Digital Design als ganzheitlichen Designansatz in Anlehnung an das historische Bauhaus zu konzipieren und als Berufsbild zu etablieren, ist im deutschsprachigen Raum maßgeblich auf eine Initiative des deutschen Branchenverbands Bitkom im Jahr 2017 zurückzuführen. Diese Initiative steht in einem engen Zusammenhang mit der klima- und kulturpolitischen Initiative Neues Europäisches Bauhaus der Europäischen Kommission.
Mit Digital Design sollen spezialisierte Designdisziplinen um eine Disziplin zur integrierten Gestaltung – vergleichbar mit Architektur, Stadtplanung oder Industrie/Produktdesign – erweitert werden. Dadurch soll insbesondere die Notwendigkeit einer ganzheitlichen Perspektive zur nachhaltigen Gestaltung der „digitalen Welt“ unterstrichen werden.
Mit Digital Design wird in Anlehnung an die Konzeption des historischen Bauhaus ein ganzheitlicher Gestaltungsansatz angestrebt, der sämtliche Fähigkeiten und Vorgehensweisen umfassen soll, die für die Gestaltung der Digitalen Transformation der Gesellschaft und die Realisierung digitaler Lösungen erforderlich sind. Dahinter steht die Vorstellung des Digitalen (Information, digitale Daten, Algorithmen und Hardware) als „Material“ zur Konzeption und Realisierung digitaler Lösungen für soziale, kulturelle und ökonomische Aufgaben im digitalen Zeitalter.
Vorgeschichte
Die Notwendigkeit von Design bei der Konzeption und Realisierung digitaler Lösungen geht zurück auf Beiträge, die im Kontext der Softwareentwicklung von Christiane Floyd und Terry Winograd in den 1980er Jahren eingebracht wurden.
In den 1990er Jahren schlagen Terry Winograd mit „Bringing Design to Software“ und Gui Bonsiepe mit „Interface – An Approach to Design“ aus zwei entgegengesetzten Richtungen wichtige Brücken zwischen Design und Informatik. Zudem vertiefte sich der Diskurs, inwiefern Softwareentwicklung nicht nur als Ingenieurwissenschaft, sondern auch als Designwissenschaft verstanden werden sollte.
Der schwedische Medienforscher und Designtheoretiker Pelle Ehn fordert 1998 in dem Manifesto for a Digital Bauhaus eine am Vorbild Bauhaus orientierte neue Synthese von „art and technology“ für das 21. Jahrhundert.
Seit 2015 wird der Begriff Digital Design u.a. auch durch das britische Design Council und den IT-Analysten Gartner verwendet.
Mit dem Digital-Design-Manifest wurde 2018 die Notwendigkeit von Digital Design als Berufsbild und Profession formuliert, und von mehr als 450 Personen aus Wirtschaft und Wissenschaft unterzeichnet. Das Manifest postulierte den Gedanken, dass es bisher keine ganzheitliche Gestaltungsprofession für die Digitalisierung gäbe, eine solche aber dringend nötig sei, um das volle Potential der Digitalisierung erschließen zu können. In der Folge wurde eine solche eigenständige und selbstbewusste Profession auch aus der Praxis gefordert und in seiner Funktion als „Wandler zwischen den Welten“ diskutiert.
Digital Design wird als Pi-Shape Kompetenzprofil mit tiefer Design- und Digitalkompetenz sowie breiter Querschnittskompetenz beschrieben. Dieses Kompetenzprofil soll zu einem systemischen Design-Denken befähigen, das sich flexibel zwischen sozialen, wirtschaftlichen und technischen Perspektiven bewegt und Nachhaltigkeit als übergreifende Perspektive einnimmt.
Designkompetenz
Der Schwerpunkt Designkompetenz umfasst die Integration von Design und Design Thinking in stark digital geprägte Prozesse (Konzeption und Realisierung) für digitale Lösungen. Wesentliche Aspekte hierbei sind der konzeptionelle Entwurfsprozess und die Anwendung von Prototypen als Entwurfs- und Evaluierungswerkzeuge.
Digitalkompetenz
Der Schwerpunkt Digitalkompetenz umfasst das Wissen um die Potentiale von Hardware und Software, Interaktionsformen zwischen Mensch und Technik, sowie die Konstruktion (technische Architektur) von digitalen Lösungen. Eine zentrale Rolle nimmt dabei das Wissen um Möglichkeiten und Grenzen von Algorithmen ein.
Im Zentrum des Konzepts für das angestrebte neue Berufsbild Digital Design steht neben Designkompetenz und Querschnittskompetenz der Anspruch Digitalkompetenz mit dem umstrittenen Leitgedanken „Digital als Material“. Die zunehmende Bedeutung von „KI als Material“ wird dabei nicht thematisiert. Auch der wachsende Einfluss von algorithmischen Prozessen auf den gesellschaftlichen Diskurs wird kaum kritisch reflektiert.
