Die Thermoproteota (früher auch „Crenarchaeota“ genannt, ursprünglich „Eozyten“ oder wissenschaftlich „Eocyta“) sind ein Phylum (Stamm bzw. Abteilung) einzelliger Lebewesen aus der Domäne der Archaeen (Archaea).
Früher wurden die Thermoproteota ausschließlich für Extremophile gehalten (d.h. entweder (extrem) thermophil bzw. thermoacidophil oder psychrophil), jedoch zeigten weitere Untersuchungen, dass die Thermoproteota zu den häufigsten Archaeen im Meer gehören. Diese Gruppe wird als mesophile, „marine Gruppe I“ bezeichnet.
Eigenschaften
Innerhalb der Thermoproteota findet man Organismen, die an extreme Umweltbedingungen angepasst und in Bereichen mit sehr hoher oder sehr niedriger Temperatur zu finden sind.
Viele Vertreter leben im arktischen Plankton, wo sie bei Temperaturen oft unter 0°C überleben. Diese Psychrophilen bzw. Kryophilen sind jedoch erst vereinzelt unter Laborbedingungen kultiviert worden.
Eine andere Gruppe innerhalb der Thermoproteota lebt unter hyperthermischen Bedingungen, also bei Temperaturen von 80–110°C, Pyrolobus fumarii lebt sogar bei 113°C und überlebt auch einstündiges Autoklavieren. Viele der Thermoproteota wie z.B. Sulfolobus acidocaldarius tolerieren auch hohe Säurekonzentrationen (pH-Werte von 1–2) und sind damit thermoacidophil.
Einer der am besten charakterisierten Organismen der Thermoproteota ist Sulfolobus solfataricus (heute in eine andere Gattung transferiert, nun Saccharolobus solfataricus). Ursprünglich wurde dieser Organismus aus schwefelhaltigen heißen Quellen in Italien isoliert und wächst bei 80°C und einem pH-Wert von 2–4.
Da in ihrem Lebensraum oft kein organisches Substrat vorhanden ist, leben viele von der Fixierung von Schwefel, Kohlenstoffdioxid oder Wasserstoff. Andere können jedoch auch organisches Material verstoffwechseln. Bei der Kohlenstoffdioxidassimilation verwenden sie entweder den 3-Hydroxypropionat/4-Hydroxybutyratzyklus (z.B. Sulfolobus) oder den Dicarboxylat/4-Hydroxybutyratzyklus (z.B. Desulfurococcales oder Thermoproteales).
Eine Reihe von Viren parasitiert Vertreter der Thermoproteota (oder ist zumindest mit diesen assoziiert), darunter zwei Familien der Ligamenvirales (Rudiviridae und Lipothrixviridae) und zwei Familien der Juravirales (Yangangviridae und Yanlukaviridae).
Etymologie
Der Name Thermoproteota leitet sich ab von der Typusgattung Thermoproteus und damit von altgriechischΘέρμηthermē, deutsch ‚Hitze‘ und dem griechischen Meeresgott ΠρωτεύςPrōteús, der – nach der Mythologie – verschiedene Formen annehmen konnte. Die Endung ‚-ota‘ kennzeichnet Stämme (Abteilungen bzw. Phyla).
Die alte Bezeichnung „Crenarchaeota“ stammt von altgriechischκρήνηςcrenos, deutsch ‚Ursprung‘ oder ‚Quelle‘, der Mittelteil verweist auf Archaeen, die Endung wieder auf ein Phylum: Es ist also ein Phylum urtümlich erscheinender Archaeen gemeint.
Die Bezeichnung „Eocyta“ stammt von altgriechischἝωςHéōs, deutsch ‚Morgenröte‘ – im Sinn von Frühzeit (der Erde) – und κύτοςkýtos, deutsch ‚Gefäß‘, meint also Zellen der Urzeit.
Systematik
In den Jahren um 2017 fanden sich anhand von Metagenomik-Daten Hinweise auf eine Reihe weiterer Organismen und Linien, die mit den Thermoprotei [„Crenarchaeota“ s.a.] verwandt sind. Zunächst wurden gefunden:
„Ca. Thaumarchaeota“ Brochier-Armanetetal. 2008
jetzt: Klasse NitrososphaeriaStieglmeieretal. 2014 [„Thaumarchaea“] im Phylum Thermoproteota.
