Itamar

Itamar
איתמר
إيتمار
Itamar (2008)
Itamar (2008)
Siedlungsart: Israelische Siedlung
Territorium: Westjordanland
(Gebiet C)
Völkerrecht und Bodenstatus:
Völkerrechtlicher Status: Völkerrechtswidrig (Art. 49 Abs. 6 GK IV, IGH-Gutachten 2024)
Rechtsgrundlage Landnahme: Militärische Beschlagnahmeorders und Deklaration zu Staatsland
Historische Landnutzung: Terrassierte Olivenhaine, Getreideanbau und Weideland
Vormalige Eigentümer: Palästinensischer Privatbesitz von Landwirten aus Nachbardörfern
Gemarkung / Nachbardörfer: Beit Furik, Awarta, Yanun
Anteil Privatland: Dokumentierter Ausbau mehrerer Außenposten auf palästinensischem Privatland (45,07 % der Siedlung)
Schutzzone (Sperrgebiet): Sperrzonen (Special Security Zone) sperren Olivenhaine palästinensischer Bauern ab
Gerichtsentscheidungen: Bagatz-Grundsatzurteil HCJ 9593/04 zum Zugang zu Olivenhainen und zur Schutzpflicht der Armee
BDS-Relevanz: Landwirtschaftliche Exportgüter (Olivenöl, Wein)
Israelische Administration:
Israelische Verwaltung: Bezirk Judäa und Samaria
Regionalverwaltung: Schomron
Kommunalstatus: Jischuw (Gemeindeverwaltung)
Gegründet: 1984
Koordinaten: 32° 11′ N, 35° 18′ OKoordinaten: 32° 10′ 42″ N, 35° 18′ 25″ O
Höhe: 660 m
Einwohner: 1.490 (2022)
Telefonvorwahl (en): (+972) 9
Itamar (Westjordanland)
Itamar (Westjordanland)
Itamar
Lage im Westjordanland

Itamar (hebräisch איתמר) ist eine israelische Siedlung im seit 1967 besetzten Westjordanland. Die Siedlung wurde 1984 gegründet und wurde nach dem biblischen Itamar, dem jüngsten Sohn Aarons, benannt.

Lage

Itamar liegt südöstlich von Nablus. Auf den Hügeln östlich von Itamar befinden sich sieben Außenposten.

Geschichte und Ideologie

Itamar wurde im Mai 1984 von Familien aus dem Umfeld der Jerusalemer Jeschiwa Machon Meir gegründet, zunächst unter dem Namen Tel Chaim. Die Siedlung entstand auf dem Areal, auf dem die Gruppe um Elon Moreh 1979 nach einem Urteil des israelischen Obersten Gerichts wegen der Beschlagnahmung von palästinensischem Land in Privatbesitz geräumt worden war. Die Gemeinschaft gehört zur Strömung des religiösen Zionismus und beruft sich auf Vorstellungen der Bewegung Gusch Emunim sowie auf Rabbiner Zwi Jehuda Kook. Aus dieser weltanschaulichen Sicht wird die israelische Besiedlung des Westjordanlands als religiöse Pflicht und messianischer Anspruch auf das gesamte biblische Land betrachtet.

Ab Mitte der 1990er Jahre entstanden um Itamar mehrere nicht autorisierte Außenposten, darunter landwirtschaftliche Farmen und Siedlungspunkte auf den umliegenden Hügeln. Zweck dieser Außenposten war es, die israelische Kontrolle über das Gebiet C strategisch auszubauen, die Ausdehnung benachbarter palästinensischer Dörfer zu blockieren und eine künftige territoriale Übergabe an eine palästinensische Selbstverwaltung durch die Schaffung vollendeter Tatsachen zu verunmöglichen.

Als Vorbild dieser Praxis gilt die von Avri Ran gegründete Farm Giv'ot Olam (World Hill) auf Hügel 777. Sie entwickelte sich zu einem Kernpunkt der Hilltop Youth (Noar haGva'ot). Deren Anhänger verweigern nicht nur die Befolgung israelischer Baustopps, sondern schränken die Bewegungsfreiheit der palästinensischen Nachbardörfer durch permanente Übergriffe, Schüsse in die Luft und die Zerstörung von Olivenbäumen gezielt ein. Die anhaltenden Angriffe führten unter anderem dazu, dass die Bewohner des unterhalb der Außenposten gelegenen Dorfes Khirbat Yanun ihren Heimatort zeitweise vollständig verlassen mussten.

