Nitrosopumilus ist eine im Meerwasser sehr häufig vorkommende Gattung von Archaeen aus dem Reich Thermoproteati (früher „TACK-Superphylum“).
Die Gattung ist das erste Mitglied der Ordnung Nitrosopumilales (früher: Gruppe 1a) der KlasseNitrososphaeria („Thaumarchaeen“) von der ein Vertreter in Reinkultur isoliert werden konnte und wurde früher auch als Marine Group I (MG-I) bezeichnet.
Gensequenzen deuten darauf hin, dass die Nitrosopumilales im oligotrophen Bereichen der Ozeanoberflächen allgegenwärtig sind und in den meisten nicht zu küstennahen Meereszonen der Erde vorkommen.
Die Typusart der Gattung ist Nitrosopumilus maritimus (mit Referenzstamm SCM1), ein Organismus, der von der Oxidation von Ammoniak (bzw. Ammonium-Ionen) zu Nitrit lebt. Der für die Oxidation von Ammoniak benötigte Sauerstoff kann dabei ggf. über einen besonderen Stoffwechselweg produziert werden, der neben Sauerstoff (O2) auch Distickstoff (N2) erzeugt. N. maritimus ist damit von der Anwesenheit von Sauerstoff unabhängig und gehört zu den Organismen, die im Dunkeln Sauerstoff produzieren können.
Die Typusart, Nitrosopumilus maritimus ist ein Ammoniak-oxidierender Vertreter der „Thaumarchaeota“ (heute offiziell Nitrososphaeria) und wurde 2005 aus einem Aquarium isoliert. Es war das erste Mitglied dieser Archaeengruppe, das erfolgreich kultiviert werden konnte.
Früher dachte man, dass Archaeen nur in extremen Umgebungen vorkommen. Aber bereits 1992 wurde eine 16S-rRNA-Sequenz in „gewöhnlicher“ Meeresumwelt entdeckt, von der man annahm, dass sie zu den Archaeen gehört, und die als marine Archaeengruppe 1 (MAG-1) oder ähnlich bezeichnet wurde. Mitglieder dieser Gruppe waren jedoch schwer zu isolieren; obwohl mit „CandidatusCenarchaeum symbiosum“ 1996 ein symbiotisch in Schwämmen lebender Vertreter entdeckt wurde, wurden kaum Fortschritte erzielt, und die Ökologie dieser Organismen blieb ein Rätsel.
Im Jahr 2005 wurde dann Nitrosopumilus maritimus aus einem Aquarium für tropische Meeresfische im Seattle Aquarium isoliert (Stamm SCM1). Aufgrund der Morphologie und der 16S-rRNA-Sequenz wurde gleich vermutet, dass dieser Organismus zu den oben erwähnten marinen Archaeengruppe 1 (MAG-1) gehört. Wie man herausfand, kann dieses Archaeon autotroph wachsen, indem es Ammoniak zu Nitritoxidiert. Außerdem kann die DNA eng verwandter Archaeen kann im Boden nachgewiesen werden. Die nachgewiesene Menge Ammoniak-oxidierender Archaeen (AOA) könnte 10-100 mal höher sein als die von ammoniakoxidierenden Bakterien (AOB). Man nimmt daher an, dass die AOA eine wichtige Position im Stickstoffkreislauf einnehmen. Ähnliche Nitrit-Archaeen, jedoch thermophile, wurden 2007 mit „Ca.Nitrososphaera gargensis“ und 2008 mit „Ca. Nitrosocaldus yellowstonensis“ gefunden.
Die Gestalt (Morphologie) der Zellen von N. maritimus ist stäbchenförmig mit einer Größe von etwa 0,5µm und einem Durchmesser von 0,2µm. Das Genom dieses Archaeons wurde im Jahr 2007 entschlüsselt, seine Größe beträgt 1.645.259 Basenpaare (1.795 ORFs); die offizielle Erstbeschreibung erfolgte 2017.
Systematik
Arten
Die gegenwärtig (Juli 2025) akzeptierte Taxonomie der Gattung basiert auf folgenden Quellen:
Referenzstamm NM25(L,N,G) alias ATCC TSD-147; NBRC 111181(L,N) – Fundort: aus dem Sand einer Seegraszone vor der Küste von Shimoda (Izu-Halbinsel, Präfektur Shizuoka, Japan) isoliert.
