteidenken des 19. Jahrhunderts und dem Streit zwischen „Konservativen“ und „Neudeutschen“ zusammen. Die stilistischen Unterschiede wurden mit der Wahl der jeweiligen musikalischen Gattungen verknüpft, um den Gegensatz zur Neudeutsche Schule hervortreten zu lassen. 1860 unterschrieb Brahms ein Manifest „ernst strebender Musiker“, das sich gegen die Neudeutschen richtete und das Musikleben in Parteien spaltete. Die „Fortschrittspartei“ der Neudeutschen orientierte sich an den sinfonischen Dichtungen Franz Liszts und den Musikdramen Richard Wagners, die nach den Worten von Franz Brendel an der „Spitze der geschichtlichen Entwicklung“ standen. Die Dichotomie von absoluter und Programmmusik bestimmte seit den 1850er Jahren die Auseinandersetzungen. Als Apologet der Neudeutschen vertrat Brendel eine von Hegel inspirierte Musikkritik und berief sich auf die Geschichte, die unaufhaltsam voranschreite. Der Brahms-Freund Eduard Hanslick leitete die Ästhetik in seiner Abhandlung Vom Musikalisch-Schönen hingegen von der Natur des Menschen und der Sache ab. Die absolute Musik war für ihn der Inbegriff der eigentlichen Musik.

