Dux Scythiae

Heerführer der Comitatenses und Limitanei im 5. Jahrhundert n. Chr.
Notitia dignitatum, Kastelle unter dem Befehl des Dux Scythiae: Flaviana, Capidava, Bireo, Cii, Arubio, Aegissos, Thalamonio (beachte, dass all diese Orte in Wirklichkeit am Südufer der Donau lagen
Karte des skythischen Limes
Karte der Diözese Thrakien um 400 n. Chr.

Der Dux Scythiae (Heerführer der Skythen) war in der Spätantike der Oberbefehlshaber der Grenztruppen in der oströmischen Provinz Scythia Minor (die heutige Dobrudscha in Rumänien und Bulgarien).

Funktion

Der Donaulimes war größtenteils eine Flussgrenze (ripae). Aufgabe des dux war die Sicherung des unteren Donaulimes und des Donaudeltas. Zu seinen Pflichten gehörten die Instandhaltung der Grenzanlagen, die Abwehr von Invasionen (insbesondere durch gotische oder hunnische Stämme) sowie die Rekrutierung und Gerichtsbarkeit über seine Truppenverbände. Die meisten skythischen Kastelle standen am Südufer der Donau. Die mit Abstand wichtigste historische Quelle für dieses Amt ist die Notitia Dignitatum, ein römischer Staatsalmanach aus dem frühen 5. Jahrhundert, das u. a. die militärische Organisation und die Einheiten der Comites und Duces im West- und Ostreich auflistet. In der Notitia sind auch die Abbildungen der codicilli (Ernennungsurkunde) – und möglicherweise auch der libri mandatorum (Anweisungen des Kaisers) – für die duces der Scythia Minor überliefert worden. Die duces trugen eine offizielle Amtstracht (chlamys und cingulum). Ihre Residenz befand sich wahrscheinlich in der Provinzhauptstadt Tomis (Constanţa).

Entwicklung

Gegen Ende des 3. Jahrhunderts wurde unter Diokletian (284-305) in der Scythia Minor erstmals ein dux als Befehlshaber der Grenzschutzarmee eingesetzt. Sein direkter Vorgesetzter war der Magister militum per Thracias (Heermeister für Thrakien). Das Amt existierte vermutlich bis 536. In diesem Jahr übertrug Justinian I. (527-565) die militärische Führung der Donauregion auf einen quaestor Iustinianus exercitus – bis dahin nur der Vorstand der Zivilverwaltung in den Provinzen Moesia Secunda, Scythia Minor, Karien, den Kykladen und Zypern, mit Sitz in Odessos (Warna/BG) in der Moesia Secunda. Umstritten ist noch, ob das Amt des dux in Scythia Minor gegen Ende des 6. Jahrhunderts – im Zuge einer Verwaltungsreform – wieder reaktiviert wurde. Die byzantinische Herrschaft über die Scythia Minor endete in den 670er oder 680er Jahren.

Namentlich bekannte duces sind:

Stellung in der Reichshierarchie

Die duces der Scythia Minor trugen die selben Titel wie auch die anderen duces, die in Provinzen mit zivilen praeses als Statthalter das Militär befehligten. Auch ihre Besoldung und ihr Aufgabenbereich entsprachen denen anderer duces. Sie wurden in den Quellen als dux limitis provinciae Scythiae oder dux Scythiae bezeichnet. Alle duces zählten zu den honestiores und genossen einen Teil der damit verbundenen Privilegien. Zudem führten sie die mit ihrem Amt verbundenen Ehrentitel, an die einige Vorrechte und Pflichten gebunden waren. Jeder dux erhielt seinen Ehrentitel mit Übergabe der Ernennungsurkunde verliehen. Bis in die zweite Hälfte des 4. Jahrhunderts zählten sie zu den perfectissimi. Nach 386 galten sie als clarissimi und gehörten damit den Senatoren an. Zwei skythische duces trugen diesen Titel bereits um 370. Es wäre möglich, dass er als Auszeichnung oder Privileg nur an die Befehlshaber einer größeren Provinzarmee verliehen wurde. Spätestens seit dem Jahr 413 trugen die östlichen duces den Rang eines spectabilis, was einem mittleren Senatorenrang entsprach. Den höchsten Senatsrang, illustris, konnte ein dux nur im Zuge einer Auszeichnung für außergewöhnliche Leistungen erreichen. In einigen Inschriften aus dem 4. Jahrhundert werden die skythischen duces auch als Bewahrer der Ordnung (ordinibus Scythicis) bezeichnet.