Der erste Teil des Gattungsnamens Nitrosopumilus leitet sich ab von lateinischnitrosus, das seinerseits von altgriechischνίτρονnítron, deutsch ‚Salpeter‘ abstammt, und Nitrate oder Nitrite bezeichnet (Kalisalpeter, Chilesalpeter, nicht zu verwechseln mit Natron oder der Chemikalie Nitron), vgl. Bakteriengattung Nitrosomonas. Der zweite Teil kommt von lat. pumilus‚Zwerg‘.
Der Name kennzeichnet also einen Zwerg, der Nitrat (oder Nitrit) produziert.
Das Artepitheton der Typusart, maritimus ist ebenfalls lateinisch und bedeutet ‚zum Meer gehörend‘, was den Lebensraum dieser Organismen beschreibt.
Das Artepitheton cobalaminigenes kommt von Cobalamin (Vitamin B12) und altgr. γεννάωgennaō, deutsch ‚gebären, produzieren, machen‘, ein Hinweis auf die hohen Cobalamin-Erzeugungsraten des Referenzstammes dieser Gattung.
Das Artepitheton oxyclinae kommt von altgr, ὀξύςoxýs, deutsch ‚scharf, spitz, sauer‘ und κλίνωklinō, deutsch ‚sich beugen, sich neigen‘, lateinisch[de]clinare (vgl. Deklination = Flexion = Beugung). Dies mit Bezug auf die Oxykline (Grenze zwischen Schichten unterschiedlichen Sauerstoffgehalts in der Wassersäule), aus der der Referenzstamm dieser Gattung isoliert wurde.
Das Artepitheton ureiphilus kommt von lateinischurea‚Harnstoff‘ und (latinisiert) von altgr. φίλωνphílōn, deutsch ‚liebend‘ bzw. φίλοςphílos, deutsch ‚liebend, geliebt, lieb, teuer, angenehm‘, bedeutet also zusammen „harnstoffliebend“.
Das Artepitheton zosterae ist neulateinischer Genitiv des Gattungsnamens Zostera (Seegräser, en. eelgrass), und bezieht sich auf das Habitat dieser Spezies.
„Nitrosopumilus cobalaminigenes“
Die Zellen dieser Spezies sind gerade kleine Stäbchen von 0,65-1,27μm Länge und 0,15-0,26μm Breite.
Die Zellen sind nicht motil (nicht beweglich).
Optimales Wachstum bei 0,2-1,0mᴍ (mmol/ℓ) an Ammonium, wobei Werte von bis zu 10mᴍ toleriert werden (bei einem pH-Wert von 7,5).
Wachstum wird beobachtet bei Temperaturen im Bereich von 10-30°C (optimal 25°C) und einem Salzgehalt von 15-40‰ (optimal 32 ‰).
Unter günstigsten Bedingungen erfolgt eine Zweiteilung (Verdopplung der Zellzahl) alle 30 Stunden.
Die Zellen sind lichtempfindlich und können durch gewöhnliche Tages-Nacht-Zyklen bei ausreichender Lichtintensität in der Tagesphase vollständig am Wachstum gehemmt werden.
Diese Archaeen besitzen keine Urease. Cobalamin (Vitamin B12) wird erzeugt bis zu einer hohen Konzentration von 9300 – 11600nmol B12 pro Mol Zellkohlenstoff, worauf das Namensepitheton hinweist.
Die Zellen dieser Spezies sind Stäbchen von 0,69-0,93μm Länge und 0,17-0,26μm Breite.
Die Zellen sind nicht motil (nicht beweglich).
Sie tolerieren Ammonium in relativ hohen Konzentrationen von bis zu 1mM (mmol/ℓ) bei einem pH-Wert von 7,5.
Sie wachsen bei einem pH-Wert von 6,4-7,8 (optimal 7,3),
Temperaturen zwischen 4 und 30°C (optimal 30°C)
und einem Salzgehalt von 10-40‰ (optimal 25 ‰)
Unter günstigsten Bedingungen erfolgt eine Zweiteilung (Verdopplung der Zellzahl) alle 33 Stunden.
