Liepāja

Liepāja Liepāja (dt. Libau)
Wappen von Liepāja Liepāja
Liepāja (Lettland)
Liepāja (Lettland)
Basisdaten
Staat:Lettland Lettland
Verwaltungsbezirk:Republik-Stadt Liepāja
Koordinaten:56° 31′ N, 21° 1′ OKoordinaten: 56° 30′ 45″ N, 21° 0′ 45″ O
Einwohner: 66.977 (1. Jan. 2024)
Fläche: 68,02 km²
Bevölkerungsdichte: 985 Einwohner je km²
Höhe: 7 m
Stadtrecht: seit 1625
Webseite: www.liepaja.lv
Postleitzahl: 3401, 3402, 3405, 3407, 3411,
3414, 3416, 3430
ISO-Code: LV-LPX
Blick über Liepāja

Liepāja (deutsch Libau, livisch Līepõ, russisch Лиепая, Либава) ist eine an der Ostsee gelegene Hafenstadt im Westen Lettlands. Mit 66.977 Einwohnern (Stand: 1. Januar 2024) ist sie die drittgrößte Stadt des Landes.

Geschichte

Mittelalter

Die Stadt entstand aus einem kleinen kurischen Dorf an der Mündung der Lyva. Erstmals erwähnt wurde der Ort als „Lyva“ im Jahre 1253. Als kleiner unbefestigter Hafenort im Staatsgebilde des Livländischen Ordens wurde Liwa (diese Schreibweise hatte sich im 14. Jahrhundert durchgesetzt) mehrmals von den Litauern niedergebrannt, unter anderem 1418. Im Hafen von Liwa wurden im 15. Jahrhundert Holz, Fleisch, Fisch und Butter umgeschlagen. Doch blieb Liwa hinter den konkurrierenden Häfen Memel und Windau zurück.

Frühe Neuzeit

Infolge der Reformation entstanden in Libau zwei lutherische Gemeinden. Die eine Gemeinde (St. Anna) bildete die Evangelischen lettischer Sprache, die andere (Trinitatis) die Evangelischen deutscher Sprache. 1560 wurde Libow als Teil der Komturei Grobiņa für fast 50 Jahre (bis 1609) an Preußen verpfändet. In dieser Zeit stieg die Bevölkerungszahl unter anderem durch Zuwanderung aus Deutschland. Die Verleihung des Stadtrechts erfolgte 1625 durch Herzog Friedrich von Kettler von Kurland und Semgallen. König Sigismund III. Wasa von Polen-Litauen bestätigte als Suzerän des Herzogs die städtischen Rechte im Jahr darauf.

Mitte des 17. Jahrhunderts wurde mit dem Bau der Hafenanlage begonnen. In den Nordischen Kriegen litt Libau weniger unter Zerstörung als unter Kontributionszahlungen an die durchziehenden Heere und mehreren Pestepidemien. 1698 zerstörte ein Großbrand den Großteil der Holzgebäude der Stadt. Der Großen Pest von 1708 bis 1714 fiel ein Drittel der Bürger zum Opfer.

Von 1697 bis 1703 wurde der Handelskanal zum Libauer See in Betrieb genommen. Der Hafen befindet sich bis heute an der verbreiterten Mündung des Kanals und war ab 1730 auch für große Schiffe befahrbar.

Plan der Stadt Libau, 1875

19. Jahrhundert

Libau fiel 1795 mit dem Herzogtum Kurland an das Russische Kaiserreich und gehörte fortan zum Gouvernement Kurland. Für Russland hatte die Stadt wegen ihres eisfreien Hafens große militärische und wirtschaftliche Bedeutung. In ihr lebten damals 4548 Einwohner. Nach mehr als hundert Friedensjahren waren es 1914 bereits 94.000. Im 19. Jahrhundert bekam Libau einen Eisenbahnanschluss (1869/1876) und wurde ein bedeutendes Industriezentrum. Ab 1899 fuhr hier die erste elektrische Straßenbahn im Baltikum. In diesem Jahr wurde auch mit dem Ausbau des Kriegshafens (siehe Karosta) als strategische Flottenbasis begonnen. Von 1906 bis 1914 bestand direkter Schiffsverkehr nach New York. Den Hafen Libaus nutzten unter anderem mehrere hunderttausend Auswanderer. Es bestand im 19. Jahrhundert ein deutschsprachiges Stadttheater.

