Neidkopf

Neidkopf in Waiblingen

Ein Neidkopf (auch: Gaffkopf) ist eine – ursprünglich als Abwehrzauber im Sinne einer Wächterfunktion gedachte – an Fassaden bzw. Mauern angebrachte Reliefdarstellung eines menschlichen Kopfes oder Gesichts aus Holz, Stein oder auch Stuck. Häufig, aber nicht immer, sind solche Plastiken als Fratzen oder groteske Masken ausgebildet und an prominenter Stelle von Gebäuden angebracht, etwa am Giebel, am Eckpfosten oder am Eingang. Spätere Neidköpfe wurden auch ohne abergläubischen Bezug geschaffen, etwa zum Spott oder auch als reines Schmuckelement.l.

Begriff

Der Begriff stammt vom althochdeutschen Wort nid ab, das unter anderem für Hass, Zorn oder Neid steht. Der Begriff Neidkopf taucht in der Fachliteratur erstmals Mitte des 19. Jahrhunderts im Zusammenhang mit Bauplastik in Berlin auf.

Neidkopf über den Kragsteinen des oberen Turmgesimses der Felsburg
Neidkopf am Haus Tiedexer Straße 16 zu Einbeck im Landkreis Northeim
Holzgeschnitzter Neidkopf am histo­ri­schen Zollhaus zu Lenterode im Eichsfeld

Beschaffenheit

Um das Böse abzuwehren, ließen mittelalterliche Bauherren in Europa fratzenhafte Köpfe von Tieren, Menschen oder Fabel-Ungeheuern aus Stein oder Holz an Türen anbringen. Der Neidkopf soll nach Volkes Glaube das Unheil und Böse abwehren (apotropäische Handlung). Die bösen Mächte und Geister sollten den Menschen in den damit bedachten Gebäuden nichts neiden und sie damit nicht gegen die Bewohner aufbringen. Neidköpfe gab es von der Größe eines Handtellers über Kopfgröße hinaus. Mitunter erreichten sie in Steinform als Stufe zur Haustreppe eine Größe von bis 1,50 m. Neidköpfe befanden sich besonders an nach Westen ausgerichteten Pfeilern und Gebäudeteilen, da die Dämonen hauptsächlich dort vermutet wurden.

Später wurden allerdings auch zahlreiche Neidköpfe ohne jeglichen abergläubischen Bezug geschaffen. Sie sollten nun vielmehr eine Wächterfunktion, aber auch Hass oder Spott gegenüber Feinden symbolisieren. So trägt die an exponierter Stelle gelegene Felsburg in Hessen einen Neidkopf, der exakt in Richtung der nahegelegenen Stadt Fritzlar blickt – aus Sicht der hessischen Landgrafen feindliches Gebiet während der zwei Jahrhunderte dauernden, im Mainzisch-Hessischen Krieg kulminierenden, Auseinandersetzungen mit dem Erzbistum Mainz.

Schließlich wurden auch Neidköpfe geschaffen, die ausschließlich als Schmuckelemente dienten, etwa im Historismus.

Neidköpfe in Berlin

Der Alt-Berliner Neidkopf

Alt-Berliner Neidkopf vom Anfang des 18. Jh. aus der Heiliggeist­straße 38

In den Straßen von Alt-Berlin gab es an dem Haus Heiliggeistgasse 38 bis zum Jahr 1841 einen Neidkopf. Der Zweck des über der Haustür angebracht gewesenen Sandsteinreliefs als böses und hässliches Frauengesicht mit Schlangenhaaren und einer herausgestreckten Zunge ist bisher nicht eindeutig ermittelt worden. Es gibt mehrere Erklärungen, darunter auch eine Legende, die erstmals 1831 bekannt wurde:

Die Skulptur wurde 1841 abgenommen und gelangte sehr viel später in das Märkische Museum Berlin, sie ist erstmals im Inventarverzeichnis 1973 enthalten. Das frühere Handwerkerwohnhaus wurde in den 1960er Jahren durch Neubauten ohne Schmuck an gleicher Stelle ersetzt.

Kaak-Skulptur

Weitere Berliner Neidköpfe

Zuerst ist hier der Kaak zu nennen, der ursprünglich an der Gerichtslaube des alten Berliner Rathauses angebracht war. Es ist ein Menschenkopf mit Eselsohren und einem Vogelkörper.

Über dem Portal des Adelspalastes derer von Blankenburg schützte ein weiterer Neidkopf die Hausbewohner.

Schließlich fanden Arbeiter im Jahr 1937 bei Umbauarbeiten im Mauerwerk des Ephraim-Palais’ einen Neidkopf, der in der Nikolaikirche ausgestellt ist.

Bekannte Burgen mit Neidköpfen (Auswahl)

Neidkopf im Doppel über Eck an einer Hauswand zu Hardegsen

Ursprünge

Der Brauch geht laut dem Hohenloher Heimatforscher Herbert Schüßler vermutlich auf keltischen Ursprung zurück, als feindliche Schädel an den äußeren Begrenzungen der Bauten angebracht wurden, um Feinde abzuschrecken. Sie galten aber auch als Glückssymbol und wurden auch auf Rüstungen angebracht. Die Träger glaubten, mit der Zurschaustellung des Kopfes hätten sie Gewalt über die Seele und den Geist des Feindes. Ohne Kenntnis dieses Kults wurde der Brauch mit Steinköpfen vom inzwischen christianisierten Volk beibehalten.

Siehe auch

Commons: Neidkopf – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. 1 2 Hans Koepf, Günther Binding: Bildwörterbuch der Architektur. Mit englischem, französischem, italienischem und spanischem Fachglossar (= Kröners Taschenausgabe. Bd. 194). 4., überarbeitete Auflage. Kröner, Stuttgart 2005, ISBN 3-520-19404-X (Digitalisat auf moodle.unifr.ch, abgerufen am 18. August 2024), S. 340: Neidkopf.
  2. ↑ Der Neidkopf von Mömbris (Mai 2002) (Memento vom 16. April 2009 im Internet Archive)
  3. ↑ neid. In: dwds.de (Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm). 1889, abgerufen am 18. August 2024.
  4. ↑ Vorläufig ältester Nachweis in zwei Sitzungsprotokollen in: Zeitschrift für Preußische Geschichte und Landeskunde, Jg. 2, 1865, S. 185 und S. 240. (Google Books)
  5. ↑ Märkische Forschungen, Band 2, 1843, herausgegeben vom Verein für die Geschichte der Mark Brandenburg; zitiert in Maritta Tkalec: Neid macht hässlich. In: Berliner Zeitung, 25. Februar 2019, S. 10.
  6. 1 2 3 4 5 6 7 Maritta Tkalec: Neid macht hässlich. In: Berliner Zeitung, 25. Februar 2019, S. 10.
  7. ↑ Rätsel um Hohenloher Neidköpfe auf nature-press.de.