Israelisch-Palästinensischer Konflikt

Der Ort und die nähere Umgebung sind für häufige Gewalttaten sowohl von israelischer als auch von palästinensischer Seite bekannt. 2011 ereignete sich der Mord an fünf Mitgliedern der Siedlerfamilie Fogel.

Das Büro der UN, welches sich um die Koordinierung von humanitären Angelegenheiten kümmert (UNOCHA), Menschenrechtsorganisationen und Medien berichteten über eine überdurchschnittlich hohe Zahl an gewaltsamen Übergriffen von Einwohnern aus Itamar gegenüber Palästinensern. B'Tselem kritisierte, dass „israelische Autoritäten es verabsäumt hätten, gewalttätige Siedler anzuklagen“ Die Haaretz berichtete, dass die israelische Armee Palästinenser daran hindere, ihr eigenes Land in der Nähe Itamars zu bestellen. Siedler aus Itamar haben wiederholt Palästinenser angegriffen, ihr Eigentum beschädigt, sie bei der Olivenernte gehindert und Oliven gestohlen.

Das kleine Dorf Yanun, das von zwei Außenposten der Siedlung Itamar flankiert ist, musste von dessen Bewohnern aufgegeben werden, nachdem sie wiederholt von den Außenposten aus angegriffen wurden, ohne dass die israelische Armee eingriff. Die Dorfbewohner verließen 2002 ihre Heimat und siedelten in das nahegelegene Dorf Aqraba über.

Völkerrechtlicher und administrativer Status

Itamar liegt im seit dem Sechstagekrieg von 1967 von Israel besetzten Westjordanland. Gemäß dem 1995 im Rahmen des Oslo-Friedensprozesses geschlossenen Interimsabkommens (Oslo II) befindet sich die Siedlung im sogenannten Gebiet C, in dem Israel die ausschließliche zivile Administration und militärische Sicherheitskontrolle ausübt.

Der Bau und die fortdauernde Präsenz der israelischen Siedlungen verstoßen nach international vorherrschender Rechtsauffassung gegen das Völkerrecht. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) sowie der Internationale Gerichtshof (IGH) stufen das Westjordanland als besetztes Gebiet ein, auf das die Bestimmungen der IV. Genfer Konvention Anwendung finden. Gemäß Art. 49 Abs. 6 dieser Konvention ist es der Besatzungsmacht untersagt, Teile ihrer eigenen Zivilbevölkerung in das besetzte Gebiet zu transferieren.

Diese Rechtsauffassung wurde unter anderem im Dezember 2016 durch die Resolution 2334 des UN-Sicherheitsrates bekräftigt, in der festgestellt wird, dass israelische Siedlungsaktivitäten keine Rechtsgültigkeit besitzen und eine eklatante Verletzung des Völkerrechts darstellen. Die israelische Regierung bestreitet die Anwendbarkeit von Art. 49 Abs. 6 GK IV auf das Westjordanland unter Berufung darauf, dass das Gebiet vor 1967 unter keiner international anerkannten Souveränität gestanden habe und die Siedler freiwillig dorthin zögen. Diese Rechtsauffassung wird von den Vereinten Nationen, dem Internationalen Gerichtshof sowie den Vertragsparteien der Genfer Konventionen nahezu einhellig zurückgewiesen, und steht im Widerspruch zu internen Dokumenten der israelischen Regierung von 1967.

Außenposten

Zur Siedlung Itamar gehören einige Außenposten: The Point gegründet 1996, Hügel 836, Hügel 851 und Giv'ot Olam gegründet 1998, Hügel 777 und Hügel 782 gegründet 1999, und das 2002 gegründete Itamar Nord.

Demografie

Das israelische Zentralbüro für Statistik gibt bei den Volkszählungen vom 4. November 1995 und vom 28. Dezember 2008 für Itamar folgende Einwohnerzahlen an:

Jahr der Volkszählung19952008
Anzahl der Einwohner298785
Commons: Itamar – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ Legal Consequences arising from the Policies and Practices of Israel in the Occupied Palestinian Territory, including East Jerusalem. Internationaler Gerichtshof, 19. Juli 2024, abgerufen am 25. Oktober 2026 (englisch).
  2. ↑ Convention (IV) relative to the Protection of Civilian Persons in Time of War – Article 49. IKRK, abgerufen am 25. Oktober 2026 (englisch).
  3. ↑ Eyal Hareuveni: Land Grab: Israel's Settlement Policy in the West Bank. (PDF; 3,9 MB) B’Tselem, Mai 2002, S. 47–56, abgerufen am 25. Oktober 2026 (englisch).
  4. ↑ Beit Furik Town Profile. (PDF; 1,4 MB) ARIJ, 2014, S. 16–18, abgerufen am 25. Oktober 2026 (englisch).
  5. ↑ The Great Land Grab. Yesh Din, März 2013, abgerufen am 25. Oktober 2026 (englisch).
  6. ↑ ‘Awarta Village Profile. (PDF; 1,2 MB) ARIJ, 2014, abgerufen am 25. Oktober 2026 (englisch).
  7. ↑ Dror Etkes, Hagit Ofran: Guilty! Construction of Settlements upon Private Palestinian Land. (PDF; 2,1 MB) Peace Now, November 2006, S. 22–24, abgerufen am 25. Oktober 2026 (englisch).
  8. ↑ Access Denied: Israeli measures to deny Palestinians access to land around settlements. B’Tselem, September 2008, abgerufen am 25. Oktober 2026 (englisch).
  9. ↑ BAGATZ, Urteil vom 26. Juni 2006, Az. HCJ 9593/04 (Rashad Murar u. a. gegen Militärkommandeur im Westjordanland), PD 61(1) 844.
  10. ↑ Yesh Din: HCJ 9593/04: Morar et al. v. Commander of IDF Forces in the West Bank (The Olive Harvest Case). In: Yesh Din. 26. Juni 2006, abgerufen am 24. Oktober 2026 (englisch).
  11. ↑ David Kretzmer, Yaël Ronen: The Occupation of Justice: The Supreme Court of Israel and the Occupied Territories. 2. Auflage. Oxford University Press, New York 2021, ISBN 978-0-19-094073-7, S. 215–218 (englisch).
  12. ↑ אוכלוסייה ביישובים 2022 (Population in Localities 2022). (XLSX; 120 kB) Israelisches Zentralbüro für Statistik, 31. Dezember 2023, abgerufen am 23. Oktober 2026 (hebräisch).
  13. ↑ Carta's Official Guide to Israel and Complete Gazetteer to all Sites in the Holy Land, Jerusalem, 3. Auflage 1993, S. 223, ISBN 965-220-186-3
  14. ↑ ORF: Fünf israelische Siedler im Westjordanland getötet
  15. ↑ Community in Focus: Itamar. In: Blessed Buy Israel. 16. Mai 2021, abgerufen am 22. Oktober 2026 (englisch).
  16. ↑ Motti Inbari: Messianic Religious Zionism Confronts Israeli Territorial Compromises. Cambridge University Press, Cambridge / New York 2012, ISBN 978-1-107-00912-7, S. 43 (englisch).
  17. ↑ Motti Inbari: Messianic Religious Zionism Confronts Israeli Territorial Compromises. Cambridge University Press, Cambridge / New York 2012, ISBN 978-1-107-00912-7, S. 4–5, 15–21 (englisch).
  18. ↑ Idith Zertal, Akiva Eldar: Lords of the Land: The War Over Israel's Settlements in the Occupied Territories, 1967–2007. Nation Books, New York 2007, ISBN 978-1-56858-414-0, S. 118–122 (englisch).
  19. ↑ Talia Sasson: Summary of the Opinion Concerning Unauthorized Outposts (Sasson-Report). Israel Ministry of Foreign Affairs, 10. März 2005 (englisch, un.org).
  20. ↑ Peace Now: The Minister of Defense Approves 538 New Units in Itamar. Settlement Watch, 13. November 2012 (englisch, org.il).
  21. ↑ Samantha M. Shapiro: The Unsettlers. In: The New York Times Magazine. 16. Februar 2003 (englisch, nytimes.com [abgerufen am 22. Oktober 2026]).(archive.org)
  22. ↑ B’Tselem: Settler Violence = State Violence: The Case of Itamar and its Outposts. B’Tselem, November 2021 (englisch, btselem.org [abgerufen am 22. Oktober 2026]).
  23. ↑ Land Grab. Israel's Settlement Policy in the West Bank. B'tselem, Mai 2002, S. 99, abgerufen am 28. März 2011 (englisch).
  24. ↑ Amira Hass: It's the pits In: Haaretz, 25. Oktober 2002. Abgerufen am 7. April 2011 (englisch). 
    Protection of Civilians Weekly Report 24–30 Oktober 2007. United Nations Office for the Coordination of Humanitarian Affairs, Oktober 2007, S. 6, archiviert vom Original am 5. Juli 2010; abgerufen am 4. April 2011 (englisch).
