




Stift Fischbeck (auch Visbeck) ist ein evangelisches Damenstift im Hessisch Oldendorfer Stadtteil Fischbeck in Niedersachsen.
Das Stift Fischbeck wurde 955 von der Edelfrau Helmburg aus dem sächsischen Geschlecht der Ecbertiner als Kanonissenstift gegründet. Das verkehrsgünstig nahe bei Hameln gelegene Stift wurde von dem sächsischen König und späteren Kaiser Otto I. mit Schutzprivileg und Gründungsgut ausgestattet.
Ungeachtet der Privilegierung des Stifts veranlasste 1147 König Konrad III. die Übereignung Fischbecks und des Klosters Kemnade wegen angeblich notwendiger Reformen an die Benediktinerabtei Corvey. Die illegale Inkorporation scheiterte jedoch am Widerstand Papst Eugens III., Bischof Heinrichs I. von Minden, Herzog Heinrichs von Sachsen als Vogt und Graf Adolfs II. von Schaumburg als Untervogt des Stifts. Ein nach diesen Ereignissen von Papst Hadrian IV. erbetener Schutzbrief stellte die Fischbecker Kanonissen 1158 unter päpstlichen Schutz. Ihnen wurde darin die Exemtion – die Unabhängigkeit vom Bischof – gewährt, was Bemühungen Bischof Heinrichs von Minden verhinderte, das Kanonissenstift in ein Mönchskloster umzuwandeln. Trotz weiterer Schutzurkunden, die sich das Stift in den folgenden Jahrhunderten von Päpsten und Königen ausstellen ließ, konnte die Vereinnahmung durch die schaumburgische Landeshoheit und die Einflussnahme der Mindener Bischöfe auf das religiöse Leben im Stift nicht verhindert werden. Um 1260 wurde das bis dahin freie Kanonissenstift in ein Stift für Augustiner-Regularkanonissen umgewandelt.
Eine monastische Reform im Sinne der von der Windesheimer Kongregation ausgehenden Bewegung der devotio moderna führte um 1450 die bedeutende Äbtissin Armgard von Reden (1452–1482) durch. Die Reform des Klosterlebens führte zur Wiederaufnahme des Chordienstes, zur Einführung einer strengen Klausur sowie zur vita communis der Nonnen und brachte dem Kloster einen großen Zulauf. Nach dem Tod Armgards führten der Mindener Bischof Heinrich und der Schaumburger Graf Erich III. 1485 gegen den Einspruch der Fischbecker Koventualinnen die Augustinerregel ein.
1559 wurde erstmals auf Veranlassung Graf Ottos IV. lutherischer Gottesdienst in der Stiftskirche gehalten. Der anfängliche Widerstand gegen die Reformation wurde durch einen 1566 mit den Ständen der Grafschaft Schaumburg geschlossenen Vertrag entschärft, in dem sich Graf Otto zum Erhalt des Stiftes verpflichtete. Das Kloster wurde in ein evangelisches adliges Damenstift umgewandelt. Im Dreißigjährigen Krieg erlitt das Stift 1625 schwere Schäden durch plündernde kaiserliche Truppen.
Aus der schaumburgischen Landesteilung 1648 ging die Grafschaft Hessen Schaumburg hervor, zu der das Stift in der Folgezeit gehörte. 1810 wurde das Stift unter König Jérôme von Westphalen aufgehoben, aber schon 1814 wiederhergestellt. 1866 fiel die ehemalige Grafschaft Schaumburg gemeinsam mit Kurhessen an Preußen. Kaiser Wilhelm II. übernahm 1904 die Schirmherrschaft über das Stift und übergab 1909 der Äbtissin Antonie von Buttlar einen Äbtissinnenstab. Seit 1946 nimmt der Präsident oder die Präsidentin der Klosterkammer Hannover die Aufgaben eines niedersächsischen Landeskommissars für das Stift Fischbeck wahr. 1955 feierte das Stift sein tausendjähriges Jubiläum. Heute leben Frauen in christlicher Gemeinschaft im Stift und widmen sich Aufgaben im kirchlichen, sozialen und kulturellen Bereich.