Die Digitalkompetenz von (Digital) Designern dürfte sich vor allem im Computational Thinking, im Wissen über Möglichkeiten und Grenzen von Datenstrukturen und Algorithmen, sowie in Kenntnissen über die Gestaltung komplexersoziotechnischer (KI-)Systeme manifestieren. Inwieweit Studiengänge, die sich am Paradigma des historischen Bauhauses orientieren über das hinausgehen, was etablierte spezialisierte Design-Studiengänge bereits leisten, ist aktuell noch unklar.
Lars C. Grabbe (Hrsg.): Designforschung und KI. Ästhetische Transformation im Zeitalter artifizieller Systeme, Springer VS 2025. ISBN 978-3-658-49797-2.
Wei Ding, Xia Lin, Michael Zarro: Information Architecture and UX Design. The Integration of Information Spaces, Springer 2025. ISBN 978-3-031-72137-3.
Kim Lauenroth: Basiswissen Digital Design - Konzepte und Werkzeuge für die ganzheitliche Gestaltung digitaler Lösungen und Systeme, dpunkt.verlag 2024. ISBN 978-3-98889-000-9.
Laura S. Scherling (Hrsg.): Digital Transformation in Design. Processes and Practices, transcript 2024.
Diana Olynick: Interfaceless. Conscious Design for Spatial Computing with Generative AI. Apress 2024.
Jan Willmann: Design im Digitalen Zeitalter. Entwurf, Werkzeug, Epistemologie, in: Lars C. Grabbe, Tobias Held (Hrsg.): Designforschung und Designwissenschaft. Methoden und Theorien gestalterischer Episteme, Springer VS 2024, ISBN 978-3-658-45252-0.
Chengli Hu: An Introduction to Software Design. Concepts, Principles, Methodologies, and Techniques. Springer 2023, ISBN 978-3-031-28310-9.
Stephen J. Eskilson: Digital Design. A History, Princeton University Press 2023.
Benjamin Vogt: Gestaltung in virtuellen Welten. Interaktion, Kommunikation und die Bedeutung der Linie. transcript 2023.
Manuele Kirsch Pinheiro, Carine Souveyet, Philippe Roose, Luize Angelo Steffenel (Hrsg.): The Evolution of Pervasive Information Systems. Springer 2023.
Martina Beck, Dominik Birkmeier: Digital Design in der Praxis – Der Weg zur Akzeptanz. In: Bitkom: Jahrbuch Digital Design 2022. Bitkom, Berlin 2022
Kim Lauenroth: From Design Thinking in Software Engineering to Digital Design as a New Profession: An Essay on Methods and Professions for Shaping Digital Solutions and Systems. In: Design Thinking for Software Engineering. Springer, 2022. S. 61–72.
Christoph Borbach, Max Kanderske (Hrsg.): Navigieren. Zugänge zu Medien und Praktiken der Raumdurchquerung. Universität Siegen: Navigationen. Zeitschrift für Medien- und Kulturwissenschaften Jg. 22, H. I 2022. (Link)
Marc Engenhart, Sebastian Löwe: Design und künstliche Intelligenz. Theoretische und praktische Grundlagen der Gestaltung mit maschinell lernenden Systemen. Birkhäuser 2022.
Georg Vrachliotis: The New Technological Condition: Architecture and Design in the Age of Cybernetics. Birkhäuser 2022.
Volker Lang: Digitale Kompetenz: Grundlagen der Künstlichen Intelligenz, Blockchain-Technologie, Quanten-Computing und deren Anwendung für die digitale Transformation. Springer Vieweg 2022.
Christian Bauer, Judith-Frederike Popp, Gerhard Schweppenhäuser (Hrsg.): Aufklärung durch Gestaltung in digitalen Umwelten. Würzburger Beiträge zur Designforschung. Springer VS 2021.
Jennifer Forestal: Designing for Democracy: How to Build Community in Digital Environments, Oxford University Press 2021.
Luciano Floridi, Josh Cowls, Thomas C. King, Mariarosaria Taddeo: How to Design AI for Social Good: Seven Essential Factors, in: Science and Engineering Ethics (2020) 26:1771-1796.
2010s:
Katharina Spraul (Hrsg.): Nachhaltigkeit und Digitalisierung. Wie digitale Innovationen zu den Sustainable Development Goals beitragen. Nomos 2019.
Stéphane Vial: Being and the Screen. How the Digital Changes Perception - A Short Treatise on Design. The MIT Press 2019.
