Faserung

Der Begriff der Faserung verallgemeinert den Begriff eines Faserbündels und spielt in der algebraischen Topologie, einem Teilgebiet der Mathematik eine wichtige Rolle. Anwendung finden Faserungen zum Beispiel in Postnikow-Systemen oder der Obstruktionstheorie.

In diesem Artikel sind alle Abbildungen stetige Abbildungen zwischen topologischen Räumen.

Definitionen

Homotopie-Hochhebungseigenschaft

Eine Abbildung p:E→B erfüllt die Homotopie-Hochhebungseigenschaft für einen Raum X, falls:

  • für jede Homotopie h:X×[0,1]→B und
  • für jede Abbildung (auch Lift genannt) h~0:X→E, die h0=h|X×0 hochhebt (bzw. liftet) (d. h. h0=p∘h~0),

existiert eine Homotopie h~:X×[0,1]→E, die h hochhebt (d. h. h=p∘h~) mit h~0=h~|X×0.

Das folgende kommutative Diagramm zeigt die Situation:

Faserung

Eine Faserung (oder auch Hurewicz-Faserung) ist eine Abbildung p:E→B, welche die Homotopie-Hochhebungseigenschaft für alle Räume X erfüllt. Der Raum B wird Basisraum und der Raum E wird Totalraum genannt. Als Faser über b∈B bezeichnet man den Unterraum p−1(b)=Fb⊆E.

Serre-Faserung

Eine Serre-Faserung (auch schwache Faserung genannt) ist eine Abbildung p:E→B, welche die Homotopie-Hochhebungseigenschaft für alle CW-Komplexe erfüllt.[1]S.375−376

Jede Hurewicz-Faserung ist eine Serre-Faserung.

Quasifaserung

Eine Abbildung p:E→B wird Quasifaserung genannt, falls für jedes b∈B, e∈p−1(b) and i≥0 gilt, dass die induzierte Abbildung p∗:πi(E,p−1(b),e)→πi(B,b) ein Isomorphismus ist.

Jede Serre-Faserung ist eine Quasifaserung.[5]S.241−242

Beispiele

Grundlegende Konzepte

Faser-Homotopieäquivalenz

Eine Abbildung f:E1→E2 zwischen Totalräumen von zwei Faserungen p1:E1→B und p2:E2→B mit gleichem Basisraum ist ein Faserungs-Homomorphismus, falls das Diagramm

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kommutiert. Die Abbildung f ist eine Faser-Homotopieäquivalenz, falls zusätzlich ein Faserungs-Homomorphismus g:E2→E1 existiert, sodass die Verknüpfungen f∘g bzw. g∘f homotop, durch Faserungs-Homomorphismen, zu den Identitäten IdE2 bzw. IdE1sind.

Pullback-Faserung

Gegeben seien eine Faserung p:E→B und eine Abbildung f:A→B. Die Abbildung pf:f∗(E)→A ist eine Faserung, wobei f∗(E)={(a,e)∈A×E|f(a)=p(e)} der Pullback ist und die Projektionen von f∗(E) auf A und E das kommutative Diagramm liefern:

Die Faserung pf wird Pullback-Faserung oder auch induzierte Faserung genannt.

Wegeraum-Faserung

Mit der Wegeraumkonstruktion kann jede stetige Abbildung zu einer Faserung erweitert werden, indem man den Definitionsbereich der Abbildung zu einem homotopieäquivalenten Raum vergrößert. Diese Faserung wird dann Wegeraum-Faserung genannt.

Der Totalraum Ef der Wegeraum-Faserung für eine stetige Abbildung f:A→B zwischen topologischen Räumen besteht aus Paaren (a,γ) mit a∈A und Wegen γ:I→B mit Startpunkt γ(0)=f(a) , wobei I=[0,1] das Einheitsintervall ist. Der Raum Ef={(a,γ)∈A×BI|γ(0)=f(a)} trägt die Teilraumtopologie von A×BI, wobei BI den Raum aller Abbildungen I→B beschreibt und die Kompakt-Offen-Topologie trägt.

Die Wegeraum-Faserung ist durch die Abbildung p:Ef→B mit der Abbildungsvorschrift p(a,γ)=γ(1) gegeben. Die Faser Ff wird auch Homotopie-Faser von f genannt und besteht aus den Paaren (a,γ) mit a∈A und Wegen γ:[0,1]→B, wobei γ(0)=f(a) und γ(1)=b0∈B gilt.