Diese Archaeen besitzen keine Urease.
Die Zellen sind zur Synthese von Cobalamin (Vitamin B12) fähig, wobei die erreichten Konzentrationen bei 4200 – 5300nmol B12 pro Mol Zellkohlenstoff liegen.
Die Zellen dieser Spezies sind gerade oder leicht gebogene Stäbchen von 0,76-1,59μm Länge und 0,22-0,26μm Breite.
Die Zellen sind nicht motil (nicht beweglich), obwohl Gene für ein Archaeen-Flagellum (Geißel) und Chemotaxis bedeuten könnten, dass die Zellen unter bestimmten Bedingungen bewegungsfähig sind.
Die maximale Ammoniumtoleranz beträgt 20mM (mmol/ℓ) bei einem pH-Wert von 7,5.
Die Zellen wachsen am besten bei einer normalen Sauerstoff-Konzentration von 21%, sie oxidieren aber auch bei sehr geringen Sauerstoffkonzentrationen weiterhin aktiv Ammoniak und teilen sich.
Der optimale pH-Wert liegt bei 6,8, aber die Zellen wachsen auch noch bei einem pH-Wert von 5,9
Wachstum erfolgt bei Temperaturen zwischen 10 und 30°C (optimal bei 26°C) und bei einem Salzgehalt von 15-40‰ (optimal 25-32 ‰).
Unter günstigsten Bedingungen erfolgt eine Zweiteilung (Verdopplung der Zellzahl) ca. alle 54 Stunden.
Die Zellen sind lichtempfindlich und können durch gewöhnliche Tages-Nacht-Zyklen bei ausreichender Lichtintensität in der Tagesphase vollständig am Wachstum gehemmt werden.
Harnstoff kann als Ammoniakquelle für die Energiegewinnung und das Wachstum dienen.
Die Zellen sind zur Synthese von Cobalamin (Vitamin B12) fähig, wobei die erreichten Konzentrationen bei 4700 – 5900nmol B12 pro Mol Zellkohlenstoff liegen.
Der Referenzstamm PS0T (alias ATCC:TSD-99T) wurde aus einem küstennahen Oberflächensediment am Puget Sound im US-BundesstaatWashington isoliert.
Der Referenzstamm NM25T wurde aus Sedimenten der Seegraszone der Küste von Shimoda (Izu-Halbinsel, Präfektur Shizuoka, Japan) isoliert.
Die Zellen sind stäbchenförmig und haben eine S-förmige Zellwand. Der Temperaturbereich für das Wachstum liegt zwischen 20 und 37°C (optimal bei 30°C); der pH-Bereich liegt zwischen 6,1 und 7,7 (optimal bei 7,1); der Salinitätsbereich (Salzkonzentration) für das Wachstum liegt bei 5–40% (optimal bei ca. 15–32%. Die Zellen beziehen ihre Energie aus der Oxidation von Ammoniak und nutzten Bikarbonat als Kohlenstoffquelle; eine Verwertung von Harnstoff wurde nicht beobachtet. Der Stamm NM25T benötigte einen Wasserstoffperoxid-Scavenger (Abfänger) wie α-Ketoglutarat, Pyruvat oder Katalase für ein anhaltendes Wachstum auf Ammoniak.
Einige organische Verbindungen oder Mischungen derselben können das Wachstum von NM25T bereits in niedrigen Konzentrationen hemmen, darunter Glycerin, Pepton und Hefeextrakt.
Die phylogenetische Analyse zeigte 2021, dass der engste Verwandte Nitrosopumilus ureiphilus (Stamm PS0T) ist, mit Sequenzähnlichkeiten von 99,5% für die 16S-rRNA und 97,2% für das amoA-Gen.