Richard Wagner, der als Antipode des Komponisten gilt, äußerte sich nur selten wohlwollend über Brahms, dessen spröder und hölzerner Vortrag am Klavier ihn peinlich berührt habe. In der antisemitischen Schrift Über das Dirigieren spöttelte er über die Liebeslieder-Walzer des „heiligen Johannes“, die noch „in die Kategorie der Übungen der unteren Grade gesetzt werden“ könnten. Brahms sei von einer „inbrünstige(n) Sehnsucht nach der ‚Oper‘“ erfüllt, in der „alle religiöse Andacht der Enthaltsamen“ sich verliere. Die Begeisterung für Brahms sei nichts weiter als ein affektierter „Enthusiasmus für mittelalterliche Schnitzereien“.
Brahms respektierte die Kompetenz des Musikdramatikers, besaß Wagner-Partituren und die Handschrift der zweiten Szene des Tannhäuser, die Wagner allerdings im Jahre 1875 „als teures Andenken“ für seinen Sohn zurückverlangte. Dass er Wagner als Konkurrenten empfand, geht aus „strategischen Überlegungen“ zur Uraufführung der ersten Sinfonie hervor, die im Zusammenhang mit der Eröffnung des Bayreuther Festspielhauses stehen. In den Erinnerungen an Johannes Brahms schrieb Richard Heuberger, Brahms habe „immer warm und fast ehrfurchtsvoll von Wagner“ gesprochen, aber nichts getan, um „seine Ansicht öffentlich bekannt“ zu machen. 1873 erhielten Wagner und Brahms den Bayerischen Maximiliansorden.
Cosima Wagner hielt in ihrem Tagebuch ein „Gespräch über Herrn Brahms“ fest und sprach vom „schädlichen und muckerischen Einfluss auf den gebildeten Bürgerstand“. Etwa ein Jahr später begegnete sie ihm erstmals persönlich und fühlte sich in ihrer negativen Einschätzung bestätigt. So notierte sie nach einer Soirée mit dem Hellmesberger-Quartett, Brahms habe ein Werk „eigener Faktur“ gespielt, ein „rot und roh aussehender Mann“, der sein „Opus sehr trocken und gespreizt“ vorgetragen habe. Sieht man von ihrer geringschätzigen Wertung ab, entspricht ihr Urteil einem Wahrnehmungsmuster, das im 19. Jahrhundert verbreitet war. Brahms galt vielen als Repräsentationsfigur des Bürgertums, das sich in Musikvereinen abbilden und feiern ließ. Tatsächlich wurde er durch Ehrenmitgliedschaften in Musikvereinen und Akademien sowie durch Ehrendoktorate vielfach ausgezeichnet.
Wie Wagner wurde auch Brahms in zahlreichen Karikaturen aufs Korn genommen. So stellte die deutschsprachige Satirezeitschrift Figaro ihn 1890 als Heiligen mit einem Ehrendoktorhut auf einem Sockel dar. Der Wiener Musikkritiker Eduard Hanslick steht vor dem Denkmal, blickt nach oben und schwenkt ein Weihrauchgefäß. In seinem Schattenriss Brahms’ Ankunft im Himmel ging Otto Böhler augenzwinkernd auf den Parteienstreit ein und ließ Figuren wie Robert Schumann und den einstigen Gegenspieler Anton Bruckner auftreten. Während Schumann den Verstorbenen im Himmel vorstellt, empfängt ihn Bruckner mit offenen Armen.
1889 wurde Brahms die Ehrenbürgerschaft der Stadt Hamburg verliehen. Ein wichtiger Bestandteil der bürgerlichen Musikkultur war die Zurückhaltung gegenüber der Oper, die auch im 19. Jahrhundert überwiegend höfisch organisiert war. Zu den Institutionen gehörten etwa die Staatsopern in Wien, Dresden und München. Während Brahms im 1870 eröffneten Wiener Musikverein die zweite und dritte Sinfonie, die Haydn-Variationen sowie die Tragische Ouvertüre uraufführen lassen konnte, blieb er in der Wiener Hofoper lediglich ein passiver Gast.
Je nach dem musikästhetischen Standpunkt führte der Topos des „Beethoven-Erben“ zu zwei gegensätzlichen Einschätzungen. Galt Brahms den einen als „Vollender“ der Tradition, war er für die anderen der zu spät geborene „Nachahmer“. So nutzte Friedrich Nietzsche den „Fall Wagner“, um auch mit Brahms abzurechnen, den er als „Meister der Kopie“ und „Musiker einer Art unbefriedigter Frauen“ verspottete. Brahms wirke „auf einen bestimmten Typus von Menschen“, auf die „Sehnsüchtigen“ und Unzufriedenen, habe die „Melancholie des Unvermögens“ und ahme nur nach. Er schaffe „nicht aus der Fülle“, sondern dürste nach ihr. Mit dem Vorwurf, ein „Meister der Kopie“ zu sein, griff Nietzsche das Geschichtsbewusstsein des Komponisten an, das ihm unoriginell erschien. Nach anfänglicher Bewunderung wandte sich auch Hugo Wolf von Brahms ab, entwickelte sich zu einem der schärfsten Kritiker und polemisierte gegen ihn. So schrieb er in einem Verriss der Variationen über ein Thema von Haydn, das Werk lege „ein beredtes Zeugnis“ für „die eigentliche Begabung“ des Komponisten ab – „die der kunstvollen Mache“. Brahms verstehe sich wie kein anderer auf das „Variieren von gegebenen Themen“, sei doch sein Œuvre nur eine „große Variation über die Werke“ Beethovens, Schumanns und Mendelssohns.