Die Stiftskirche hat ihren Ursprung im frühen 12. Jahrhundert als dreischiffige flachgedeckte Kreuzbasilika mit Westriegel und Krypta. Der Wiederaufbau nach einem Brand 1234 führte zu architektonischen Veränderungen vor allem an Chor und Langschiff.
Apsis, Sockel des Chorquadrats und Westriegel sind in Quadermauerwerk errichtet, Langhaus, Chor oberhalb des Sockels und Querschiff in verputztem Bruchsteinmauerwerk mit Eckquadern. Querschiff und Langhaus sind ohne Baudekorationen. Die Apsis und der Chor sind durch reiche Gliederung und eine Dekoration von stabähnlicher Arkatur hervorgehoben. Bemerkenswert sind die länglichen Sechspassfenster der Apsis, vergleichbar den rheinischen Schlüsselloch- oder Fächerfenstern.
Der Mitte des 12. Jahrhunderts als eigenständiger Baukörper errichtete Westriegel besteht aus Quadermauerwerk. Er ist durch Gesimse in fünf Geschosse mit kleinen Fenstern gegliedert. Die Westvorhalle ist zum großen Teil eine Rekonstruktion des 20. Jahrhunderts.
Die Wände des schlichten Mittelschiffs sind von einer schmalen und hohen Arkadenreihe gegliedert. Die niedrigen Seitenschiffe sind schmal und erreichen nicht die Hälfte des Mittelschiffs. Sie werden mit Balkendecken abgeschlossen.
Über eine breite Treppe gelangt man in den aus Querhaus, Chor und Apsis bestehenden Ostteil. Das Kuppelgewölbe in der Vierung entstand erst 1903/04.
Das älteste Bauteil ist die dreischiffige Hallenkrypta aus der Zeit um 1120. Für die aus einem Stück gearbeiteten Vierlingssäulen hat man noch kein Vorbild in anderen Kirchen gefunden. Die Krypta wurde hochwassergeschützt errichtet, dadurch liegt der Chor über ihr auffallend hoch.
Als dreischiffige Basilika entspricht die Kirche anderen Kirchen hochadeliger Frauenstifte jener Zeit. Sie ist geprägt durch die sächsische Architektur mit Stützenwechsel (Säule/Pfeiler/Säule usw.), Flachdecke, Vierung und Westriegel.
1903 ermöglichten ein Geschenk Kaiser Wilhelm II. in Höhe von 20.000 Mark sowie zahlreiche andere Spenden eine umfangreiche Renovierung. Die bauliche Umgestaltung lag in den Händen des Bauhistorikers Albrecht Haupt aus Hannover. Der romanische Gesamteindruck wurde neu akzentuiert und weiterentwickelt. Der gesamte Innenraum erhielt nach den Entwürfen des Innenarchitekten Hermann Schapers aus Hannover eine dekorative Ausmalung, die auf mittelalterlichen Vorlagen basiert und überwiegend ornamental und floral ist.
Zur Ehre des kaiserlichen Spenders bekam die Holzdecke einen Reichsadler.
Im Chor sieht man Darstellungen von Bethlehem mit dem Stern und von Jerusalem mit dem Kreuz, in der Apsis von Christus als Weltenrichter und in der Vierungskuppel vom Lamm Gottes.
Zur Einweihung der renovierten Kirche 1904 kamen Kaiser Wilhelm II. und die Kaiserin. Dabei übernahm er die Schirmherrschaft über das Stift. 1909 wurde der Besuch wiederholt.
Vor der Ausstattung aus der Zeit vor der Reformation sind nur noch wenige Einzelstücke erhalten.
Das Tympanon über dem Westportal zählt zu den ältesten Stücken. Es wurde 1902 bei einer Grabung in der Vorhalle gefunden. Christus hat die rechte Hand zum Segen erhoben, in der linken hält er das Buch des Lebens. Im oberen Bereich sind in einem Halbkreis die Strahlen der Sonne als Abbild des Himmels angeordnet. Der Strahlenkranz wird von einem Rankenornament gerahmt.
