Der Knurrhahn-Stil

Der Knurrhahn-Stil ist der Titel einer 1968 erschienenen Erzählung von Gabriele Wohmann. Sie handelt von dem Schüler Paul, der bei seinen Versuchen, dem Sportunterricht und den Erwartungen seiner Eltern zu entkommen, sich kurioserweise in seinen Vermeidungsstrategien verstrickt und in seine Träume flüchtet.

Inhalt

Wohmanns im Präsens, in der personalen Form aus der Perspektive des Protagonisten erzählte Geschichte handelt von Paul, dem Schüler einer Untertertia. Er mag den Sportunterricht nicht, gehört zum schwachen Drittel und wird von den Mitschülern gehänselt, weil er beispielsweise die Ballwürfe der Kameraden meidet: „Der Ball kann Paul jederzeit gefährlich werden. Ehe er gegen Pauls Magen oder seine Stirn trifft, spürt Paul ihn an diesen Stellen.“ Beim Stabwechsel ist er zu langsam, beim Bockspringen über lebende Böcke wird er fast umgeworfen. An der Reckstange oder am Hangelseil kann er sich nicht festhalten. „[W]as hast du für Patschhändchen, bist du ein Mädchen“, spottet der Mitschüler Köhler.

Paul träumt in seinem warmen Bett von Höchstleistungen: Beim Stabhochsprung fliegt er in die Wolken. An den Sportassen und dem Lehrer rächt er sich: Er verunstaltet sie mit seinen Spikes lebenslänglich oder würgt sie mit einem Ristgriff und wird für den Kraftakt von der Klasse umjubelt. Er wünscht sich Schnee: „In seinem Zimmer, bei abgeschlossener Tür, gelingt ihm Schneefall und alles.“

Um den Sportunterricht zu schwänzen, fälscht Paul den Stundenplan. Er trägt statt der ersten beiden Sport-Stunden Religion und Geografie ein und verlegt den Sport auf donnerstags. Montags klagt er nach dem Aufstehen über Halsweh. Als sich dies oft wiederholt, konsultieren die Eltern einen Hals-Nasen-Ohrenarzt. Dieser stellt keine Erkrankung fest und die Eltern schreiben keine Entschuldigungen mehr: „Versuch nur nicht, dich zu drücken“, warnt ihn der Vater. Darauf kombiniert Paul die nicht erklärlichen Halsschmerzen mit Bauchweh und einem Ausschlag im Intimbereich, den er nicht zeigen will, vielleicht eine Allergie. Der Facharzt vermutet jedoch nur eine schwache schnell abgeklungene Urtikaria.

Paul gibt jetzt die Allergie-Strategie auf und hat am nächsten Sonntag Kopfweh mit Übelkeit: „Kopfweh ist ein Fund. Die Sonntage haben sich endlich wieder in Ruhepausen zurückverwandelt. […] In seinem Schaukelstuhl am Fenster zum Garten verbringt Paul schläfrige Stunden, er beobachtet die Gewächse des Gartens“. Die Eltern rätseln: ein Tumor? „Von psychischer Störungen wollen wir lieber gar nicht reden. Dem Vater wäre etwas Greifbares sympathischer. Wie traurig, den kleinen Paul so früh zu verlieren, falls es sich wirklich um eine ernste Erkrankung handeln sollte.“

Am dritten Montag spürt Paul ein Nachlassen der Kopfschmerzen. Er macht sich, zur Freude der Eltern, tapfer auf den Schulweg, steigt jedoch am Schloss aus der Tram und schlendert durch den Park. Als die Eltern vom Turnlehrer über ihren „Drückberger“ informiert werden, kann der Vater die Aversion seines Sohnes gegen den Sport nicht verstehen. Sport sei doch etwas Wunderbares. Er schwärmt vom Felgaufschwung, den er heute noch beherrsche. Die Eltern rätseln: Hat der Sohn Angst oder ist es Scham, sich in der Umkleidekabine auszuziehen. Der Arzt versteht den Patienten besser, als Paul ihm die Symptome, Flimmern vor dem Kopfwehanfall, genau beschreibt und stellt ihm ein Attest für ein halbes Jahr aus. Danach schlägt er eine Sport-Therapie vor.