Phylum „Ca. Korarchaeota“"(G)Ludwig & Klenk 2001 bzw. S.M. Barnsetal. 1996
jetzt Klasse „Ca.Korarchaeia“ Rinkeetal. 2021 (basal) im Phylum Themoproteota, evtl. aber weiter eigenes Phylum im TACK-Superphylum (jetzt Reich Thermoproteati).
Viele ursprünglich als Phyla angesehene Kladen gelten inzwischen (inhaltlich) als Klassen innerhalb der Thermoproteota. Da die bisherigen Namen mit der Endung ‚-ota‘ für Phyla stehen, gelten diese Bezeichner formal als Synonyme von ‚Thermoproteota‘ (Phylum).
in der LPSN ohne Klassenzuweisung, in der GTDB zur Klasse Nitrososphaeria (Details siehe dort), in der NCBI-Taxonomie in eigenem Phylum „Ca. Geothermarchaeota“
?Ordnung „Ca. Geothermarchaeales“ Adametal. 2022
in der LPSN Thermoproteota ohne Klassenzuweisung, in der NCBI-Taxonomie zu einem Phylum Nitrososphaerota [Aigarchaeota] ohne Klassenzuweisung, in der GTDB unbekannt
Spezies „Ca. Nitrosodeserticola subpetralis“ Hwangetal. 2021, mit
Stamm MB1
Anmerkungen
↑in der NCBI-Taxonomie im Phylum Bathyarchaeota Mengetal. 2014 [MCG].
↑In der NCBI-Taxonomie gehört diese Klade zum Phylum Nitrososphaerota des Reichs Thermoproteati (TACK-Superphylum); diese Klade wird in der LPSN als Klasse Nitrososphaeria bezeichnet − in Frage käme daher auch die GRDB-Abspaltung „Nitrososphaeria_A“.
Einzelnachweise
↑
Michael T. Madigan, John M. Martinko, Thomas D. Brock: Biology of Microorganisms. 11. Edition. Prentice Hall, 1. Januar 2005, ISBN 0-13-144329-1, 1088 Seiten (englisch)
↑Wolfram Zillig, Karl O. Stetter, Simon Wunderl, Wolfgang Schulz, Harro Priess, Ingrid Scholz: The Sulfolobus-„Caldariellard“ group: Taxonomy on the basis of the structure of DNA-dependent RNA polymerases. In: Archives of Microbiology, Band 12, Nr.3, April 1980, S.259–269; doi:10.1007/BF00446886 (englisch).
12Céline Brochier-Armanet, Bastien Boussau, Simonetta Gribaldo, Patrick Forterre:Mesophilic crenarchaeota: Proposal for a third archaeal phylum, the Thaumarchaeota. In: Nature Reviews Microbiology. Band6, Nr.3, März 2008, S.245–252, doi:10.1038/nrmicro1852, PMID 18274537 (englisch).
↑
Céline Petitjean, Philippe Deschamps, Purificación López-García, David Moreira: Rooting the Domain archaea by phylogenomic analysis supports the foundation of the new kingdom proteoarchaeota. In: Genome Biology and Evolution, Band 7, Nr.1, Januar 2015, S.191–204; doi:10.1093/gbe/evu274, ResearchGate: 269819840, ePub: 19. Dezember 2014 (englisch).
↑Panagiotis S. Adam, Guillaume Borrel, Céline Brochier-Armanet, Simonetta Gribaldo:The growing tree of Archaea: new perspectives on their diversity, evolution and ecology. In: The ISME journal. Band11, Nr.11, November 2017, ISSN1751-7370, S.2407–2425, doi:10.1038/ismej.2017.122, PMID 28777382, PMC5649171(freier Volltext) – (englisch).
12
Anthony J. Kohtz, Nikolai Petrosian, Viola Krukenberg, Zackary J. Jay, Martin Pilhofer & Roland Hatzenpichler: Cultivation and visualization of a methanogen of the phylum Thermoproteota. In: Nature, Band 632, 29. August 2024, S.1118–1123; doi:10.1038/s41586-024-07631-6, PMID 39048824; ResearchGate:368671014, ePub 24. Juli 2024 (englisch). Dazu:
↑
Keqiang Shao, Xingyu Jiang, Yang Hu, Xiangming Tang, Guang Gao: Thaumarchaeota affiliated with Soil Crenarchaeotic Group are prevalent in the alkaline soil of an alpine grassland in northwestern China. In: BMC: Annals of Microbiology, Band 69, 26. Juni 2019, S.867–870; doi:10.1007/s13213-019-01492-5 (englisch).