Ich Sperber

Ich Sperber ist der Titel einer 1966 veröffentlichten Erzählung von Gabriele Wohmann. Sie handelt von einem kleinen Jungen, dessen Phantasiewelt die Alltagsrealität überlagert und der sich mit einem Sperber identifiziert.

Inhalt

Die im Präsens verfasste Geschichte handelt von einem kleinen Jungen in einer psychischen Grenzsituation zwischen einer nicht akzeptierten Realität und seiner Phantasie.

Als ihn die neue Lehrerin nach seinem Namen fragt, antwortet der Junge, er heiße Sperber, einfach Sperber ohne Vor- und Familienname. Die Klasse erklärt, er sei verrückt und halte sich für einen Vogel.

Der Junge sitzt in der letzten Bankreihe und schaut aus dem Fenster. Er beobachtet auf dem „Götterbaumast“ die Vögel, die Meisen, einen wippenden Star, einen Grünling, und denkt darüber nach, den kleinen Vögeln einen Futterplatz einzurichten mit lebenden Insekten, um den Sperber aus dem „Stechfichtenversteck“ anzulocken, jetzt schon im Herbst oder erst im Frühling. Alles müsse genau vorbereitet werden: „Man wird für ihn töten müssen, das wird nötig sein. […] Der Garten muss voller Vögel sein, voller Schlafbüsche und Mäuseschlupfwinkel. Der Sperber wird den Tisch gedeckt finden.“

Der Lehrerin ist es unerklärlich, dass das liebe und brave Kind „ausgerechnet so ein böser Raubvogel“ sein will und begleitet den Jungen zu seiner Mutter. Diese breitet bei seiner Ankunft ihre Arme aus, „pappt […] Küsse auf seine weiße Backe“ und ruft: „Komm hereingeflogen […] Du bist doch mein lieber kleiner Fink, meine winzige Meise“. Doch der Junge antwortet:

„Nein, alle kleinen Vögel, alle Mäuse und Insekten werde ich töten, ich Sperber.“

Rezeption und Interpretation

Gabriele Wohmann war in den 1970er und 1980er Jahren eine erfolgreiche, viel gelesene Autorin und gilt als eine der bedeutendsten Repräsentantinnen der Kurzgeschichte in Deutschland. Nach Reich-Ranickis Einschätzung gibt es im „Bereich der Kurzgeschichte […] im ganzen deutschen Sprachraum nur sehr wenige Schriftsteller, die Gabriele Wohmann auch nur gleichkommen“. Scheidgen und Krause schließen sich diesem Urteil an: „Sie gilt unbestritten als die beste Autorin in der Beherrschung der Kurzgeschichte“ bzw. als „Königin der Kurzgeschichte“.

Literaturkritiker rechnen wesentliche Teile von Wohmanns Werk der Neuen Innerlichkeit und teils thematisch der Frauenbewegung zu. Viele ihrer Romane und Erzählungen handeln von Familien- und Paarbeziehungen (Der Schwan, Wenn der Wolf geht, Ländliches Fest, Der Antrag) und von der Situation des Kindes in der Welt der Erwachsenen, z. B. Die Klavierstunde, Paulinchen war allein zu Haus, Sonntag bei den Kreisands, Der Knurrhahn-Stil und Muränenfang, den Bingel in das Kapitel Verwundbare Kindheit seiner Erzählsammlung aufgenommen hat: „Das Kind ist der Angst, der Bedrohung, dem Unverständnis von seiten der Erwachsenen ausgesetzt“. Diese Interpretation kann auf Ich Sperber übertragen werden.

Zwar sind zu Wohmanns Hunderten von Erzählungen und Kurzgeschichten nur wenige Einzelrezensionen bekannt, aber es gibt zahlreiche Untersuchungen zu ihren Themen und Stilmerkmalen, die auch auf die zuerst 1966 im Sammelband „Erzählungen“ veröffentlichte Erzählung Ich Sperber zutreffen: Die „zentrale Situation […] ist das Beziehungsgefüge in der Familie oder in Kleingruppen, wobei sich die Konstellationen, jeweils nur leicht verändert, wiederholen“. Wohmanns Texte setzen sich „aus minutiös beschriebenen Kleinszenen oder Dialogen zusammen, die genaue Beobachtung ersetzt die klärende Reflexion“. Die Analyse der Verhältnisse von Menschen untereinander habe die Autorin bei Tschechow gelernt, seine ruhige Art der Konfliktbeschreibung sei auch die ihre. Als „Diagnostikerin des privaten Alltags“ könne man sie mit der Kanadierin Munro, dem Amerikaner Updike oder der Engländerin Simpson vergleichen.

Hinck verweist in seiner Untersuchung auf Bergsdorfs („Die ganz normale Katastrophe des Alltäglichen“) Bemerkung, dass sich Wohmann auf die Wirklichkeit nicht politisch agitierend, sondern psychologisch sondierend einlässt und führt weiter aus, Wohmanns Feld sei, wenn sie sich mit „der Rolle der Frau und mit den Fragen der Erziehung“ auseinandersetze, nicht „die Gesellschaftskritik, die auf durchgreifende Änderungen dringt, sondern die Enthüllung zwischenmenschlicher Unstimmigkeiten und menschlicher Unzulänglichkeiten“. Wohmann betreibe „keine Denunziation, sondern Nachbarschafts-Diagnose, die insgeheim und ganz ohne moralische Appelle auf therapeutische Wirkung setzt“.