Auslöser für eine Neubewertung seines Schaffens in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war der Aufsatz Brahms, the progressive von Arnold Schönberg (1933). Schönberg wies nach, dass Brahms seine Werke aus kleinsten motivischen Keimzellen abgeleitet hatte. Zur Auflösung der Tonalität trug der lange Zeit als Klassizist eingeschätzte Brahms indes ebenso bei durch die „zentripetale Harmonik“ seines Spätwerks (etwa in den späten Intermezzi op. 117 für Klavier): „Wurde Brahms von der Nachwelt zunächst als konservativer Bewahrer verstanden, so veränderte sich die Rezeption hin zum Bild des progressiven Erneuerers im Zeichen umfassender motivisch-thematischer Arbeit, wie es Arnold Schönberg mit fortdauernder Wirkung entworfen hatte“. Brahms’ musikalisches Denken hatte auch einen wesentlichen Einfluss auf den jungen Anton Webern. Während seiner Unterrichtszeit bei Schönberg zwischen 1904 und 1908 komponierte Webern zahlreiche Werke, die stilistisch sehr an Brahms erinnern, einschließlich eines Fragment gebliebenen Klavierquintettsatzes (undatiert; M. 81), das Klavierquintett (1907) und die Passacaglia op. 1 für großes Orchester (1908).
Auch in der bildenden Kunst gibt es viele Bezüge zu Brahms. So schuf der Maler und Bildhauer Max Klinger für die Hamburger Musikhalle ein monumentales Marmor-Denkmal, das 1909 vollendet und aufgestellt wurde. Es befindet sich im Brahms-Foyer und zeigt den Komponisten als ehrfurchtgebietende Gestalt, die von Genien und Musen umgeben ist. In seinem umfangreichen Zyklus Brahmsphantasie von 1894 arbeitete Klinger mit kontrastreichen Motiven wie der schneebedeckten Landschaft, den zerklüfteten Gebirgszügen und dem Zypressenhain, der an Arnold Böcklins Toteninsel erinnert. Weitere Elemente sind ein aufgewühltes Meer, drohender Schiffbruch und eine Harfe, auf der sich eine tragische Maske befindet. Das symbolistische Werk umfasst 41 Zeichnungen und Radierungen, die das Erhabene beschwören, das der Maler mit der Musik der Komponisten verband. Einige Teile des Werkes sind freie Grafiken, während sich andere auf Kompositionen von Brahms beziehen. Dazu gehören die Sololieder Am Sonntag Morgen op. 49 Nr. 1, Sehnsucht op. 49 Nr. 3, Alte Liebe op. 72 Nr. 1, Feldeinsamkeit op. 86 Nr. 2, Kein Haus, keine Heimat op. 94 Nr. 5 sowie das Schicksalslied für Chor und Orchester op. 64. Klinger übernahm die Notation für die Stimme und die Klavierbegleitung direkt in seine Phantasie und bezog das Schicksalslied als Klavierauszug mit ein. Aus Dankbarkeit für den Zyklus widmete Brahms ihm seine Vier ernsten Gesänge op. 121.
Françoise Sagan veröffentlichte 1959 den Roman Aimez-vous Brahms? Die darauf basierende Verfilmung Lieben Sie Brahms? mit Ingrid Bergman, Anthony Perkins und Yves Montand erschien 1961. In dieser Adaption ist der vierte Satz aus der ersten und der dritte Satz aus der dritten Sinfonie zu hören. Die Melodie des Poco Allegrettos aus der F-Dur-Sinfonie entwickelte sich zu einem Klassiker der Filmmusik.
Auch andere Kompositionen wurden zur Untermalung eingesetzt. Harry Joelson-Strohbach veröffentlichte im Jahre 2009 eine Tabelle, die 189 Filme mit Musik von Brahms umfasst. Er erwähnte auch Spielfilme, in denen Brahms als Figur auftritt, klammerte aber die meisten Dokumentar- und Kurzfilme aus. In über sechzig Filmen wurde das Wiegenlied genutzt. Neben diesem bekannten Stück sind die Ungarischen Tänze – vor allem der sehr populäre fünfte Tanz – und der Walzer op. 39 Nr. 15 häufig zu hören. Während Hollywood bis auf das Wiegenlied überwiegend Orchester- und Klaviermusik nutzte, erklingen in europäischen Filmen nach Louis Malles Die Liebenden auch Lieder und Kammermusik.
Nach Unterlagen des Brahms-Museums Hamburg und den zitierten Quellen

Orden
Ehrenmitgliedschaften


Denkmäler

Münzen und Briefmarken
Brahms als Namensgeber
Schulen
Astronomisches
Geografisches
Straßen
Weiteres

Museen


Mit Opuszahl

Ohne Opuszahl
Alle Bände herausgegeben von der Deutschen Brahms-Gesellschaft, Berlin 1907–1920;
alle Digitalisate im Internet Archive
Noten
Audios
Sonstiges
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Brahms, Johannes |
| ALTERNATIVNAMEN | Marks, G. W. (Pseudonym); Würth, Karl (Pseudonym) |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Komponist, Pianist und Dirigent |
| GEBURTSDATUM | 7. Mai 1833 |
| GEBURTSORT | Hamburg |
| STERBEDATUM | 3. April 1897 |
| STERBEORT | Wien |