Frei Paul Otto (* 31. Mai 1925 in Siegmar; † 9. März 2015 in Leonberg) war ein deutscher Architekt, Architekturtheoretiker und Hochschullehrer. Seine Arbeiten im Leichtbau mit Seilnetzen, Gitterschalen und anderen zugbeanspruchten Konstruktionen machten ihn zu einem der bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts. Er zählt neben Richard Buckminster Fuller und Santiago Calatrava zu den wichtigsten Vertretern der organischen Architektur.
Ottos architektonisches Ziel und Ideal war das Bauen mit einem minimalen Aufwand an Materie, Fläche und Energie, was ihn nebenbei auch zu einem Pionier des ökologischen Bauens machte. Mit seinen „leichten, flexiblen Bauten“ erhoffte er sich „auch eine neue, offene Gesellschaft“. Frei Otto wurde 2015 mit dem Pritzker-Preis geehrt und war nach Gottfried Böhm der zweite deutsche Architekt, der die weltweit wichtigste Architektur-Auszeichnung erhielt.

Sein Vorname Frei geht auf seine Mutter zurück, da dies ihr Lebensmotto war. Ottos Eltern waren Mitglieder im Deutschen Werkbund. Ursprünglich wollte Frei Otto, wie sein Vater und Großvater auch, Bildhauer werden. Auf der Handelsschule kam Otto durch seinen Lehrer mit dem Segelfliegen und dem Modellbau in Kontakt. Beim Erwerb des Segelflugscheins konnte er sich auch Kenntnisse über Leichtbauweisen und rahmengespannte Membranen verschaffen. 1943 trat er sein Architekturstudium an der Technischen Hochschule Berlin an, das durch seinen Kriegsdienst unterbrochen wurde. Noch im selben Jahr wurde er als Kampfpilot ausgebildet und eingesetzt.
Otto geriet in Nürnberg schließlich in französische Kriegsgefangenschaft. Noch während seiner Gefangenschaft war er an der Gestaltung eines Kriegsgefangenenlagers in Chartres mit mehreren Bauten in einer kostengünstigen Leichtbauweise beteiligt. Eine Inspiration war für ihn der tägliche Anblick der steinernen Leichtbauweise in Gestalt der Kathedrale von Chartres. 1948 nahm er das Studium der Architektur an der Technischen Hochschule Berlin wieder auf. 1950 wurde er als Stipendiat von seiner Fakultät ausgewählt, um für ein halbes Jahr in den Vereinigten Staaten studieren zu können. Auf seiner Amerikareise konnte er die führenden Architekten seiner Zeit und ihre Bauten kennenlernen: Erich Mendelsohn, Ludwig Mies van der Rohe, Richard Neutra, Frank Lloyd Wright, Eero Saarinen und Fred Severud. Aus dieser Studienreise erwuchs seine Freundschaft mit Ludwig Mies van der Rohe. Später korrigierte er auf dessen Anfrage die Statik der Neuen Nationalgalerie in West-Berlin, indem er die ursprünglich vorgesehenen vier Hauptstützpfeiler durch jeweils zwei unscheinbare Stützen auf jeder Seite ersetzte. Otto war außerdem in seinen Studienjahren Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes.

Im Büro des Bauingenieurs Fred Severud in New York sah er das Modell der Dorton Arena in Raleigh (North Carolina) nach einem Entwurf von Matthew Nowicki, des ersten großen Bauwerks mit einem hängenden Dach. Das sattelförmig geschwungene Dach der Dorton Arena ist ein Seilnetz, das an zwei halbrunden, gegenüberliegenden und leicht nach unten abgeschrägten Randseilen aufgehängt wurde. Die beiden Randseile kreuzen sich am Dachrand und stabilisieren sich im Erdreich gegenseitig durch horizontale Stahlträger. Diese Konzeption beeindruckte Otto so stark, dass er 1952/53 über diese neue Bautechnik seine Doktorarbeit schrieb.
1954 erschien seine Dissertation mit dem Titel „Das hängende Dach“, die die Bautechnik zugbeanspruchter Flächentragwerke erstmals umfassend darstellt. Während dieser Arbeit lernte er Peter Stromeyer kennen, den Geschäftsführer einer Firma für Großzeltebau in Konstanz. Stromeyer stellte für ihn all seine Zeltbauten her, darunter vor allem den Aufsehen erregenden deutschen Pavillon für die Weltausstellung Expo 67 in Montreal im Jahr 1967. Eine weitere Folge seiner Dissertation waren Einladungen zu Gastprofessuren in den USA, darunter als Visiting Professor an der Washington University in St. Louis im Jahr 1958, an der Yale University in New Haven im Jahr 1960 und im Jahr 1962 an der University of California in Berkeley, am M.I.T. und an der Harvard University.
