
Macer floridus, auch De viribus herbarum (genannt auch De virtutibus herbarum; lateinisch für „Von der Heilkraft der Kräuter“), ist ein von Odo Magdunensis (= Odo von Meung) verfasstes, früher Aemilius Macer namensgebend zugeschriebenes, Lehrgedicht über die gebräuchlichsten Heilkräuter in der Form der lateinischen Hexameter. Es entstand um 1065 in Westfrankreich, wurde in viele Sprachen übersetzt bzw. übertragen und galt im Mittelalter im mitteleuropäischen Raum als Standardwerk der Kräuterheilkunde. Als Autorname wurde meist „Macer“ verwendet. Eine deutschsprachige Version entstand um 1220 im ostmitteldeutschen, vermutlich thüringisch-obersächsischen Raum und gelangte im 14. und vor allem im 15. Jahrhundert in den gesamten deutschsprachigen Raum.
Odo von Meung (französisch Odo de Meung, latinisiert Odo Magdunensis) aus Meung an der Loire (französisch Meung-sur-Loire) in der Nähe von Orléans war vermutlich ein Kleriker bzw. Mönch, vielleicht auch ein Arzt, der Zugang zu einer umfangreichen Bibliothek hatte. Er beschrieb im zweiten Drittel des 11. Jahrhunderts in einer ersten Fassung 60 Pflanzen und nannte auch deren (humoralpathologische Primärqualitäten. Als Quellen dienten ihm die Texte von Plinius dem Älteren, Pedanios Dioskurides, Galenos, aber auch von dem im 9. Jahrhundert lebenden Benediktiner und Botaniker Walahfrid Strabo, einem Schüler von Hrabanus Maurus, und anderen Schriftstellern bzw. Gewährsleuten (etwa Hippokrates). Etwas später entstand eine weitere Fassung mit 2269 Hexametern und insgesamt 77 behandelten Pflanzen, wobei die Ergänzungen (unter anderem mit Kapiteln über Gewürze) dem, einer Drogenkunde Ibn al-Dschazzars entstammenden, Liber graduum (genannt auch Liber de gradibus) vom Übersetzer Constantinus Africanus aus der Schule von Salerno sowie einem von Gargilius Martialis verfassten Kräuterbuch entnommen sind.
Im Gegensatz zu dem bekannten Werk Liber de cultura hortorum von Walahfrid, das in kunstvoller Weise neben der Heilkunde auch den Gartenbau behandelt, ist Odos Werk ein reines pharmakographisches Lehrgedicht nach den Vorbildern Vergil (Georgica) und Lukrez (De rerum natura). Obwohl Odo den Namen Walahfrids nennt und alle 24 Pflanzen des Hortulus übernimmt, kritisiert er diesen bspw. im Kapitel zum Liebstöckel deutlich. Lediglich das Kapitel zum Fenchel weist Ähnlichkeiten auf. Auch Plinius wird in den Kapiteln zur Weißen Nieswurz und zum Eisenkraut kritisiert, in letzterem sogar der Zauberei bezichtigt, obwohl im Kapitel zum Kreuzkraut eine Art Zauberei bei Zahnschmerzen direkt aus der römischen Quelle übernommen wird.


Erstmals erwähnt wird der Macer floridus bzw. das Werk De viribus herbarum um 1100 in De scriptoribus ecclesiasticis von Sigebertus Gemblacensis. Um diese Zeit lag die Endfassung mit 77 Kapiteln bereits vor. Strittig ist, wann genau die kürzere Urfassung entstanden ist. Hier lässt sich ein recht breites Zeitfenster von etwa 840 (Entstehung des Hortulus) und 1100 (Nennung in De scriptoribus ecclesiasticis) angeben. Für diese Urfassung liegen Handschriften aus dem 12. Jahrhundert vor. Später durchgesetzt hat sich aber alleine die erweiterte Fassung. Hinzu kommt, dass das Werk in der Überlieferung neben zwei Titeln auch zwei Autoren aufweisen kann – neben Odo nämlich noch Aemilius Macer aus Verona, einen Freund von Vergil, Ovid und Vitruv, der 16 v. Chr. in Asien gestorben ist. Im Mittelalter nahm man an, dass sich das Gedicht zumindest auf einen Macer und dessen verschollenes Werk De herbis bezieht. Dies ist die Ursache für den bekannteren, auch heute noch geläufigen Titel Macer floridus, aufgefasst als Verfassername auch Macer Floridus geschrieben, doch erst zu Beginn des 16. Jahrhunderts (explizit 1527 in einem Basler Druck und in einer in Handschrift aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts) wurde Macer floridus dem Aemilius Macer zugeschrieben, der gemäß Dahlmann als Verfasser von De herbis aber wohl nicht in Frage kommt. Die Autorenschaft Odos ist unbestritten, seit William C. Crossgrove 1994 die Urfassung des Gedichtes erforschte und klar belegen konnte, dass es von einem Kleriker in der Tradition der Klostermedizin verfasst wurde.