Für den Spezialfall der Inklusion des Basispunktes i:b0→B, ergibt sich ein wichtiges Beispiel der Wegeraum-Faserung. Der Totalraum Ei besteht aus allen Wegen in B, die am Punkt b0 starten. Dieser Raum wird mit PB gekennzeichnet und Wegeraum genannt. Die Wege-Faserung p:PB→B ordnet jedem Weg seinen Endpunkt zu, weshalb die Faser p−1(b0) aus allen geschlossenen Wegen besteht. Die Faser wird mit ΩB gekennzeichnet und Schleifenraum genannt.[1]S.407−408

Eigenschaften

Puppe-Sequenz

Für eine Faserung p:E→B mit Faser F und Basispunkt b0∈B ist die Inklusion F↪Fp der Faser in die Homotopie-Faser eine Homotopieäquivalenz. Die Abbildung i:Fp→E mit i(e,γ)=e, wobei e∈E und γ:I→B ein Weg von p(e) nach b0 im Basisraum sind, ist eine Faserung. Sie ist die Pullback-Faserung der Wege-Faserung PB→B. Dieses Vorgehen kann nun wieder auf die Faserung i angewandt und iteriert werden. Dies führt zu einer langen Sequenz:

⋯→Fj→Fi→jFp→iE→pB.

Die Faser von i über einem Punkt e0∈p−1(b0) besteht aus genau den Paaren (e0,γ) mit geschlossenen Wegen γ und Startpunkt b0, also dem Schleifenraum ΩB. Die Inklusion ΩB→F ist eine Homotopieäquivalenz und durch Iteration ergibt sich die Sequenz:

⋯Ω2B→ΩF→ΩE→ΩB→F→E→B.

Durch die Dualität von Faserung und Kofaserung existiert auch eine Sequenz von Kofaserungen. Diese beiden Sequenzen sind unter dem Namen Puppe-Sequenzen oder auch Sequenz von Faserungen bzw. Kofaserungen bekannt.[1]S.407−409

Hauptfaserung

Eine Faserung p:E→B mit Faser F wird Hauptfaserung genannt, falls ein kommutatives Diagramm existiert:

Die untere Zeile ist eine Sequenz von Faserungen und die vertikalen Abbildungen sind schwache Homotopieäquivalenzen. Hauptfaserungen spielen eine wichtige Rolle bei Postnikow-Türmen.[1]p.412

Lange exakte Homotopiesequenz

Für eine Serre-Faserung p:E→B existiert eine lange exakte Sequenz von Homotopiegruppen. Für Basispunkte b0∈B und x0∈F=p−1(b0) ist diese gegeben durch:

⋯→πn(F,x0)→πn(E,x0)→πn(B,b0)→πn−1(F,x0)→⋯→π0(F,x0)→π0(E,x0).

Die Homomorphismen πn(F,x0)→πn(E,x0) und πn(E,x0)→πn(B,b0) sind die induzierten Homomorphismen der Inklusion i:F↪E und der Projektion p:E→B.[1]S.376

Hopf-Faserungen

Unter den Hopf-Faserungen versteht man eine Familie von Faserbündeln, deren Faser, Totalraum und Basisraum Sphären sind:

S0↪S1→S1,
S1↪S3→S2,
S3↪S7→S4,
S7↪S15→S8.

Die lange exakte Homotopiesequenz der Hopf-Faserung S1↪S3→S2 liefert:

⋯→πn(S1,x0)→πn(S3,x0)→πn(S2,b0)→πn−1(S1,x0)→⋯→π1(S1,x0)→π1(S3,x0)→π1(S2,b0).

Die Sequenz zerfällt in kurze exakte Sequenzen, da die Faser S1 in S3 zu einem Punkt zusammengezogen werden kann:

0→πi(S3)→πi(S2)→πi−1(S1)→0.

Diese kurze exakte Sequenz zerfällt wegen des Einhängungshomomorphismus ϕ:πi−1(S1)→πi(S2) und es gibt Isomorphismen:

πi(S2)≅πi(S3)⊕πi−1(S1).