1952 eröffnete Otto in Berlin-Zehlendorf ein eigenes Architekturbüro, und 1957 gründete er eine Entwicklungsstätte für den Leichtbau. 1958 war er als Gastdozent an der Hochschule für Gestaltung Ulm tätig, an der er eine Reihe von Projekten leitete. Im selben Jahr wurde er Mitglied der Architektengruppe GEAM (Groupe d’Etudes d’Architecture Mobile). An der Technischen Hochschule Berlin gründete er 1961/62 mit dem Biologen Johann-Gerhard Helmcke die Forschungsgruppe Biologie und Bauen, in der Mediziner, Paläontologen und Architekten natürliche Konstruktionen erforschten, die auf pneumatischen und biologischen Konstruktionsprinzipien basieren. So gestaltete er 1963 den freistehenden Glockenturm der evangelischen Kirche in Berlin-Schönow nach dem Vorbild des Skeletts einer Kieselalge. Das Institut für Leichte Flächentragwerke (IL), das Otto 1964 an der Technischen Hochschule Stuttgart gründete, diente als Modell für den deutschen Pavillon bei der Expo 67 in Montreal. 1969 wurde er zum Leiter des Sonderforschungsbereichs 64 „Weitgespannte Flächentragwerke“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft ernannt. Im Juli 1984 wurde dieses Projekt vom Sonderforschungsbereich 230 „Natürliche Konstruktionen – Leichtbau in Architektur und Natur“ bis Dezember 1995 am Institut für Leichte Flächentragwerke fortgeführt. 1976 wurde er zum Ordentlichen Professor der Universität Stuttgart ernannt und lehrte dort bis zu seiner Emeritierung 1990. Das Institut für Leichte Flächentragwerke (IL) firmiert heute unter dem Namen Institut für Leichtbau Entwerfen und Konstruieren (ILEK) und wird von Lucio Blandini geleitet.
Es gibt nicht viele Bauwerke, für die Otto allein verantwortlich zeichnet; viele seiner Bauwerke sind in Zusammenarbeit mit Kollegen und unter Einbeziehung der Nutzer entstanden. Otto selbst bezeichnete sich vor allem als Ideengeber. „Ich habe wenig gebaut. Ich habe viele ‚Luftschlösser‘ ersonnen.“ Seine biomorphen Bauformen verdanken ihre Existenz nicht seiner Schöpfungskunst, sondern beruhen auf der Formenfindung von natürlich vorkommenden Strukturen. „Die Form wird nicht erschaffen, sondern experimentell ermittelt, denn sie ist zuallererst Ausdruck herrschender statischer Kräfte und ergibt sich als Reaktion auf diese“, beschreibt der Architekturkritiker Falk Jaeger den Gestaltungsprozess von Otto.
Seit den 1980er Jahren realisierte Otto mit seinem Schüler Mahmoud Bodo Rasch und dessen Architekturbüro Rasch + Bradatsch, ab 1998 SL Rasch GmbH Special and Lightweight Structures, unter anderem Zeltdachkonstruktionen im islamischen Raum, darunter eine Zeltstadt für die Haddsch-Pilger in Mekka.
Die zeltartigen Dachkonstruktionen gehören zu den bekanntesten Bauwerken Ottos. Eine seiner ersten Zeltdach-Konstruktionen war 1957 das Sternwellenzelt im Kölner Tanzbrunnen anlässlich der Bundesgartenschau 1957. Weitere Zeltkonstruktionen auf anderen Ausstellungen sollten folgen. Zur Optimierung der Dächerformen experimentierte Otto mit Drahtmodellen, die er in Seifenlauge tauchte und die dann von einer Seifenhaut mit dem geringstmöglichen Flächeninhalt, einer Minimalfläche, überspannt wurden. Dafür wurde eigens eine Seifenhautmaschine mit Klimakammer entwickelt und gebaut, um systematisch die Geometrie der Seifenhautmodelle zu erfassen und zu vermessen. Diese Grundform stellt jedoch nur einen Teil seiner Ideen und Bauten dar, als weitere elementare Formen sind der Pneu, Gitterschalen und Seilnetze zu nennen. Er übertrug jenes natürliche Formungsprinzip dann auf die Seilnetze, indem er diese Netze aufhängte, deren Form stabilisierte und sie schließlich umkippte. Nach diesem Verfahren der Formgebung gestaltete er auch Gitterschalen aus langen Holzlatten wie weltweit erstmals mit der Multihalle in Mannheim.

Eine Weiterentwicklung stellt der japanische Pavillon für die Expo 2000 in Hannover dar, den er gemeinsam mit Shigeru Ban entwarf. Hier bestand das Tragwerk zunächst nur aus gebogenen Kartonröhren, das jedoch auf Wunsch der Prüfingenieure mit Holzlatten verstärkt werden musste.