Andreas Dohmen: Wie digital wollen wir leben? Die wichtigste Entscheidung für unsere Zukunft. Patmos-Verlag 2019.
David Gilbert: Konzeption in der Krise. In: Designreport. Nr. 2, 2019. Rat für Formgebung, Frankfurt 2019.
Nicholas Diakopoulos: Automating the News. How Algorithms are Rewriting the Media. Harvard University Press 2019.
Johan Redström, Heather Wiltse: Changing Things. The Future of Objects in a Digital World. Bloomsbury Visual Arts 2018.
M. Morris Mano, Michael D.Ciletti: Digital Design. With an Introduction to the Verilog HDL, VHDL and System Verilog, Sixth edition. Pearson 2018.
Anabel Ternès, Hans-Peter Hagemes: Die Digitalisierung frisst ihre User. Der digitale Wahnsinn und wie wir ihn beherrschen. Springer 2018.
Michael Buckland: Information and Society. The MIT Press 2017.
Molly Wright Steenson: Architectural Intelligence. How Designers and Architects Created the Digital Landscape. The MIT Press 2017.
Julia-Constance-Dissel (Hrsg.): Design & Philosophie. Schnittstellen und Wahlverwandtschaften. transcript 2016.
Michael Bhaskar: Curation. The Power of Selection in a World of Excess. Piatkus 2016.
Luciano Floridi (Hrsg.): The Online Manifesto. Being Human in a Hyperconnected World. Springer Open 2015.
Andrew Hinton: Understanding Context. Environment, Language, and Information Architecture. O’Reilly 2015.
Oliver Vogt: Codes. Schlüssel zur Gestaltung. in: Yana Milev (Hrsg.): Der erweiterte Designbegriff im Entwurfsfeld der Kulturwissenschaft. Wilhelm Fink 2013.
Lars Erik Holmquist: Grounded Innovation. Strategies for Creating Digital Products. Morgan Kaufman 2012.
Rob Kitchin, Martin Dodge: Code/Space. Software and Everyday Life. The MIT Press 2011.
Donald Norman: Living with Complexity. The MIT Press 2010.
Ina Wagner, Tone Bratteteig, Dagny Stuedahl (Hrsg.): Exploring Digital Design. Multi-Disciplinary Design Practices. Springer 2010.
Frederick P. Brooks Jr: The Design of Design. Essays of a Computer Scientist. Addison-Wesley 2010.
2000s:
Kim Goodwin: Designing for the Digital Age. How to Create Human-centered Products and Services. Wiley 2009
Thomas Binder, Jonas Löwgren, Lone Malmborg (Hrsg.): (Re)Searching the Digital Bauhaus. Springer 2009.
Steven Heller, David Womack: Becoming a Digital Designer. A Guide to Careers in Web, Video, Broadcast, Game and Animation Design. John Wiley 2007.
Tomás Maldonado: Digitale Welt und Gestaltung. Ausgewählte Schriften herausgegeben und übersetzt von Gui Bonsiepe. Birkhäuser 2007.
Tristan Thielmann, Jens Schröter (Hrsg.): Display II – digital. Universität Siegen: Navigationen. Zeitschrift für Medien- und Kulturwissenschaften Jg. 7, H. 2, 2007. (Link)
Tristan Thielmann, Jens Schröter (Hrsg.): Display I – analog. Universität Siegen: Navigationen. Zeitschrift für Medien- und Kulturwissenschaften Jg. 6, H. 2, 2006. (Link)
Antti Pirhonen, Pertti Saariluoma, Hannakaisa Isomäki, Chris Roast (Hrsg.): Future Interaction Design. Springer 2005.
Malcolm McCullough: Digital Ground. Architecture, Pervasive Computing and Environmental Knowing. The MIT Press 2004.
Earl Morrogh: Information Architecture. An Emerging 21st Century Profession. Pearson 2002.
Neal Leach (Hrsg.): Designing for a Digital World. Wiley-Academy 2002.
1990s:
Pelle Ehn: Manifesto for a Digital Bauhaus, in: Digital Creativity 1998, Vol. 9, No. 4 pp. 207-216.
Peter Morville, Louis Rosenfeld: Information Architecture for the World Wide Web, O’Reilly 1998.
Peter Zec: Design goes virtual. Entwürfe zur Ästhetik in der Informationsgesellschaft. Design Zentrum Nordrhein-Westfalen 1996.
Terry Winograd (Hrsg.): Bringing Design to Software. Addison-Wesley Publishing Company 1996.
Gui Bonsiepe: Interface. Design neu begreifen. Bollmann Verlag 1996.
James Brook, Ian Boal (Hrsg.): Resisting the Virtual Life. The Culture and Politics of Information. City Lights Books 1995.