Die Eltern freuen sich sehr darüber: „Er wär uns ja noch zum Einzelgänger geworden, nicht mehr lang und dann. […] Denn der Sport erzieht ihn zum zoon politkon, unter anderem. […] Schwimmenlernen, endlich. […] Schwimmen ist großartig. […] Los, ins Wasser mit dir.“

Im Hallenbad ruft der Lehrer bei seinem ersten Auftritt: „Applaus Applaus für einen ganz prima Nichtschwimmer […] zu Hause jedoch sieht Paul das Meer mit geschlossenen Augen jederzeit, grau und abwegig, an seinem Saum überholt er berühmte Seevögel und er betritt das Meer auf seiner Lieblingsbuhne, wo kurze Wellen übereinanderlecken und er der letzte ist, der vor der Flut kehrt macht. […] Kehrtmachen will er nicht mehr. […] Beim schönen Sport des Ertrinkens wendet er Sprung und Stil zurückgeworfener, fast toter Fische an, also etwa den der ungenießbaren Knurrhähne, ins Meer, grau und abwegig, während Schnee fällt. Vorläufig geschieht das in Pauls Bett, eine Vorsichtsmaßnahme und ein Provisorium, durch welche die Erziehungsberechtigten in ganz falscher Sicherheit gewiegt werden.“

Rezeption und Interpretation

Gabriele Wohmann war in den 1970er und 1980er Jahren eine erfolgreiche, viel gelesene Autorin und gilt als eine der bedeutendsten Repräsentantinnen der Kurzgeschichte in Deutschland. Nach Reich-Ranickis Einschätzung, gibt es im „Bereich der Kurzgeschichte […] im ganzen deutschen Sprachraum nur sehr wenige Schriftsteller, die Gabriele Wohmann auch nur gleichkommen“. Scheidgen und Krause schließen sich diesem Urteil an: „Sie gilt unbestritten als die beste Autorin in der Beherrschung der Kurzgeschichte“, bzw. als „Königin der Kurzgeschichte“.

Literaturkritiker zählen wesentliche Teile von Wohmanns Werk der Neuen Innerlichkeit und teils thematisch der Frauenbewegung zu. Viele ihrer Romane und Erzählungen handeln von Familien- und Paarbeziehungen (Der Schwan, Wenn der Wolf geht, Ländliches Fest, Der Antrag) und von der Situation des Kindes in der Welt der Erwachsenen, z. B. Die Klavierstunde, Paulinchen war allein zu Haus, Sonntag bei den Kreisands, Ich Sperber und Muränenfang, den Bingel in das Kapitel Verwundbare Kindheit seiner Erzählsammlung aufgenommen hat: „Das Kind ist der Angst, der Bedrohung, dem Unverständnis von seiten der Erwachsenen ausgesetzt“. Diese Interpretation kann auf den Knurrhahn-Stil übertragen werden.

Zwar sind zu Wohmanns Hunderten von Erzählungen und Kurzgeschichten nur wenige Einzelrezensionen bekannt, aber es gibt zahlreiche Untersuchungen zu ihren Themen und Stilmerkmalen, die auch auf die zuerst 1968 im Sammelband „Ländliches Fest“ veröffentlichte Erzählung Der Knurrhahn-Stil zutreffen: Die „zentrale Situation […] ist das Beziehungsgefüge in der Familie oder in Kleingruppen, wobei sich die Konstellationen, jeweils nur leicht verändert, wiederholen“. Wohmanns Texte setzen sich „aus minutiös beschriebenen Kleinszenen oder Dialogen zusammen, die genaue Beobachtung ersetzt die klärende Reflexion“. Die Analyse der Verhältnisse von Menschen untereinander habe die Autorin bei Tschechow gelernt, seine ruhige Art der Konfliktbeschreibung sei auch die ihre. Als „Diagnostikerin des privaten Alltags“ könne man sie mit der Kanadierin Munro, dem Amerikaner Updike oder der Engländerin Simpson vergleichen.