Verwaltungsstab

Das Officium (Verwaltungsstab) des Dux umfasste folgende Ämter:

Truppen

Dem skythischen Dux unterstanden sowohl berittene Einheiten (Cunei equitum) als auch Infanterie (Auxilia) und Flottenverbände. Diese setzten sich aus verschiedenen Einheiten des Provinzheeres (limitanei) sowie seinem persönlichen Gefolge (buccellarii) zusammen; spätestens seit Ende des 5. Jahrhunderts kamen noch Abteilungen des mobilen Feldheeres (comitatenses, pseudocomitatenses) hinzu. Vermutlich unterstanden auch die dort stationierten Verbände der Verbündeten (foederati), mit Einschränkungen, der Befehlsgewalt des dux. Anzahl und Zusammensetzung der Provinzarmee veränderte sich im Laufe der Jahrhunderte markant. Die verheerende Niederlage der östlichen Armee gegen die Terwingen in der Schlacht von Adrianopel (378) erforderte zwingend eine umfassende Reorganisation der Reichsverteidigung an der unteren Donau. Die meisten der aus der Notitia dignitatum bekannten shythischen Limitanei oder Riparenses wurden dabei aufgerieben und konnten nur notdürftig durch andere Grenzschutzeinheiten und Abteilungen des Feldheeres ersetzt werden. Seit dieser Katastrophe nahm die Bedeutung der Foederati und die Anzahl der Comitatenses gegenüber den Limitanei noch weiter zu. Die skythischen Limitanei existierten dennoch bis in die Zeit von Justinian I., möglicherweise sogar noch etwas weiter darüber hinaus. Zwei kaiserliche Erlässe verpflichteten die duces von Skythien und Mösien, auch die Donauflotte und deren Stützpunkte instandzuhalten.

Distributio Numerorum

Die Notitia Dignitatum beinhaltet noch die alten Offiziersränge und Organisationsstrukturen aus der ersten Tetrarchie, die zumindest bis zum Zusammenbruch des Westreichs gültig blieben. In der Auflistung der dem Dux unterstellten Einheiten wird folgender Offiziersrang genannt:

Praefectus: Dieser Rang (= „mit der Verantwortung betraut“) bezeichnete in der spätrömischen Armee sowohl einen Kommandeur einer Kavallerie- oder Flotteneinheit (praefectus classis) als auch einer Infanteriekohorte. In der Kaiserzeit wurden dieser Rang den Kommandeuren der Hilfstruppenkohorten verliehen, die Offiziere der Kavallerieeinheiten bezeichnete man als praefecti equitum. In der mittleren Kaiserzeit befehligte ein Praefectus Kavallerieeinheiten verschiedener Stärke, ala quingenaria (500 Mann) und ala miliaria (1000 Mann). Letzteres kam eher selten vor. In diesem Fall stand ihr Präfekt rangmäßig über den anderen Hilfstruppenkommandanten. Er wurde meist von Angehörigen des Ritterstandes bekleidet, die zur römischen Oberschicht zählten und über den notwendigen Reichtum und Status verfügten, um größere Truppenkontingente zu befehligen. Während der chaotischen Zustände in der Mitte des 3. Jahrhunderts wurden die Aristokraten aus militärischen Positionen entfernt. Anstelle der senatorischen Legati wurden die Legionen nun von einem praepositus agentes vice legati oder praefectus legionis kommandiert, in die nun auch Männer aus den unteren Gesellschaftsschichten befördert werden konnten. Der militärische Rang wurde im späten 4. Jahrhundert n. Chr. abgeschafft, als die römische Armee noch einmal umorganisiert wurde. Praefecti dienten dann u. a. als Generalquartiermeister am Hof des Kaisers. Unter Konstantin I. dem Großen (312–337) wurden auch die vier Prätorianerpräfekten ihrer militärischen Funktionen enthoben, aber sie behielten ihre Justiz- und Finanzzuständigkeiten und zählten zu den höchsten Amtsträgern der Reichsverwaltung. Laut der ND Occ. standen dem Dux folgende Einheiten zur Verfügung:

Kavallerie

Einheit/Kastelle Bemerkung Abbildung
Cuneus – limitanei
Cuneus equitum scutariorum, at Sacidava Cuneus (lateinisch für „Keil“) bezeichnete eine eigenständige Kavallerieeinheit von etwa 200 bis 300 Reitern. Ursprünglich der taktische Begriff für eine keilförmige Schlachtordnung, wurde er später quasi zur offiziellen Bezeichnung für kleinere Reitereinheiten.
Schildzeichen unbekannt
Cuneus equitum Solentium, at Capidava
Schildzeichen unbekannt
Cuneus equitum stablesianorum, at Cii
Schildzeichen unbekannt
Cuneus equitum stablesianorum, at Bireo
Schildzeichen unbekannt
Cuneus equitum catafractariorum, at Arubio
Schildzeichen unbekannt
Cuneus equitum armigerorum, at Aegissos
Schildzeichen unbekannt
Cuneus equitum Arcadum, at Talamonio
Schildzeichen unbekannt

Infanterie (Hilfstruppen)

Offizier/Einheit/Kastelle Bemerkung Abbildung
Auxiliares
Milites superventores, at Axiupoli Superventores leitet sich vom lateinischen Verb supervenire ab, was „überraschen“ oder „überfallen“ bedeutet. Diese Einheit war wohl in der Kampftaktik aus Überraschungsangriff und schnellem Rückzug, bei möglichst kurzem Feindkontakt, ausgebildet worden. Ihre nur leicht bewaffneten Soldaten kämpften in erster Linie als Plänkler und Aufklärer. Ihre primäre Aufgabe war es Invasoren entweder gleich an der Grenze abzufangen oder später mit ihrer Hit and Run-Taktik zu zermürben. Ihre Basis war das Kastell in Axiopolis (Cernavodă, RU.), am südwestlichen Ende des Trajanswalls. In der Nähe verlief auch eine wichtige Fernstraße, die Via Pontica. Axiopolis (Ἀξίου πόλις), das Herakleia der klassischen Antike, stand an der Einmündung des Axios in den Istros (Donau), dort wandte sich der südliche Arm des Stroms in einem weiten Bogen gegen Norden. Für das Donaudelta blieb seine griechische Benennung Istros lange im Gebrauch. Die Milites superventores teilten sich ihren Stützpunkt anscheinend mit einer Kohorte der Legio II Herculia. Während die Legionäre die Garnison stellten, wurden die Superventores wohl hauptsächlich zu Außeneinsätzen o. ä. abkommandiert.
Schildzeichen unbekannt
Milites Scythici, at Carso
Schildzeichen unbekannt
Milites secundi Constantini, at Trosmis
Schildzeichen unbekannt
Milites Scythici, at Dirigothia
Schildzeichen unbekannt
Milites primi Constantini, at Novioduro
Schildzeichen unbekannt
Milites quinti Constantini, at Salsovia
Schildzeichen unbekannt
Milites primi Gratianenses, at Gratiana
Schildzeichen unbekannt

Infanterie (Legionen)

Offizier/Einheit/Kastelle Bemerkung Abbildung
Legiones – riparienses
Praefectus legionis secundae Herculiae, at Trosmis
Schildzeichen unbekannt
Praefectus ripae legionis secundae Herculiae cohortis quintae
pedaturae inferioris, at Axiupoli
„Der Präfekt der Uferwächter der fünften Kohorte der Legio II Herculia am unteren Grenzabschnitt der Donau“. Diese Legion wurde unter Kaiser Diocletian aufgestellt, at Axiupoli verweist auf das Kastell Axiopolis, nahe dem heutigen Cernavodă (RU), wo diese Grenzschutztruppe stationiert war. Es wäre möglich, dass es sich auch bei den Männern des Praefectus alae Herculeae in der Armee des Comes Tingitaniae (Westreich) um eine ehemalige Vexillation der Legio II Herculia gehandelt hat. Zusätzlich zu dieser afrikanischen Einheit wird die Legion auch in Inschriften aus Chersonesos (UA) erwähnt.
Schildzeichen unbekannt
Praefectus legionis Herculiae cohortis quintae pedaturae inferioris, at Iprosmis
Schildzeichen unbekannt
Praefectus legionis primae Ioviae, at Novioduro
Schildzeichen unbekannt
Praefectus ripae legionis primaei Ioviae

