
Als Fehlerfunktion oder Gaußsche Fehlerfunktion bezeichnet man in der Theorie der speziellen Funktionen die durch das Integral
definierte Funktion. Damit ist die Fehlerfunktion eine Stammfunktion von und zwar die einzige ungerade (gerade Funktionen mit Stammfunktion besitzen genau eine ungerade solche).
Für ein reelles Argument ist eine reellwertige Funktion; zur Verallgemeinerung auf komplexe Argumente siehe unten.
Die Fehlerfunktion ist eine Sigmoidfunktion, findet Anwendung in der Statistik und in der Theorie der partiellen Differentialgleichungen und hängt eng mit dem Fehlerintegral zusammen.
Die Bezeichnung kommt von error function.
Der Integrand der Fehlerfunktion hat folgende Reihendarstellung:
Auf Kreisschreiben konvergieren die Taylorsummen gleichmäßig gegen den Integranden der Fehlerfunktion. Daher kann man die Stammfunktion auf bilden und mit dem Identitätssatz kann man die Stammfunktion des Integranden als ganze Funktion auf erweitern. Dies liefert eine Stammfunktion von :
Mit kann man diese Potenzreihendarstellung für verwenden.
Die komplementäre (bzw. konjugierte) Fehlerfunktion ist gegeben durch
Die Punktsymmetrie des Graphen der Fehlerfunktion ergibt sich direkt über die ungeraden Exponenten mit . Daher erfüllen und die folgenden Eigenschaften:
Die verallgemeinerte Fehlerfunktion wird durch das Integral
definiert.
Es gilt:
Die Fehlerfunktion ist ungerade:
Das uneigentliche Integral von bis ist
Außerdem gilt:
Die Fehlerfunktion hat eine gewisse Ähnlichkeit mit der Verteilungsfunktion einer Normalverteilung. Sie hat jedoch die Bildmenge , während eine Verteilungsfunktion zwingend Werte aus dem Bereich annehmen muss.
Es gilt für die Standardnormalverteilung
bzw. für die Verteilungsfunktion einer beliebigen Normalverteilung mit Standardabweichung und Erwartungswert
Falls die Abweichungen der einzelnen Ergebnisse einer Messreihe vom gemeinsamen Mittelwert durch eine Normalverteilung mit Standardabweichung und Erwartungswert 0 beschrieben werden können, dann ist die Wahrscheinlichkeit, mit der der Messfehler einer einzelnen Messung zwischen und liegt (für positives ).
Die Fehlerfunktion kann verwendet werden, um mit Hilfe der Inversionsmethode normalverteilte Pseudozufallszahlen zu generieren.
Die Fehlerfunktion und das Fehlerintegral kommen beispielsweise in Lösungen der Wärmeleitungsgleichung vor, wenn die Anfangsbedingung durch die Signum- bzw. Heaviside-Funktion vorgegeben ist.
Die Fehlerfunktion ist wie die Verteilungsfunktion der Normalverteilung nicht durch eine geschlossene Funktion darstellbar und muss numerisch bestimmt werden.
Für kleine reelle Werte erfolgt die Berechnung mit der Reihenentwicklung
für große reelle Werte mit der Kettenbruchentwicklung
Für den kompletten Wertebereich gibt es folgende Approximation mit einem maximalen Fehler von :
mit
und
Eine für alle reellen Werte von schnell konvergierende Entwicklung erhält man unter Verwendung des Theorems von Heinrich H. Bürmann:
Durch geeignete Wahl von und ergibt sich daraus eine Näherung, deren größter relativer Fehler bei kleiner als ist:
| 0,00 | 0,0000000 | 1,0000000 | 1,30 | 0,9340079 | 0,0659921 | |
| 0,05 | 0,0563720 | 0,9436280 | 1,40 | 0,9522851 | 0,0477149 | |
| 0,10 | 0,1124629 | 0,8875371 | 1,50 | 0,9661051 | 0,0338949 | |
| 0,15 | 0,1679960 | 0,8320040 | 1,60 | 0,9763484 | 0,0236516 | |
| 0,20 | 0,2227026 | 0,7772974 | 1,70 | 0,9837905 | 0,0162095 | |
| 0,25 | 0,2763264 | 0,7236736 | 1,80 | 0,9890905 | 0,0109095 | |
| 0,30 | 0,3286268 | 0,6713732 | 1,90 | 0,9927904 | 0,0072096 | |
| 0,35 | 0,3793821 | 0,6206179 | 2,00 | 0,9953223 | 0,0046777 | |
| 0,40 | 0,4283924 | 0,5716076 | 2,10 | 0,9970205 | 0,0029795 | |
| 0,45 | 0,4754817 | 0,5245183 | 2,20 | 0,9981372 | 0,0018628 | |
| 0,50 | 0,5204999 | 0,4795001 | 2,30 | 0,9988568 | 0,0011432 | |
| 0,55 | 0,5633234 | 0,4366766 | 2,40 | 0,9993115 | 0,0006885 | |
| 0,60 | 0,6038561 | 0,3961439 | 2,50 | 0,9995930 | 0,0004070 | |
| 0,65 | 0,6420293 | 0,3579707 | 2,60 | 0,9997640 | 0,0002360 | |
| 0,70 | 0,6778012 | 0,3221988 | 2,70 | 0,9998657 | 0,0001343 | |
| 0,75 | 0,7111556 | 0,2888444 | 2,80 | 0,9999250 | 0,0000750 | |
| 0,80 | 0,7421010 | 0,2578990 | 2,90 | 0,9999589 | 0,0000411 | |
| 0,85 | 0,7706681 | 0,2293319 | 3,00 | 0,9999779 | 0,0000221 | |
| 0,90 | 0,7969082 | 0,2030918 | 3,10 | 0,9999884 | 0,0000116 | |
| 0,95 | 0,8208908 | 0,1791092 | 3,20 | 0,9999940 | 0,0000060 | |
| 1,00 | 0,8427008 | 0,1572992 | 3,30 | 0,9999969 | 0,0000031 | |
| 1,10 | 0,8802051 | 0,1197949 | 3,40 | 0,9999985 | 0,0000015 | |
| 1,20 | 0,9103140 | 0,0896860 | 3,50 | 0,9999993 | 0,0000007 |

Die Definitionsgleichung der Fehlerfunktion kann auf komplexe Argumente ausgeweitet werden:
In diesem Fall ist eine komplexwertige Funktion. Unter komplexer Konjugation gilt
Die imaginäre Fehlerfunktion ist gegeben durch
mit der Reihenentwicklung
Zur Berechnung können und weitere verwandte Funktionen auch durch die Faddeeva-Funktion ausgedrückt werden. Die Faddeeva-Funktion ist eine skalierte komplexe komplementäre Fehlerfunktion und auch als relativistische Plasma-Dispersions-Funktion bekannt. Sie ist mit den Dawson-Integralen und dem Voigt-Profil verwandt. Eine numerische Implementierung von Steven G. Johnson steht als C-Bibliothek libcerf zur Verfügung.