Das Reliquiar im südlichen Querschiff ist eine Kopie. Das aus Bronze gegossene und vergoldete Original entstand im ersten Viertel des 12. Jahrhunderts. Es befand sich jahrhundertelang im Stift. 1902 wurde es an das Kestner-Museum in Hannover verkauft, um die Renovierung der Kirche zu finanzieren.
Das Triumphkreuz der Fischbecker Stiftskirche ist 235 cm hoch und 165 cm breit, der Corpus misst 210 cm und die Armspannweite beträgt 165 cm. Die Kreuzbalken sind original, aber vermutlich an allen Enden gekürzt. Der Triumphbalken, auf dem das Kreuz seit einer Renovierung der Stiftskirche 1904 angebracht ist, wurde bei dieser Renovierung vermutlich höher als das Original angebracht. Der originale Triumphbalken ist nicht erhalten. Ob das Kreuz Teil einer Triumphkreuzgruppe war, ist nicht bekannt. Die Zehen weisen Bestoßungen auf. Am Haar sind einige Locken abgebrochen. Die beiden Kronen sind an das Haupt angeschnitzt. Die Arme des Kruzifixus sind gesondert geschnitzt und angedübelt. In der Schädelkalotte befindet sich eine Öffnung, möglicherweise ein Reliquiendepositum, das bei einer Restaurierung der Figur 1965 bereits leer vorgefunden wurde.
Das Kreuz entstammt dem niedersächsischen Kunstkreis. Auffällig sind besonders Rückgriffe auf tradierte Formen, wie die doppelte Krone und die geöffneten Augen. Ähnlichkeiten finden sich zu einem Triumphkreuz in Deckbergen sowie zum Triumphkreuz des Osnabrücker Doms, so dass das Fischbecker Kreuz in die Mitte des 13. Jahrhunderts datiert werden kann. Da die Fischbecker Stiftskirche 1234 durch Brand geschädigt und 1254 wieder geweiht wurde, kann das Kreuz mit dieser Neuweihe in Verbindung gebracht werden.
Im Chor steht auf einer Konsole eine nahezu lebensgroße Frauengestalt aus Holz aus dem 14. Jahrhundert. Sie trägt ein glattes, in der Mitte gegürteltes Gewand, über dem sie einen offenen Mantel mit der linken Hand hält. Ihr Kopftuch zeigt, dass sie verheiratet ist. Die Blockhaftigkeit der Figur und das verhaltene Bewegungsspiel von Spiel- und Standbein verbunden mit dem weichen Gesichtsausdruck sind kennzeichnend für die Skulpturen jener Zeit.
An der westlichen Chorwand steht ein 1360 entstandenes Grabdenkmal, das den Schaumburger Grafen Adolf VII mit seiner Frau, Heilwig zur Lippe und ihren Sohn Gerhard (später Bischof von Minden) zeigt. Zu ihren Füßen sind Löwe, Hund und Affe, Sinnbilder für Stärke, Treue und Überwindung der Laster.
Die Holzfigur wird in das 14. Jahrhundert datiert. Der aufrechte Körper ist von leuchtend roten und schwarzen Federn bedeckt. Die ausgebreiteten Flügel tragen ein Eisengestell für ein Buch. Die Klauen stehen auf einer Kugel.
Die streng symmetrische Figur aus Holz stammt aus dem 3. Viertel des 15. Jahrhunderts. Sie steht im linken Seitenschiff und zeigt Christus nach der Entkleidung unmittelbar vor der Kreuzigung.
An den nördlichen Langhauspfeilern sind die Figuren von Petrus und Paulus angebracht (Anfang des 16. Jahrhunderts). Ihre Gewänder haben einen starken Faltenwurf.
In der Stiftskirche hängt ein Wandteppich aus dem Jahr 1583, der auf sechs Bildern die Gründungsgeschichte des Stifts darstellt. Dieser Teppich inspirierte den Autor Manfred Hausmann zu seinem Legendenspiel Der Fischbecker Wandteppich (1955), welches mehrfach in der Stiftskirche in Fischbeck aufgeführt wurde.
Der barocke Altaraufsatz über dem mittelalterlichen Altartisch enthält eine Kreuzigungsdarstellung von dem Dresdner Maler Karl Christian Andreae von 1874.