20. Jahrhundert

Beschießung von Libau am 2. August 1914 durch den Kleinen Kreuzer Augsburg
Aufruf zur Umsiedlung der Deutschbalten 1939

Der Erste Weltkrieg begann für die Libauer am 2. August 1914 mit der Beschießung des Hafens durch ein deutsches Kriegsschiff. Am 8. Mai 1915 besetzten deutsche Truppen Libau infolge der Schlacht um Schaulen. Seit Kriegsbeginn hatte sich die Einwohnerzahl der Stadt durch Zwangsevakuierungen ins innere Russland und wirtschaftlichen Niedergang auf 43.600 im Jahr 1915 verringert. Nach dem Kriegsende besetzten die Roten Lettischen Schützen und die Rote Armee fast das ganze lettische Territorium und gründeten die Lettische Sozialistische Räterepublik mit Pēteris Stučka an der Spitze. Die lettische provisorische Regierung, die vom Volksrat in Riga proklamiert worden war, floh Anfang 1919 nach Libau, wo Schiffe der britischen Flotte ankerten. Außerdem befanden sich noch die Vertreter der Entente sowie der Soldatenrat und das Generalkommando der deutschen Truppen in der Stadt. Am 16. April 1919 fand hier ein Putschversuch einer kleinen Einheit der Baltischen Landeswehr statt, in dessen Folge ein Regierungskabinett mit dem protestantischen Pastor Andrievs Niedra als Ministerpräsidenten gebildet wurde. Der Ministerpräsident der provisorischen Regierung Kārlis Ulmanis lebte daraufhin bis zum 27. Juni 1919 auf dem Schiff „Saratow“, das unter englischem Schutz im Hafen ankerte.

Der Verkehr im Hafen sank nach 1920 auf ein Zwölftel des früheren Umfangs. Von wirtschaftlicher Bedeutung waren die Anbindung an die Eisenbahnstrecke nach Jelgava (1929) und die Gründung des Freihafens (1931). Es entstanden auch kulturelle Einrichtungen wie die Oper (1922) und die Philharmonie (1927).

In Folge des Hitler-Stalin Paktes wurde am 30. Oktober 1939 der Vertrag zur Umsiedlung lettischer Bürger deutscher Volkszugehörigkeit ins Deutsche Reich veröffentlicht. Die Aussiedlung von 51.000 Deutschbalten ins Deutsche Reich erfolgte kurzfristig. Im Frühjahr 1941 gab es noch eine sogenannte „Nachumsiedlung“ von ca. 10.500 Deutschbalten. Damit endete 1941 die 750-jährige deutschbaltische Geschichte einer gesellschaftlich, wirtschaftlich und politisch dominierenden Bevölkerungsschicht. Die Libauer Bevölkerungsstruktur wurde dadurch wesentlich verändert, 1935 hatten noch rund 4500 Deutschbalten in der Stadt gelebt.

Bekanntmachung durch SS-Führer Fritz Dietrich vom 12. Dezember 1941

Anfang 1940 wurden in Liepāja 15.000 Soldaten der Roten Armee stationiert. Im Sommer folgte die erste Besetzung des Landes. Allein am 14. und 15. Juni 1941 wurden um die 2000 Stadtbewohner nach Sibirien deportiert. Nach der Eroberung Liepājas durch deutsche Truppen am 29. Juni 1941 war die Stadt bis zum 9. Mai 1945 deutsch besetzt. Schon am ersten Tag der deutschen Besetzung begann die Schoa in Liepāja. An diesem 29. Juni wurde unter anderem der 1911 in Wien geborene Dirigent und Komponist Walter Hahn, der nach Lettland geflohen war, auf der Straße erschossen. Die meisten der über 7000 jüdischen Einwohner wurden bei den Massakern in Liepāja durch Wehrmacht, SS und der Lettische Hilfspolizei bei sogenannten Geiselerschießungen umgebracht, über 3000 davon vom 15. bis 17. Dezember 1941 in Šķēde.

1944 und 1945 war der Hafen neben Windau die wichtigste Verbindung der eingeschlossenen Heeresgruppe Kurland. Viele zehntausend Einwohner flohen per Schiff vor der Roten Armee. Nach 1945 bestand das Kriegsgefangenenlager 349 für deutsche Kriegsgefangene.