Nach Eichmann-Leutenegger trifft Wohmanns Blick, der oft als „böser Blick“ bezeichnet worden sei, in ihren psychologischen Skizzen ungemein scharf. Ihre Diagnose falle „bissig“ aus, „jeder noch so unscheinbare Tic“ gerate ans Tageslicht.

In Ich Sperber verbindet die Autorin eine Alltagssituation, die im Gegensatz zur Traumwelt des Kindes steht und von diesem nicht akzeptiert wird. Rötzers Beschreibung Wohmanns trifft auch für Ich Sperber zu: „Viele Gestalten sind Projektionen des eigenen Konflikts der Autorin: Sie durchschaut die antiintellektuelle Bürgerlichkeit, aber sie kann nicht das Stützkorsett bürgerlicher Lebensformen und Sozialordnungen ablegen.“

In einem Interview widerspricht Wohmann dem Bild von ihr als unpolitische Autorin: „[D]ass Politik wichtig ist und in meinem Leben eine große Rolle spielt, sollte man schon merken. Kritiker haben mich oft festgelegt auf ‚kleine Alltagsnöte in unserem kleinen Alltag‘. Aber auch in den Alltagsgeschichten spielt ja etwa Erziehung eine Rolle – das ist ja nun nicht unpolitisch. Politisch sein, kann ja auch bedeuten, nicht mit allem einverstanden zu sein.“

Veröffentlichungen

Ich Sperber. 1959 entstanden und 1966 in Erzählungen, dann in verschiedenen Sammelbänden veröffentlicht:

Anmerkungen

  1. ↑ in der Sammlung Erzählungen bei Langewiesche-Brandt, München
  2. ↑ Gabriele Wohmann: Ich Sperber. In: Gabriele Wohmann. Ausgewählte Erzählungen aus zwanzig Jahren, Band 1. (Auswahl: Thomas Scheuffelen). Hermann Luchterhand Verlag Darmstadt und Neuwied (SL 297), 1979, S. 118.
  3. ↑ Gabriele Wohmann: Ich Sperber. In: Gabriele Wohmann. Ausgewählte Erzählungen aus zwanzig Jahren, Band 1. (Auswahl: Thomas Scheuffelen). Hermann Luchterhand Verlag Darmstadt und Neuwied (SL 297), 1979, S. 119.
  4. ↑ Marcel Reich-Ranicki: Bitterkeit ohne Zorn. In: zeit.de. 21. Juli 1967
  5. ↑ Ilka Scheidgen: Fünfuhrgespräche. Zu Gast bei Günter Grass, Peter Härtling, Herta Müller, Peter Rühmkorf, Dorothee Sölle, Arnold Stadler, Carola Stern, Martin Walser, Gabriele Wohmann, Eva Zeller, Kaufmann. Lahr, 2008, S. 178.
  6. ↑ Tilman Krause: Die Gréco an der Schreibmaschine. In: welt.de. 19. Mai 2012
  7. ↑ Horst Bingel: Nachwort. In: Horst Bingel (Hrsg.): Deutsche Prosa. Erzählungen seit 1945. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1965, S. 379.
  8. ↑ Hans Gerd Rötzer: Geschichte der deutschen Literatur. Epochen Autoren Werke. C. C. Buchners Verlag Bamberg, 1992, S. 455.
  9. ↑ Jörg Sundermeier: Nachruf Gabriele Wohmann. Die begnadete Vielschreiberin. taz, 24. Juni 2015 https://taz.de/Nachruf-Gabriele-Wohmann/!5206651/
  10. ↑ Eichmann-Leutenegger: Diagnostikerin des privaten Alltags. Zum 80. Geburtstag von Gabriele Wohmann. https://media.herder.de/files/0003366948_0001-id-9597.pdf
  11. ↑ Walter Hinck: Gabriele Wohmann zum Siebzigsten Rebellion gegen die Behaglichkeit. https://www.theologie-und-kirche.de/gabriele-wohmann.html
  12. ↑ Beatrice Eichmann-Leutenegger: Diagnostikerin des privaten Alltags Zum 80. Geburtstag von Gabriele Wohmann. https://media.herder.de/files/0003366948_0001-id-9597.pdf.
  13. ↑ Hans Gerd Rötzer: Geschichte der deutschen Literatur. Epochen Autoren Werke. C. C. Buchners Verlag Bamberg, 1992, S. 455.
  14. ↑ Georg Magirius in Publik-Forum, Zeitung kritischer Christen, 13. Februar 2009. https://www.theologie-und-kirche.de/gabriele-wohmann.html
  15. ↑ https://doczz.net/doc/5907041/sämtliche-erzählungen-von-gabriele-wohmann