Helma Schaefer (* 7. Mai 1939 in Hamburg) ist eine deutsche Buchhistorikerin, Grafikexpertin und Einbandforscherin, die nach dem Studium der Geschichte und Literaturwissenschaft an der Karl-Marx-Universität in Leipzig 1968 am Bibliothekswissenschaftlichen Institut der Humboldt-Universität in Berlin ihre Diplomarbeit über Carl Berendt Lorck vorlegte. Dieser in Leipzig tätige Verleger war Mitbegründer des Deutschen Buchgewerbe-Museums, für dessen Nachfolgeeinrichtung Deutsches Buch- und Schriftmuseum Helma Schaefer von 1965 bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 2004 in vielfältiger Weise tätig war.
Fritz Funke betraute sie mit dem erneuten Aufbau und der Erschließung der Einbandsammlung des Museums. Die 1911 von dem Karlsbader Arzt Karl David Becher angekaufte Sammlung wertvoller historischer Einbände war für das Museum Kriegsverlust. Erst 1994 wurde bekannt, dass sich die Sammlung seit 1945/46 im Bestand der Russischen Staatsbibliothek befinden. Dort konnte Helma Schaefer 1998 während eines Arbeitsaufenthalts in Moskau 150 Objekte in Augenschein nehmen.
Es entwickelte sich ein enger Kontakt zu Wilhelm Nauhaus, der ab 1945 als Professor für künstlerischen Handeinband und Leiter der Buchbindeklasse an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle/Saale tätig gewesen war. Es entstand die in der Deutschen Bücherei gezeigte Ausstellung „Wilhelm Nauhaus, Handeinbände aus den Jahren 1925 – 1969“, und wichtige Belegstücke gingen in die unter der Signaturengruppe VIII geführte Einbandsammlung des Museums ein. Diese Kooperation setzte sie fort mit dessen Meisterschülerin Ingrid Schultheiß, die den seit 1958 brachliegenden Fachbereich Künstlerischer Handeinband reaktivierte und der die vom September bis Oktober 1977 in der Deutschen Bücherei gezeigte Ausstellung „Handeinbände, Papiere, Studien“ gewidmet war. Schultheiß war bis 1995 an der nunmehrigen Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle tätig. Eine ebenso enge Zusammenarbeit bestand mit deren Nachfolgerin Mechthild Lobisch.
Außer mit Ignatz Wiemeler befasste sich Helma Schaefer intensiv mit dem Leben und Werk von Otto Dorfner und schließlich mit Kurt Londenberg.
Das museale Arbeitsgebiet führte zu einer bis heute lebendigen Zusammenarbeit mit dem handwerklichen und industriellen Buchbindergewerbe sowie mit der internationalen Vereinigung Meister der Einbandkunst (MDE).
In ihrer 1992 veröffentlichten Untersuchung über das Leipziger Einbandschaffen nach 1945 machte sie den Quellenverlust deutlich, der nicht nur durch die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs eingetreten war, sondern auch durch staatliche Eingriffe in der DDR, das „zu einer Beseitigung eines Großteils der archivalischen Bestände zur Firmengeschichte sowie charakteristischer Einbandmuster einzelner Betriebe“ führte. Deshalb nutzte sie Methoden der Oral History zur Ermittlung grundlegender Fakten.
Ihr Engagement gilt auch in den 2020er Jahren einer Einbandforschung, die nicht nur ein hilfswissenschaftliches Teilgebiet der Buch- und Bibliotheksgeschichte ist, sondern ebenso eine intensive Auseinandersetzung mit der künstlerischen Buchgestaltung und dem Gesamtkunstwerk Buch anstrebt. Mit Albert Kapr teilt sie das Anliegen, dass bei einem Buch die handwerklich-technische Gestaltung, die ästhetische Konzeption und der Inhalt des Werks miteinander harmonieren sollen. Am Beginn steht eine Auseinandersetzung mit dem wissenschaftlichen Werk von Ilse Schunke, die sich während der Weimarer Republik sehr um die Erschließung des Werks von Jakob Krause verdient gemacht hatte. Schaefer gelang es 1994, eine entsprechende Ausstellung, die bereits in Stuttgart und Brüssel gezeigt wurde, am Deutschen Buch- und Schriftmuseum zu präsentieren. Eine wichtige Rolle spielte dabei die Zusammenarbeit mit der Bibliotheca Wittockiana und dem Buchbinder und Buchkünstler August Kulche.