Die Homotopiegruppen πi−1(S1) sind für i≥3 trivial, weshalb es Isomorphismen zwischen πi(S2) und πi(S3) ab i=3 gibt. Analog kann die Faser S3 in S7 und die Faser S7 in S15 zu einem Punkt zusammengezogen werden. Die kurzen exakten Sequenzen zerfallen weiter, wodurch es Familien von Isomorphismen gibt:

πi(S4)≅πi(S7)⊕πi−1(S3) und πi(S8)≅πi(S15)⊕πi−1(S7).[6]S.111

Spektralsequenz

Spektralsequenzen sind wichtige Hilfsmittel in der algebraischen Topologie zur Berechnung von (Ko-)Homologiegruppen.

Die Leray-Serre-Spektralsequenz stellt einen Zusammenhang zwischen der (Ko-)Homologie von Totalraum und Faser mit der (Ko-)Homologie des Basisraums einer Faserung her. Für eine Faserung p:E→B mit Faser F, wobei der Basisraum ein wegzusammenhängender CW-Komplex ist, und einer additiven Homologietheorie G∗ existiert eine Spektralsequenz:

Hk(B;Gq(F))≅Ek,q2⟹Gk+q(E).[7]S.242

Faserungen liefern in der Homologie keine langen exakten Sequenzen, wie in der Homotopie. Aber unter bestimmten Bedingungen, liefern Faserungen exakte Sequenzen in der Homologie. Für eine Faserung p:E→B mit Faser F, wobei Basisraum und Faser wegzusammenhängend sind, die Fundamentalgruppe π1(B) auf H∗(F) trivial operiert und zusätzlich die Bedingungen Hp(B)=0 für 0<p<m und Hq(F)=0 für 0<q<n gelten, existiert eine exakte Sequenz:

Hm+n−1(F)→i∗Hm+n−1(E)→f∗Hm+n−1(B)→τHm+n−2(F)→i∗⋯→f∗H1(B)→0.[7]S.250

Diese Sequenz kann z. B. benutzt werden, um den Satz von Hurewicz zu beweisen oder um die Homologiegruppen von Schleifenräumen der Form ΩSn zu berechnen:

Hk(ΩSn)={ℤ∃q∈ℤ:k=q(n−1)0sonst.[8]S.162

Für den Spezialfall einer Faserung p:E→Sn, bei welcher der Basisraum eine n-Sphäre mit Faser F ist, existieren exakte Sequenzen (auch Wang Sequenzen genannt) für Homologie und Kohomologie:

⋯→Hq(F)→i∗Hq(E)→Hq−n(F)→Hq−1(F)→⋯
⋯→Hq(E)→i∗Hq(F)→Hq−n+1(F)→Hq+1(E)→⋯[4]S.456

Orientierbarkeit

Für eine Faserung p:E→B mit Faser F und einem festen kommutativen Ring R mit Eins existiert ein kontravarianter Funktor von dem Fundamentalgruppoid von B zur Kategorie von graduierten R-Moduln, welcher jedem b∈B den Modul H∗(Fb,R) und der Wegeklasse [ω] den Homomorphismus h[ω]∗:H∗(Fω(0),R)→H∗(Fω(1),R) zuordnet, wobei h[ω] eine Homotopieklasse in [Fω(0),Fω(1)] ist.

Eine Faserung wird orientierbar über R genannt, falls für jeden geschlossenen Weg ω in B gilt: h[ω]∗=1.[4]S.476

Euler-Charakteristik

Für eine über einem Körper 𝕂 orientierbare Faserung p:E→B mit Faser F und wegzusammenhängendem Basisraum ist die Euler-Charakteristik des Totalraums definiert durch:

χ(E)=χ(B)χ(F).

Die Euler-Charakteristiken des Basisraums und der Faser sind dabei über dem Körper 𝕂 definiert.[4]S.481

Literatur

Einzelnachweise

  1. 1 2 Edwin Henry Spanier: Algebraic topology. 1. corr. Springer ed Auflage. Springer, New York Berlin Barcelona Budapest 1995, ISBN 978-0-387-94426-5, S. 66.
  2. 1 2 Allen Hatcher: Algebraic topology. 14th printing 2015 Auflage. Cambridge University Press, Cambridge 2015, ISBN 978-0-521-79160-1, S. 405–406.