Seit dem 12. und in deutschsprachigen Schriften seit dem frühen 13. Jahrhundert galt der Name „Macer“ (als Werktitel oder Autor) laut Bernhard Schnell als Inbegriff des Wissens um die Heilkraft der Kräuter und geradezu als Synonym für die Gattung „Kräuterbuch“. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts waren auch in den Niederlanden Macer-Texte verbreitet, ebenso im mittelalterlichen Frankreich, Italien und auf der iberischen Halbinsel in Katalonien und (als Macer herbolario) Kastilien. Seit der Mitte des 13. Jahrhunderts wurde der Inhalt des Macer in andere Texte übernommen. Als älteste Beispiele gelten die Gesundheitslehre Regimen sanitatis Salernitanum und von Vinzenz von Beauvais die Enzyklopädie Speculum naturale. Im ausgehenden Mittelalter war der Macer floridus im deutschsprachigen Raum weit verbreitet, wurde möglicherweise auch im Schulunterricht verwendet und lag in etwa jeder zweiten nennenswerten Bibliothek vor. Die im Mittelalter verbreitetsten medizinischen Handbücher, der Bartholomäus und das Arzneibuch des Ortolf von Baierland nennen „Macer“ als höchste Autorität der pharmakographischen Literatur.

Übersetzt wurde das Werk in zahlreiche Volkssprachen wie Englisch, Spanisch, Dänisch (in altdänischer Sprache durch Henrik Harpestraeng), Französisch und Italienisch. Die wohl älteste Rezeption ist eine am Ende des 12. Jahrhunderts entstandene, in zwei Textzeugen überlieferte, Übersetzung aus dem Lateinischen ins Hebräische. Der englische Geschichtsschreiber Heinrich von Huntingdon nutzte das Lehrgedicht bereits in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts, ebenso wie für sein verschollenes Gedicht De herbis, als Hauptquelle für seinen Anglicanus ortus.
Mit Textproben aus dem Breslauer Arzneibuch hat Hoffmann von Fallersleben 1830 erstmals auf die deutschsprachige Rezeption des lateinischen Macer (floridus) hingewiesen. Weitere Textproben und erste Grundlagen für die Erforschung der Macer-Rezeption schuf 1872 der Germanist Joseph Haupt. Noch im 19. veröffentlichten 1881 Gustav Schmidt und 1886 Karl Bartsch weitere der insgesamt etwa 130 Textzeugen.
In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, wahrscheinlich noch dessen erstem Viertel, entstand im Bereich des thüringischen oder schlesischen Hofes, vielleicht auch im Auftrag einer Äbtissin eines Nonnenklosters, eine erste deutsche Übersetzung in Prosaform (genannt Älterer deutscher Macer). Eine unmittelbare lateinische Vorlage des (in einer verschollenen Sammelhandschrift auch Liber de virtutibus herbarum in Theutonico genannten) Werks ist nicht bekannt, doch die Hauptquelle dürfte eine Bearbeitung des Macer floridus gewesen sein. Die am wahrscheinlichsten um 1220 entstandene „mitteldeutsche“ Fassung bzw. bis ins 16. Jahrhundert überlieferte Vulgatfassung (von lateinisch vulgatus ‚volkstümlich‘) des deutschen Macer (als Handschrift mgq 1245, entdeckt von Rudolf Blum, in der Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz) gilt, wie der Medizinhistoriker Gundolf Keil 1965 entdeckte, als eine der Quellen für den von Johann Wonnecke von Kaub verfassten Gart der Gesundheit (1485), eines der ersten gedruckten Kräuterbücher, das nachfolgende Werke stark beeinflusste. Im Gegensatz zum lateinischen Macer floridus enthält die gekürzte, jedoch mit einigen Zusätzen wie deutschen Pflanzenbezeichnungen oder Erläuterungen von medizinischen Fachbegriffen versehene, deutsche Bearbeitung auch keine der zahlreichen