  25. ↑ Protection of Civilians Weekly Report 26. September – 2. Oktober 2007. United Nations Office for the Coordination of Humanitarian Affairs, Oktober 2007, S. 5, archiviert vom Original am 5. Juli 2010; abgerufen am 4. April 2011 (englisch).
  26. ↑ Settlers attack Palestinian olive pickers in West Bank In: Haaretz, 19. Oktober 2002. Abgerufen am 7. April 2011 (englisch). 
  27. ↑ Legal Consequences arising from the Policies and Practices of Israel in the Occupied Palestinian Territory. Internationaler Gerichtshof, 19. Juli 2024, S. Rn. 65 f., abgerufen am 22. Oktober 2026 (englisch).
    Vergleiche medico international: Was sind die C-Gebiete? 2. Juli 2020, abgerufen am 22. Oktober 2026.
  28. ↑ Bundeszentrale für politische Bildung: Naher Osten: Westjordanland. In: Informationen zur politischen Bildung. 2021 (bpb.de [PDF; abgerufen am 22. Oktober 2026]).
  29. ↑ Legal Consequences of the Construction of a Wall in the Occupied Palestinian Territory – Advisory Opinion. In: UNISPAL. Internationaler Gerichtshof, 9. Juli 2004, abgerufen am 22. Oktober 2026 (englisch).
  30. ↑ Legal Consequences Arising from the Policies and Practices of Israel in the Occupied Palestinian Territory, including East Jerusalem – Summary of the Advisory Opinion of 19 July 2024. (PDF; 350 kB) In: UNISPAL. Internationaler Gerichtshof, 19. Juli 2024, abgerufen am 22. Oktober 2026 (englisch).
  31. ↑ Legal Consequences of the Construction of a Wall in the Occupied Palestinian Territory. Internationaler Gerichtshof, 9. Juli 2004, S. Rn. 120, abgerufen am 22. Oktober 2026.
  32. ↑ Legal Consequences arising from the Policies and Practices of Israel in the Occupied Palestinian Territory. Internationaler Gerichtshof, 19. Juli 2024, S. Rn. 111–115, abgerufen am 22. Oktober 2026 (englisch).
  33. ↑ Resolution 2334 (2016). Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, 23. Dezember 2016, abgerufen am 22. Oktober 2026 (englisch).
  34. ↑ Israeli Settlements and International Law. Israel Ministry of Foreign Affairs, 30. November 2015, abgerufen am 22. Oktober 2026 (englisch).
  35. ↑ Protecting civilians in good faith: The Updated Commentary on the Fourth Geneva Convention. In: icrc.org. 8. November 2025, abgerufen am 22. Oktober 2026 (englisch).
  36. ↑ un.org - Conference of High Contracting Parties to the Fourth Geneva Convention: Declaration. Geneva, 5 December 2001
  37. ↑ David Kretzmer (2017): Settlements in the Supreme Court of Israel ("The UN Security Council, the International Court of Justice (ICJ), and the International Committee of the Red Cross, as well as many states, have declared that by establishing civilian settlements in the OPT Israel violates Article 49(6) of the Fourth Geneva Convention, which prohibits an occupying power from transferring part of its civilian population into the occupied territory. Notwithstanding this legal consensus...")
  38. ↑ Yoram Dinstein: The International Law of Belligerent Occupation. 2. Auflage. Cambridge University Press, Cambridge 2019, ISBN 978-1-108-49811-1, S. 289–292 (englisch).
  39. ↑ Legal Consequences of the Construction of a Wall in the Occupied Palestinian Territory. Internationaler Gerichtshof, 9. Juli 2004, S. Rn. 90–101, 120, abgerufen am 22. Oktober 2026.
  40. ↑ Memorandum from Theodor Meron, Legal Adviser, Ministry of Foreign Affairs of Israel to Director General, Prime Minister's Office on Geneva Convention: Blasting Homes and Deportation (Mar. 12, 1968), translation provided by HaMoked: Center for the Defence of the Individual, PDF on militarycourtwatch.org. Discussed by the Autor himself in Theodor Meron: "The West Bank and International Humanitarian Law on the Eve of the Fiftieth Anniversary of the Six-Day War", Cambridge University Press,10 May 2017.
  41. ↑ Settlement Outposts. Foundation for Middle East Peace, archiviert vom Original am 12. Juli 2012; abgerufen am 30. März 2011 (englisch).
  42. ↑ Zentralbüro für Statistik