Zwischen 1945 und 1990 wurden von der sowjetischen Führung Industrie- und Fischereibetriebe eingerichtet. Der Hafen diente als Stützpunkt der Sowjetischen Marine. Während des Kalten Krieges wurde die norddeutsche Stadt Flensburg zum projektierten atomaren Ziel des sowjetischen U-Boot-Stützpunktes von Liepāja.

Bis 1974 hatte die Stadt wieder 100.000 Einwohner. Von diesen waren im Zuge der Russifizierung und Industrialisierung mehr als die Hälfte vor allem aus der RSFSR und aus anderen Sowjetrepubliken angesiedelt worden.

Willkommen in Liepāja 2027 am Ortseingang von Libau

21. Jahrhundert

Liepāja wurde am 11. Mai 2022 als Kulturhauptstadt Europas für 2027 ausgewählt, zusammen mit der portugiesischen Stadt Évora. Nach 2014 mit der Hauptstadt Riga ist Liepāja die zweite lettische Kulturhauptstadt Europas.

Sehenswürdigkeiten

Sehenswert sind die Innenstadt mit dem alten Speicherviertel, der breite und feinsandige Dünenstrand an der Ostsee sowie

Bistum Liepāja

Liepāja ist Sitz des römisch-katholischen Bistums Liepāja sowie eines gleichnamigen evangelisch-lutherischen Bistums. Beide erstrecken sich über das Gebiet von Kurland (lett.: Kurzeme).

Verkehr

Bahnhof Liepāja

Wirtschaft

Kunstgewerbeschule Liepāja, Dainas-Schürze von 1938

Hauptexportgüter sind Stahlwaren, Möbel und Textilien. Von Bedeutung ist der Dienstleistungssektor.

Der Hafen von Liepāja steht beim Güterumschlag an dritter Stelle der lettischen Häfen (hinter Riga und Ventspils). Im Jahre 2016 wurden in Liepāja 9 % der lettischen Importe und Exporte über See umgeschlagen.

Die Kunstgewerbeschule von Liepāja gehört zu den wenigen Ausbildungsstätten weltweit, an denen Wissen über die künstlerische Verarbeitung von Bernstein vermittelt wird. Auch einige der an der Rekonstruktion des Bernsteinzimmers im Katharinenpalast in Puschkin beteiligten Kunsthandwerker und Künstler haben diese Schule besucht. Die Herstellung lettische Folkloregegenstände, wie der handwerklichen Gebrauchskunst und anderes wurde gelehrt.

Partnerschaften

Städtepartnerschaften bestehen mit folgenden Städten und Gemeinden:

Persönlichkeiten

Söhne und Töchter der Stadt

Nach Geburtsjahr geordnet

Mit Liepāja verbunden

Klimatabelle

Liepāja
Klimadiagramm
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_ Temperatur (°C)   _ Niederschlag (mm)
Quelle: wetterkontor.de
Monatliche Durchschnittstemperaturen und -niederschläge für Liepāja
Jan Feb Mär Apr Mai Jun Jul Aug Sep Okt Nov Dez
Mittl. Tagesmax. (°C) −0,5 −0,4 3,0 8,4 14,7 18,4 19,9 19,9 16,1 11,3 5,8 2,0 ⌀ 9,9
Mittl. Tagesmin. (°C) −5,7 −5,8 −3,0 1,6 6,4 10,7 13,2 13,1 9,8 5,9 1,4 −2,8 ⌀ 3,8
Niederschlag (mm) 46 34 31 37 37 43 56 92 66 70 65 60 Σ 637
Sonnenstunden (h/d) 1,1 2,3 4,2 6,2 8,8 9,8 9,0 8,0 5,8 3,3 1,4 0,9 ⌀ 5,1
Regentage (d) 12 8 9 7 7 7 9 10 12 12 15 13 Σ 121
Luftfeuchtigkeit (%) 85 82 81 77 74 76 78 79 79 82 83 85 ⌀ 80,1

Literatur

Commons: Liepāja – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wikivoyage: Liepāja – Reiseführer