nicht-medizinischen Anwweisunge und Rezepte wie etwa Mittel gegen Hautflecken, Haarausfall, unweiße Zähne, brüchige Fingernägel, Ungeziefer oder zur Herstellung von Tinte. Der anonyme Verfasser bzw. Bearbeiter stellte, wie seinerzeit in der lateinischen und deutschsprachigen Dichtung nicht unüblich, dem Prosatext einen gereimten Prolog und einen, eine kurze Einführung in die für die damalige Heilkräuteranwendung wichtige Viersäftelehre der Humoralpathologie bietenden Prosaprolog voran. Eine zweite deutsche Prosabearbeitung entstand spätestens im 14. Jahrhundert im mitteldeutschen Raum. Diese gehört zu den als Jüngerer deutscher Macer benannten Schriften, bei denen es sich vor um Übertragungen bzw. Übersetzungen vor allem des 15. und 16. Jahrhunderts handelt. 1915 publizierte Karl Sudhoff die Prosavorrede einer Leipziger Handschrift des Macer, der in seiner deutschsprachigen, von Laien und professionellen Heilkundigen benutzten, Version laut Bernhard Schnell „die erste populärwissenschaftliche Einführung in die Phytotherapie in deutscher Sprache“ war. Eine als Schwarzwälder Kräuterbuch bezeichnete, vermutlich im alemannischen Sprachraum entstandene, Kompilation verwendete ebenso wie das Speyrer Kräuterbuch (eine Kompilation des Macer mit dem Liber de herbis, dem ersten Buch der Physica von Hildegard von Bingen) den Macer sowie die Schrift Circa instans als Hauptquellen. Von allen Textzeugen weisen fast 30 Kompilationen auf.
Ein erster Druck (mit 86 Kapiteln) des Macers erfolgte gemäß Choulant 1477 in Neapel, 1482 gab es auch eine Ausgabe aus Mailand. Ab etwa 1500 wurden illustrierte Fassungen mit stark stilisierten Pflanzenabbildungen gedruckt.
Über die frühen Drucke, die dem Gart der Gesundheit folgten, etwa von Rößlin 1533 und Lonitzer 1551 (aufgelegt bis 1783) sowie Tabernaemontanus 1588 gingen Teile des Macer in das Universal Lexicon von Johann Heinrich Zedler ein (erschienen 1732 bis 1754).
Somit war der Macer floridus über mehr als 500 Jahre neben dem Circa instans aus Salerno und der Materia medica von Dioskurides ein bestimmendes Werk der Phytotherapie. Noch heute lassen sich in Hagers Handbuch „volkstümliche Anwendungen“ finden, die im Falle von Beifuß, Eberraute, Knoblauch oder Brennnessel nachweislich auf das Lehrgedicht zurückgehen.
1590, im 7. Band der Huser-Ausgabe der Werke des Paracelsus, wurde ein Kommentar des Paracelsus zum Macer floridus abgedruckt, den Johannes Oporinus (1527–1528/1529 Sekretär des Paracelsus) aus seinen Erinnerungen zusammengetragen hatte.
Im Jahr 1832 edierte Johann Ludwig Choulant in Dresden eine Fassung anhand einer vor Ort befindlichen Handschrift aus dem späten 12. Jahrhundert. Er datierte sie jedoch fälschlicherweise auf das 14. Jahrhundert und gab als alternativen Autor den Abt Otto von Morimond an.
1834 veröffentlichte der Würzburger Altgermanist und Medizinhistoriker Friedrich Anton Reuss die sogenannten Spuria Macri aus einer Wolffenbütteler Handschrift, eine (wie William Crossgrove 1980 nachwies) Rückübersetzung des „deutschen Macer“ ins Lateinische.
Im späten 20. Jahrhundert erforschten insbesondere Bernhard Schnell und bereits seit 1979 William Crossgrove die Geschichte und Rezeption des Werkes. Eine erste neuhochdeutsche Fassung des „Macer floridus seu redivivus“ (so genannt von Ernst Meyer) wurde 2001 von den Medizinhistorikern Johannes Gottfried Mayer und Konrad Goehl in Höhepunkte der Klostermedizin (später Kräuterbuch der Klostermedizin) vorgelegt.