Ausgehend von der künstlerischen Höhe, die das Einbandschaffen in Leipzig zwischen den beiden Weltkriegen erreicht hatte, formuliert sie im Hinblick auf das Wirken von Ignatz Wiemeler eine Breite des Erkenntnisinteresses: „Die anstehenden Fragen nach Möglichkeiten und Anforderungen an das heutige und zukünftige Einbandschaffen lassen eine Darstellung der Atmosphäre, der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und künstlerischen Bedingungen, der Personen und Institutionen, ihrer Vorstellungen, Vorhaben und Kontakte, wie sie in Leipzig gegeben waren, zu einem notwendigen und aufschlußreichen Beitrag zur vielseitigen Geschichte des modernen Buchschaffens werden.“ Die Befassung mit dem Wandel der Gestaltungsformen des Einbands im 18. und 19. Jahrhundert führt im Ertrag solcher Forschung zu vielfältigen Erkenntnissen: „Für die Buchgeschichte enthält sie Aufschlüsse über die Herstellungs- und Rezeptionsgeschichte des Buches, für die Geschichte der angewandten Künste enthält sie Schlußfolgerungen über Zusammenhänge von technisch-ökonomischen Veränderungen und deren ästhetische Folgen. Für den Bibliothekar wird die Wertigkeit von Gestaltungsformen des Einbandes ins Blickfeld gerückt, die er bisher bei der Betreuung kultureller Schätze unberücksichtigt gelassen oder verkannt hat.“
Als sie 2008 „Überlegungen zu einem Werkverzeichnis für Kurt Londenberg“ veröffentlicht, konstatiert sie einleitend: „In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde mit der zunehmenden Digitalisierung der Kommunikationsformen die künstlerische Bedeutung und Wertschätzung der modernen Einbandgestaltung, die diese im Rahmen der buchkünstlerischen Reformen zu Beginn des Jahrhunderts errungen hatte, bedeutungslos.“ Die abnehmende Wertschätzung für den Forschungsgegenstand hat Rückwirkungen auf die Wirkungsmöglichkeiten und die Anerkennung der wissenschaftlichen Leistung der Forschenden, was diese durch verstärkte Kooperation ausgleichen.
Die Initiative des Einbandforschers Konrad von Rabenau führte zur Gründung des AEB (Arbeitskreis für die Erfassung, Erschließung und Erhaltung historischer Bucheinbände) und zu jahrelanger intensiver Zusammenarbeit mit Helma Schaefer, die vor allem auf ein „Handbuch der Einbandbeschreibung und Einbandbestimmung“ zielte. Anlässlich der Leipziger Tagung des AEB im Jahr 2001 entstand die Ausstellung „Das Gewand des Buches. Historische Einbände aus den Beständen der Universitätsbibliothek Leipzig und des Buch- und Schriftmuseums der Deutschen Bücherei Leipzig“.
Zu dem in Zusammenarbeit mit der Staatsbibliothek zu Berlin herausgegebenen Informationsblatt des Arbeitskreises („Einband-Forschung“) trägt sie seit dessen Erscheinen im Oktober 1997 Ausstellungsbesprechungen, Rezensionen und Würdigungen bei. Wissenschaftliche Publikationen von Helma Schaefer sind Bezugspunkt, als sich im AEB eine „Arbeitsgruppe Verlagseinband“ zusammenfindet. Sie „verlieh der Erforschung des industriellen Verlagseinbandes neue Impulse und definierte ihn explizit als einbandwissenschaftliches Thema.“
Als im Februar 2004 auf Einladung des Deutschen Buch- und Schriftmuseums die erste Tagung einer internationalen Arbeitsgruppe zum Thema Buntpapier stattfand, beteiligte sich Helma Schaefer und setzte sich in der Folge mit dem diesbezüglichen Schaffen von Paul Kersten auseinander.
Aus Anlass ihres 65. Geburtstags am 7. Mai 2004 würdigte sie Die Deutsche Bibliothek (jetzt Deutsche Nationalbibliothek) mit einem Verzeichnis ihrer Schriften. Ihre Verabschiedung aus dem Dienst erfolgte durch die Bibliothek am 1. Juni 2004 in einer Veranstaltung, an der auch Buchkünstler, Buchbinder, Bibliophile und Einbandforscher teilnahmen. Anlässlich des 25-jährigen Bestehens des AEB traf Matthias Hageböck folgende Feststellung: „Das über Jahrzehnte geleistete Engagement von Angelika Pabel, Helma Schäfer, Dag Ernst Petersen und Andreas Wittenberg hat deutliche Spuren in der Einbandforschung hinterlassen und stellt einen maßgeblichen Teil der Geschichte des AEB dar. Dafür gilt allen der herzlichste Dank, sowie auch Respekt und Anerkennung.“
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Schaefer, Helma |
| KURZBESCHREIBUNG | deutsche Buchhistorikerin und Einbandforscherin |
| GEBURTSDATUM | 7. Mai 1939 |
| GEBURTSORT | Hamburg |