cohortis quintae pedaturae superioris, at Novioduro

Schildzeichen unbekannt
Praefectus ripae legionis primae Ioviae cohortis quintae

pedaturae inferioris, at Accisso

Schildzeichen unbekannt

Flotte

Offizier/Einheit/Kastelle Bemerkung Abbildung
Milites navclarii, at Flaviana „Die Marinesoldaten in Flaviana“, ein Grenzkastell an der Donau (Dobrudscha, RU), das sich ganz in der Nähe von Kastell Axiopolis befand. In der Spätantike wurden damit meist Limitaneiverbände bezeichnet, die keine klassischen Legions- oder Kohortennamen mehr trugen. Ein nauclarius (von griechisch naúklēros) war ursprünglich ein Schiffseigner oder Kapitän. Bei den Milites navclarii handelte es sich wohl um Flussschiffer und Marineinfanteristen für die Flussüberwachung und Transportaufgaben. Sie stellten sicher, dass die Patrouillenboote auf der Donau einsatzbereit blieben und besorgten den Nachschub für die Grenzkastelle.
Schildzeichen unbekannt
Praefectus ripae legionis primae Ioviae cohortis et secundae Herculiae
musculorum Scythicorum et classis, at Inplateypegiis
Schildzeichen unbekannt

Literatur

Einzelnachweise und Anmerkungen

  1. ↑ Notitia Dignitatum, Pars Orientalis, XXXIX.
  2. ↑ Jacek Wiewiorowski: Duces of Scythia Minor, a Prosopographical Study. Uniwersytet im. Adama Mickiewicza w Poznaniu Instytut Historii. ZAKŁAD HISTORII SPOŁECZEēSTW ANTYCZNYCH. PoznaĔ 2008, ISBN 978-83-60251-15-7, S. 12. digitalsat
  3. ↑ Nov. Iust. 41
  4. ↑ Jacek Wiewiorowski: Duces of Scythia Minor, a Prosopographical Study. Uniwersytet im. Adama Mickiewicza w Poznaniu Instytut Historii. ZAKŁAD HISTORII SPOŁECZEēSTW ANTYCZNYCH. PoznaĔ 2008, ISBN 978-83-60251-15-7, S. 11f.
  5. ↑ Officium autem habet ita:/Sein Stab wie folgt:
  6. ↑ de eodem officio bedeutet „aus derselben Behörde“, dieser Posten durfte nur durch Beförderung aus den Reihen der eigenen Verwaltungssoldaten besetzt werden musste und nicht extern (etwa durch Rom oder Konstantinopel) vergeben werden durfte. qui completa militia bedeutet „nach Beendigung seiner Dienstzeit“. Militia stand in der Spätantike sowohl für den militärischen als auch für den zivilen Staatsdienst. adorat protectorem (bzw. „adorat protectorem / ... sacra purpura“) war ein Ehrentitel. Adorare (verehren) bezieht sich auf das Hofzeremoniell der Adoratio Purpurae (das rituelle Küssen des kaiserlichen Gewandes). Wer den Kaiser so grüßen durfte, stieg wenig später in den prestigeträchtigen Rang eines Protectors (kaiserlicher Leibwächter/Garde) auf.
  7. ↑ ND or.: XXXIXL, 27.
  8. ↑ Jacek Wiewiorowski: Duces of Scythia Minor, a Prosopographical Study. Uniwersytet im. Adama Mickiewicza w Poznaniu Instytut Historii. ZAKŁAD HISTORII SPOŁECZEēSTW ANTYCZNYCH. PoznaĔ 2008, ISBN 978-83-60251-15-7, S. 12-13. digitalsat
  9. ↑ sub dispositione
  10. ↑ Axiopolis: Stadt an der Mündung des Isos. Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft, Band II, 2, 1896.
  11. ↑ AE 1984, 808 LE[...] ITAL ET [...]RCVLIA, was sich als „legiones I Italica et II Herculia“ auflösen lässt; und AE 1994, 1539 VIXI[...]ONIS LE[...] ITAL ET [...]RCVLIA, „v[e]xillationis legionis I Italicae et legionis II Herculiae“.
  12. ↑ Duncan McAndrew: The Milites Hypothesis. The Analysis. Acta Archaeologica. Volume 86, Issue 2, 2015.