Die 1710 entstandene Kanzel ist reich mit Akanthus geschmückt. Unter dem Schalldeckel befindet sich die Taube des Heiligen Geistes.
Das Taufbecken im Chor stammt von 1615. Der Fuß ist mit vier aufsteigenden Voluten verziert. Die vier geflügelten Engelsköpfe am oberen Beckenrand sollen die Taufe bezeugen.

Die Orgel der Stiftskirche Fischbeck wurde 1736 von dem Orgelbauer Johann Adam Berner (Osnabrück) erbaut. Das Instrument hatte 27 Register auf zwei Manualen und Pedal. Im Laufe der Zeit wurde das Instrument in Teilen erneuert, überholt und ergänzt. Das heutige Orgelwerk wurde 2007 von dem Orgelbauer Martin Hillebrand (Isernhagen) in Anlehnung an die Disposition und den Stil des Orgelbauers Berner neu erbaut, wobei die Disposition auf nunmehr 32 Register erweitert wurde.
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Im massiven Turm des Westwerks hängen acht Glocken. Somit darf sich das Geläute der Stiftskirche zu den zehn glockenreichsten Ensembles in Niedersachsen zählen. Die Glocken stammen aus fünf verschiedenen Jahrhunderten. Während die älteste und kleinste unter ihnen, eine sog. Zuckerhutglocke, bereits im 13. Jahrhundert gegossen wurde, ist die jüngste Glocke erst 2014 entstanden. Bei der Sanierung des Westwerkes 2014 wurde der Zuckerhutglocke eine neue Krone aufgeschweißt, eine neue Glocke gegossen sowie alle Glocken von einem Stahl- in einen Holzglockenstuhl umgehängt.
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| Durchmesser | 1258 mm | 970 mm | 860 mm | 740 mm | 732 mm | 630 mm | 610 mm | 550 mm |
| Gewicht | 1210 kg | 590 kg | 422 kg | 200 kg | 263 kg | 171 kg | 146 kg | 120 kg |
| Gießer | J. G. de la Paix | F. W. Schilling | C. Bricon | A. Bachert | F. W. Schilling | unbezeichnet | ||
| Gussort | Neheim | Heidelberg | Steinheim/Westf. | Karlsruhe | Heidelberg | – | ||
| Gussjahr | 1731 | 1955 | 1679 | 2014 | 1955 | 1959 | 13. Jahrhundert | |
| Ton | es′-1 | as′-2 | b′-2 | c″-4 | des″-3 | es″-2 | f″-2 | as″±0 |
Südlich der Kirche liegt der ehemalige Klausurbezirk. Hier befanden sich um den Kreuzhof die Wohn- und Wirtschaftsgebäude. Der noch bestehende Ostflügel des Kreuzhofes ist ein Gebäude aus der Mitte des 19. Jahrhunderts mit Wohnungen für die Stiftsdamen. Der vorhandene Westflügel ist vermutlich in der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts errichtet worden. Er beherbergte einst im Obergeschoss den Schlafsaal der Nonnen und im Erdgeschoss den Kapitelsaal. Im erhaltenen Südflügel waren im Erdgeschoss Feuerstätte, Küchenräume und Refektorium. Der Kreuzgang diente als Andachts- und Prozessionsraum.
An den ehemaligen Klausurbezirk schließen sich verschiedene Wohngebäude an, die in Fachwerk errichtet worden sind.
Das Abteigebäude im südlichen Stiftsbereich ist zeitlich das Dritte in der Geschichte des Stifts. Es wurde 1783 in Fachwerkbauweise mit kleiner Freitreppe errichtet. Es ist auch heute noch der Wohnsitz der Äbtissin. Im Obergeschoss befindet sich der heutige Kapitelsaal, im Untergeschoss die Räume der Verwaltung.
1888/89 wurde von der Äbtissin Lucie von Kerssenbrock das Verbindungshaus zwischen Klostergeviert und Abteigebäude als Wohngebäude für die Stiftsdamen errichtet, es trägt deshalb ihren Namen.
Koordinaten: 52° 8′ 31″ N, 9° 17′ 50″ O