Theodore Roszak: The Cult of Information. A Neo-Luddite Treatise on High-Tech, Artificial Intelligence and the True Art of Thinking. The University of California Press 1994.
Arnica-Verena Langenmaier (Hrsg.): Das Verschwinden der Dinge. Neue Technologien und Design. Design Zentrum München 1993.
Marco Diani (Hrsg.): The Immaterial Society. Design, Culture and Technology in the Postmodern World. Prentice Hall 1992.
Vor 1990:
John Thackara: Design after Modernism. Beyond the Object. Thames and Hudson 1989.
Terry Winograd, Fernando Flores: Understanding Computers and Cognition. A New Foundation for Design. Ablex Publishing Corporation 1986.
Donald Norman, Stephen W. Draper: User centered System Design. New Perspectives on Human-computer Interaction. CRC Publishing 1986.
Robert L. Barber: Software Reflected. The Socially Responsible Programming of Our Computers. North-Holland Publishing Company 1982.
↑Anke Haarman:Zum erweiterten Designbegriff. In: Daniel Martin Feige, Florian Arnold, Markus Rautzenberg (Hrsg.): Philosophie des Designs. Schriftenreihe des Weißenhof-Instituts zur Architektur- und Designtheorie. transcript, 2020, S.215–228.
↑Luciano Floridi:Die 4. Revolution - Wie die Infosphäre unser Leben verändert. Suhrkamp, 2015.
↑Luciano Floridi (Hrsg.):The Online Manifesto. Being Human in a Hyperconnected Era. Springer Open, 2015, ISBN 978-3-319-04092-9.
↑Christine Floyd:Softwareentwicklung als Realitätskonstruktion. In: Wolfram-M. Lippe (Hrsg.): Software-Entwicklung. Konzepte, Erfahrungen, Perspektiven – Fachtagung, veranstaltet vom Fachausschuss 2.1 der GI Marburg, 21. - 23. Juni 1989, Proceedings. Springer, 1989, S.1-20.
↑Terry Winograd, Fernando Flores:Understanding Computers and Cognition. A New Foundation for Design. Ablex Publishing Corporation, 1986.
↑Terry Winograd (Hrsg.):Bringing Design to Software. ACM Press, 1996 ().
↑Gui Bonsiepe:Interface - An Approach to Design. Jan van Eyck Akademie, 1999.
↑Schulz-Schaeffer, Ingo:Software-Entwicklung zwischen Ingenieur- und Design-Wissenschaft. In: Hellige, Hans Dieter (Eds) Technikleitbilder auf dem Prüfstand. Leitbild-Assessment aus Sicht der Informatik- und Computergeschichte. Hrsg.: Edition Sigma. 1996.
↑Pelle Ehn:Manifesto for a Digital Bauhaus. In: Digital Creativity. Volume 9, No. 4, 1998, S.207–217.
↑Nelson, Harold G.; Stolterman, Erik:The design way: Intentional change in an unpredictable world. Hrsg.: MIT press. 2014.
↑Digitale Kompetenzen.Bayerisches Forschungsinstitut für Digitale Transformation (bidt),abgerufen am 4.Juli 2023.
↑Agnieszka Maria Walorska:Antizipative Nutzererfahrungen. Wie aus Daten Erfahrungen entstehen. In: H. Fischer, A. Endmann, M. Krökel (Hrsg.): Mensch und Computer 2015 – Usability Professionals. De Gruyter, 2015, ISBN 978-3-11-044332-5, S.61–71(OpenAccess).
↑Maja van der Velden:Digitalisation and the UN Sustainable Development Goals. What Role for Design? In: Interaction Design and Architecture(s) Journal - IxD&A. N. 37, 2018, S.160–174.
↑Peter J. Denning, Matti Tedre:Computational Thinking. The MIT Press, 2019, ISBN 978-0-262-53656-1.
↑Donald A. Norman, Pieter Jan Stappers:DesignX: Complex Sociotechnical Systems. In: She Ji. The Journal of Design, Economics, and Innovation. Volume 1, Issue 2, 2015, S.83-106.
↑Soziotechnische Analyse und Gestaltung von Virtualisierungsprozessen. Ein Fallbeispiel zur virtuellen Inbetriebnahme. In: GIO. Zeitschrift für Angewandte Organisationspsychologie. Volume 51, Issue 1. Springer, 2020, S.81-93.
↑Katharina Gimbel:(Zer-)Denken: Bauhaus-Pädagogik in Gegenwart digitaler Transformationen. In: Anne Höhl, André Schütte, Phillip D.Th. Knobloch, Sara Hornäk, Susanne Henning, Katharina Gimbel (Hrsg.): bauhaus-paradigmen. künste, design und pädagogik. De Gruyter, 2021, ISBN 978-3-11-072696-1.