Einzelnachweise

  1. ↑ Postleitzahl PLZ Liepāja, Lettland – GeoPostcodes. In: de.geopostcodes.com. Abgerufen am 22. Juli 2018.
  2. ↑ Urban and rural population in regions, cities, municipalities, towns and rural territories. Central Statistical Bureau of Latvia, abgerufen am 20. Juni 2023.
  3. ↑ Imants Lancmanis: Libau. Eine baltische Hafenstadt zwischen Barock und Klassizismus. Böhlau, Köln 2007, S. 4.
  4. ↑ Hans Feldmann, Heinz von zur Mühlen (Hrsg.): Baltisches historisches Ortslexikon, Bd. 2: Lettland (Südlivland und Kurland). Böhlau Verlag, Köln 1990, S. 344.
  5. ↑ Imants Lancmanis: Libau. Eine baltische Hafenstadt zwischen Barock und Klassizismus. Böhlau, Köln 2007, S. 6.
  6. ↑ Hans Feldmann, Heinz von zur Mühlen (Hrsg.): Baltisches historisches Ortslexikon, Bd. 2: Lettland (Südlivland und Kurland). Böhlau Verlag, Köln 1990, S. 346.
  7. ↑ Imants Lancmanis: Libau. Eine baltische Hafenstadt zwischen Barock und Klassizismus. Böhlau, Köln 2007, S. 8–9.
  8. ↑ Imants Lancmanis: Libau. Eine baltische Hafenstadt zwischen Barock und Klassizismus. Böhlau, Köln 2007, S. 9.
  9. ↑ Imants Lancmanis: Libau. Eine baltische Hafenstadt zwischen Barock und Klassizismus. Böhlau, Köln 2007, S. 22.
  10. ↑ Imants Lancmanis: Libau. Eine baltische Hafenstadt zwischen Barock und Klassizismus. Böhlau, Köln 2007, S. 23.
  11. ↑ Volksbund für das Deutschtum im Ausland (Hrsg.): Handbuch des Deutschtums im Auslande. Walter de Gruyter, Berlin 1904, S. 79.
  12. ↑ Michael Garleff: Die Deutschbalten als nationale Minderheit in den unabhängigen Staaten Estland und Lettland. In: Gert von Pistohlkors (Hrsg.): Deutsche Geschichte im Osten Europas. Baltische Länder. Siedler, Berlin 1994, ISBN 3-88680-214-0, S. 451–550, hier S. 452.
  13. ↑ Marģers Vestermanis: Tā rīkojās vērmahts. Vācu militāristu loma nacistisko okupantu noziegumos Latvijā 1941–1945. Riga 1973, S. 47–48.
  14. ↑ Marģers Vestermanis: Ortskommandantur Libau. Zwei Monate deutscher Besatzung im Sommer 1941. In: Hannes Heer, Klaus Naumann (Hrsg.): Vernichtungskrieg – Verbrechen der Wehrmacht 1941–1944. Zweitausendeins, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-86150-198-8, S. 241–259.
  15. ↑ Kurt W. Böhme: Die deutschen Kriegsgefangenen in sowjetischer Hand. Eine Bilanz (= Zur Geschichte der deutschen Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkrieges, herausgegeben von Erich Maschke, Bd. 7). Verlag Ernst und Werner Gieseking, Bielefeld 1966, S. 79.
  16. ↑ Andreas Oeding, Broder Schwensen, Michael Sturm: Flexikon. 725 Aha-Erlebnisse aus Flensburg! Flensburg 2009, Artikel: Bunker
  17. ↑ Liepaja wird Europäische Kulturhauptstadt 2027. In: deutschlandfunk.de. Deutschlandfunk, 11. Mai 2022, ehemals im Original (nicht mehr online verfügbar); abgerufen am 11. Mai 2022. (Seite nicht mehr abrufbar. Suche im Internet Archive)
  18. ↑ Évora wird Europäische Kulturhauptstadt 2027, Évora wird Europäische Kulturhauptstadt 2027, abgerufen am 2. April 2023
  19. ↑ redzet.eu
  20. ↑ Austra Avotiņa, Andris Priede, Ojārs Spārītis, Dace Vosa: Latvijas Katoļu baznīcas. Jumava, Riga 2018, ISBN 978-9934-20-281-0, S. 30.
  21. ↑ Tägliche Abfahrten: Lübeck und Lettland noch enger verbunden. In: hl-live.de. 16. August 2021, abgerufen am 16. August 2021.
  22. ↑ Ostseeküsten-Route – Rigaischer Meerbusen und die Küste Kurlands
  23. ↑ Liepāja Airport – Home. Abgerufen am 20. Mai 2017 (englisch).
  24. ↑ Latvian Business Guide, Ausgabe 2018, S. 33.