Der Nitrosopumilus-Stamm SW (‚Surface water‘, im Taxonomy Browser des National Center for Biotechnology Information – NCBI – und im und World Register of Marine Species – WoRMS – als nicht-klassifizierte Spezies N. sp. SW bzw. Ca. N. sp. SW gelistet, in der GTDB der Spezies Nitrosopumilus sp006740685 zugeordnet) wurde aus dem Gelben Meer bei Südkorea isoliert. Sein Gen für das Protein amoA (ammonia monooxygenase subunit A) und seine 16S-rRNA wurden (teilweise) sequenziert (Kim, 2016). Diese Untersuchungen legen offenbar nahe, dass die Wasserstoffperoxid-Entgiftung ein Schlüsselmechanismus für das Wachstum mariner Ammoniak-oxidierender Archaeen ist.
Nach einer in PNAS veröffentlichten Studie von Kim etal. (2019) clustert der Stamm SW mit den beiden Stämmen SCM1 und NAOA6 von Nitrosopumilus maritimus (siehe Supplement, Fig.S1), könnte also möglicherweise derselben Spezies angehören (statt wie beim NCBI und bei der WoRMS provisorisch angenommen eine eigene Spezies zu bilden).
Archaeen der Gattung Nitrosopumilus werden von Viren der Familie Thaspiviridae parasitiert, darunter befinden sich eine Reihe von Stämmen oder Isolaten, die englisch als Nitrosopumilus spindle-shaped viruses (NSVs) bezeichnet werden.
Nach der in PNAS veröffentlichten Studie von Kim etal. (2019) infizieren die Virenstämme NSV1, NSV2 und NSV3 aus Proben von der Westküste der koreanischen Halbinsel den Nitrosopumilus-Stamm SW. Die Viruspartikel (Virionen) dieser NSVs sind spindel- oder zitronenförmig bei einem Durchmesser von 64 ± 3nm und einer Länge von 112 ± 6nm in der Länge, mit einem kurzen Schwanz an einem der beiden Pole.
Die morphologischen Merkmale dieser NSVs sind damit denen von Viren der Familien Fuselloviridae und Halspiviridae, die hyperthermophile bzw. hyperhalophile Archaeen infizieren, sehr ähnlich.
Im (angenommenen) Vorschlag von Kim etal. (2019) an des International Committee on Taxonomy of Viruses (ICTV) heißt es aber, dass NSV1, NSV2 und NSV3 gerade den Referenzstamm SCM1 von Nitrosopumilus maritimus infizieren. Das ICTV hat 2020 für diese Stämme die gemeinsame Virusspezies Nitmarvirus NSV1 (inzwischen umbenannt in Nitmarvirus maris) geschaffen, monotypisch in der Gattung Nitmarvirus der Familie Thaspiviridae (aktueller Stand Januar 2022). Dies löst eine ältere Klassifizierung der Virusgattung als Mitglied der Gattung Alphafusellovirus (Familie Fuselloviridae) ab und wird mit dafür ausreichenden Unterschieden im Genom der beiden Virusgattungen begründet. In Detail (Stand 21. Juli 2025):
Über diese drei Viren – beim NCBI als Isolate bezeichnet – hinaus sind dort noch weitere NSVs (Nitrosopumilus spindle-shaped viruses) aufgeführt: NSV4 bis NSV7 (Stand 1. Februar 2022).
Der Unterschied in der Virusanfälligkeit selbst einander nahestehender Nitrosopumilus-Stämme kann durch geringfügige Unterschiede bedingt sein, wie etwa verschieden gut wirkende Abwehrmechanismen der Archaeen oder das Vorhandensein spezifischer Virusrezeptoren an der Oberfläche der Archaeenzellen.
Viren als Parasiten Ammoniak-oxidierende Archaeen (AOA) sind zwar noch wenig erforscht (Stand 2019).
Der AOA sind jedoch bedeutende Akteure im globalen Stickstoffkreislauf, und daher stellen NSVs eine potenziell wichtige Gruppe mariner Viren dar.
Die weite Verbreitung von NSVs in AOA-haltigen Meeresumgebungen deutet darauf hin, dass diese Parasiten die Vielfalt und Dynamik von AOA-Gemeinschaften regulieren und dadurch den Kohlenstoff- und Stickstoffkreislauf beeinflussen.
Darüber hinaus bieten die NSVs wichtige Einblicke in die Vielfalt und Evolution der Virosphäre der Archaeenviren.
↑NCBI: nur unter Nucleotide (GenBank), nicht im Taxonomy Browser
Weiterführende Literatur und Weblinks
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