Hinck verweist in seiner Untersuchung auf Bergsdorfs („Die ganz normale Katastrophe des Alltäglichen“) Bemerkung, dass sich Wohmann auf die Wirklichkeit nicht politisch agitierend, sondern psychologisch sondierend einlässt und führt weiter aus, Wohmanns Feld sei, wenn sie sich mit „der Rolle der Frau und mit den Fragen der Erziehung“ auseinandersetze, nicht „die Gesellschaftskritik, die auf durchgreifende Änderungen dringt, sondern die Enthüllung zwischenmenschlicher Unstimmigkeiten und menschlicher Unzulänglichkeiten“. Wohmann betreibe „keine Denunziation, sondern Nachbarschafts-Diagnose, die insgeheim und ganz ohne moralische Appelle auf therapeutische Wirkung setzt“.

Nach Eichmann-Leutenegger trifft Wohmanns Blick, der oft als „böser Blick“ bezeichnet worden sei, in ihren psychologischen Skizzen ungemein scharf. Ihre Diagnose falle „bissig“ aus, „jeder noch so unscheinbare Tic“ gerate ans Tageslicht.

In Der Knurrhahn-Stil verbindet die Autorin eine Alltagshandlung, aus der Pubertät Pauls, mit dem von ihm empfundenen Zwangsapparates des Sportunterrichts und der Erwartung der Eltern im Gegensatz zu seiner Traumwelt. Rötzers Beschreibung Wohmanns kann auf den Knurrhahn-Stil übertragen werden: „Viele Gestalten sind Projektionen des eigenen Konflikts der Autorin: Sie durchschaut die antiintellektuelle Bürgerlichkeit, aber sie kann nicht das Stützkorsett bürgerlicher Lebensformen und Sozialordnungen ablegen.“

In einem Interview widerspricht Wohmann dem Bild von ihr als unpolitische Autorin: „[D]ass Politik wichtig ist und in meinem Leben eine große Rolle spielt, sollte man schon merken. Kritiker haben mich oft festgelegt auf »kleine Alltagsnöte in unserem kleinen Alltag«. Aber auch in den Alltagsgeschichten spielt ja etwa Erziehung eine Rolle – das ist ja nun nicht unpolitisch. Politisch sein, kann ja auch bedeuten, nicht mit allem einverstanden zu sein.“

Veröffentlichungen

Der Knurrhahn-Stil. Entstehungsjahr: 1966. Zuerst 1968 in Ländliches Fest und andere Erzählungen, dann in verschiedenen Sammelbänden erschienen:

Anmerkungen

  1. ↑ in der Sammlung Ländliches Fest
  2. ↑ GabrieleWohmann: Der Knurrhahn-Stil. In: Gabriele Wohmann. Ausgewählte Erzählungen aus zwanzig Jahren, Band 2. (Auswahl: Thomas Scheuffelen). Hermann Luchterhand Verlag Darmstadt und Neuwied (SL 297), 1979, S. 128.
  3. ↑ Gabriele Wohmann: Der Knurrhahn-Stil. In: Gabriele Wohmann. Ausgewählte Erzählungen aus zwanzig Jahren, Band 2. (Auswahl: Thomas Scheuffelen). Hermann Luchterhand Verlag Darmstadt und Neuwied (SL 297), 1979, S. 129.
  4. ↑ Gabriele Wohmann: Der Knurrhahn-Stil. In: Gabriele Wohmann. Ausgewählte Erzählungen aus zwanzig Jahren, Band 2. (Auswahl: Thomas Scheuffelen). Hermann Luchterhand Verlag Darmstadt und Neuwied (SL 297), 1979, S. 131.
  5. ↑ Gabriele Wohmann: Der Knurrhahn-Stil. In: Gabriele Wohmann. Ausgewählte Erzählungen aus zwanzig Jahren, Band 2. (Auswahl: Thomas Scheuffelen). Hermann Luchterhand Verlag Darmstadt und Neuwied (SL 297), 1979, S. 128.
  6. ↑ Gabriele Wohmann: Der Knurrhahn-Stil. In: Gabriele Wohmann. Ausgewählte Erzählungen aus zwanzig Jahren, Band 2. (Auswahl: Thomas Scheuffelen). Hermann Luchterhand Verlag Darmstadt und Neuwied (SL 297), 1979, S. 129.
  7. ↑ Gabriele Wohmann: Der Knurrhahn-Stil. In: Gabriele Wohmann. Ausgewählte Erzählungen aus zwanzig Jahren, Band 2. (Auswahl: Thomas Scheuffelen). Hermann Luchterhand Verlag Darmstadt und Neuwied (SL 297), 1979, S. 132, 133.
  8. ↑ Gabriele Wohmann: Der Knurrhahn-Stil. In: Gabriele Wohmann. Ausgewählte Erzählungen aus zwanzig Jahren, Band 2. (Auswahl: Thomas Scheuffelen). Hermann Luchterhand Verlag Darmstadt und Neuwied (SL 297), 1979, S. 133, 134.
  9. ↑ Marcel Reich-Ranicki: Bitterkeit ohne Zorn. In: zeit.de. 21. Juli 1967
  10. ↑ Ilka Scheidgen: Fünfuhrgespräche. Zu Gast bei Günter Grass, Peter Härtling, Herta Müller, Peter Rühmkorf, Dorothee Sölle, Arnold Stadler, Carola Stern, Martin Walser, Gabriele Wohmann, Eva Zeller, Kaufmann. Lahr, 2008, S. 178.
  11. ↑ Tilman Krause: Die Gréco an der Schreibmaschine. In: welt.de. 19. Mai 2012
  12. ↑ Horst Bingel: Nachwort. In: Horst Bingel (Hrsg.): Deutsche Prosa. Erzählungen seit 1945. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1965, S. 379.
  13. ↑ Hans Gerd Rötzer: Geschichte der deutschen Literatur. Epochen Autoren Werke. C. C. Buchners Verlag Bamberg, 1992, S. 455.
  14. ↑ Jörg Sundermeier: Nachruf Gabriele Wohmann. Die begnadete Vielschreiberin. taz, 24. Juni 2015 https://taz.de/Nachruf-Gabriele-Wohmann/!5206651/
  15. ↑ Eichmann-Leutenegger: Diagnostikerin des privaten Alltags. Zum 80. Geburtstag von Gabriele Wohmann. https://media.herder.de/files/0003366948_0001-id-9597.pdf
  16. ↑ Walter Hinck: Gabriele Wohmann zum Siebzigsten Rebellion gegen die Behaglichkeit. https://www.theologie-und-kirche.de/gabriele-wohmann.html
  17. ↑ Beatrice Eichmann-Leutenegger: Diagnostikerin des privaten Alltags Zum 80. Geburtstag von Gabriele Wohmann. https://media.herder.de/files/0003366948_0001-id-9597.pdf.
  18. ↑ Hans Gerd Rötzer: Geschichte der deutschen Literatur. Epochen Autoren Werke. C. C. Buchners Verlag Bamberg, 1992, S. 455.
  19. ↑ Georg Magirius in Publik-Forum, Zeitung kritischer Christen, 13. Februar 2009. https://www.theologie-und-kirche.de/gabriele-wohmann.html
  20. ↑ https://doczz.net/doc/5907041/sämtliche-erzählungen-von-gabriele-wohmann