Mit Günter Behnisch und dessen Architekturbüro verwirklichte er von 1968 bis 1972 die Überdachung des Hauptsportstättenbereiches am Olympiagelände in München. Das Architekturmagazin Häuser wählte 2002 dieses Ensemble zum besten deutschen Gebäude aller Zeiten. Die gewählte Dachkonstruktion basiert letztlich auf seinen Entwürfen, nachdem sich Behnisch aufgrund unerwarteter Schwierigkeiten (zu große Spannweite) an den Ideengeber selbst wandte. Dennoch fielen Otto die Randseile und die Dachstützen viel zu massiv aus. Die leitenden Bauingenieure Fritz Leonhardt und Jörg Schlaich konnten schließlich ihre Konzeption von statischer Sicherheit durchsetzen. Viel eher entspricht dagegen die luftige und fast unsichtbare Großvoliere im Münchner Tierpark Hellabrunn (Architekt: Jörg Gribl) seinen Vorstellungen vom leichten Bauen. Diese Anlage ist mittlerweile zu einem Wahrzeichen des Tierparks geworden. Mit der Vergänglichkeit und Schönheit seiner Werkstoffe illustrierte er 1977 auch eine Tournee von Pink Floyd in Form von riesigen umgestülpten Schirmen. Für das Projekt Stuttgart 21 war Otto auf Anfrage von Christoph Ingenhoven Berater für Sonderkonstruktion bei den „Lichtaugen“ – tropfenförmige Oberlichtöffnungen im Park, die als herabfließende Geschosspfeiler („Kelchstützen“) auf den Bahnsteigen ruhen. Im August 2010 meinte er, dass wegen des geologisch schwierigen örtlichen Untergrunds und den daraus resultierenden Gefahren das Bauprojekt gestoppt werden sollte.
Von Frei Otto stammen verschiedene Brückenbauten, die auffallend leicht sowohl in der Aufhängung als auch in der Seitenflächengestaltung sind. Ein Beispiel findet sich im Ruhrgebiet: die Fußgängerbrücken im Landschaftspark Mechtenberg.
Seit 1952 war Otto mit seiner Frau Ingrid Smolla verheiratet, mit der er fünf Kinder hatte: Angela Boley, Bettina Otto-Matthes, Christine Otto-Kanstinger, Dietmar Otto und Erdmute Böcker. Bis zu seinem Lebensende arbeitete er in seinem Atelier in Warmbronn bei Leonberg, teilweise in Zusammenarbeit mit seiner Frau Ingrid und seiner Tochter, der Architektin Christine Otto-Kanstinger. Eine zunehmende Erblindung schränkte ihn jedoch in seinen Möglichkeiten ein. Otto wurde auf dem Friedhof von Warmbronn beigesetzt.
Sein umfangreiches Werkarchiv wird vom Südwestdeutschen Archiv für Architektur und Ingenieurbau (saai) in Karlsruhe aufbewahrt. Das saai zeigte in Kooperation mit der Wüstenrot Stiftung und dem ZKM Karlsruhe die bisher größte Ausstellung zu Frei Ottos Œuvre vom 5. November 2016 bis zum 19. März 2017 unter dem Titel Frei Otto. Denken in Modellen.
Am 25. Juni 2018 luden die Möbelfirma Wilkhahn, die Bundesarchitektenkammer und die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) eine Reihe von Architekturprofessoren und Architekten zu einem Symposium ein, das über „Frei Ottos ideelles Erbe“ vortrug und diskutierte. Für Wilkhahn entwarf Otto Mitte der 1980er-Jahre vier als leichte Holzkonstruktion ausgeführte Zeltdachpavillons. Unter Mitsprache der Belegschaft entstand Ottos einziges Industriegebäude mit viel Ausblick und Raum. Der Wilkhahn-Geschäftsführer Jochen Hahne sagte beim Symposium zu Ottos architektonischem Erbe: „Egal welche Ideen und zukunftsweisenden Vorhaben man heute plant, Frei Otto war schon da.“ Seine ökologischen, sozial und kulturell geprägten Gestaltungsprinzipien hätten, neben der innovativen und experimentellen Formfindung, mehr denn je Bestand.
„Ein glänzender Mann, mehr Wissenschaftler als Künstler, voller origineller Ideen, in seinen Ansichten ausgeglichen und gedankenvoll.“
„Nur einmal in einer Generation erfindet jemand ein ganz neues Universum von Ideen und von Lösungen. Und das war er: Frei.“
„Von ganz früh an waren wir fasziniert von Ottos Fähigkeiten, Raum zu gestalten. Diese Gebäude, die gar nicht zu existieren scheinen. So zart sind sie – wie Schmetterlingsflügel.“
„Es gibt wieder ein gewaltiges Interesse an Leichtbauten, an zeltartigen Strukturen. Ottos Netze und all diese Dinge, die er in seinem Institut gemacht hat, sind wieder sehr in den Mittelpunkt gerückt.“
„Frei Otto hat seine Erfindungen nicht patentieren lassen, sondern allen geschenkt, damit spätere Konstrukteure davon profitieren können. Er war ein großer Humanist.“
„Frei Otto hat für immer unsere Art, über Bauten zu denken, verändert. […] Er hat in Frage gestellt, was da war, und ist zurück zur Natur gegangen. Er war weit vor seiner Zeit.“
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| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Otto, Frei |
| ALTERNATIVNAMEN | Otto, Frei Paul (vollständiger Name) |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Architekt, Architekturtheoretiker und Hochschullehrer |
| GEBURTSDATUM | 31. Mai 1925 |
| GEBURTSORT | Siegmar |
| STERBEDATUM | 9. März 2015 |
| STERBEORT | Warmbronn |